Wir verkörpern eine Botschaft, die nicht jedem gefällt: Niemand steht über dem Gesetz. Hans-Peter Kaul

„Ich hoffe, dass wir überflüssig werden“

Die Sturm- und Drang-Jahre hat Greenpeace längst hinter sich. Heute hat man hat den Eindruck, die Rainbow Warrior lassen es etwas ruhiger angehen. Aber ist das wirklich so? Und wenn ja, ist es nicht gefährlich, wenn eine wichtige Stimme zu den Folgen des Klimawandels schweigt? The European sprach mit Thomas Breuer, Leiter des Bereichs Klima und Energie bei Greenpeace.

The European: Alles blickt auf die Klimakonferenz in Kopenhagen im Dezember. Von Greenpeace aber hört man nichts. Warum?
Breuer: Das ist eine Fehleinschätzung. Die Banner-Aktion “Wenn die Welt eine Bank wäre, hättet Ihr sie längst gerettet!” an den Türmen der Deutschen Bank in Frankfurt ist weithin wahrgenommen worden, gerade heute protestieren Greenpeace-Aktivisten gegen Merkels Klimapolitik am Braunkohlekraftwerk Jänschwalde. Derzeit sind wir mit Wissenschaftlern auf unserem Schiff “Arctic Sunrise” unterwegs, um zu erforschen, wie sich der Klimawandel auf die Arktis auswirkt. Wir gehen gegen den Abbau von Ölsand in Kanada und Urwaldzerstörung in Indonesien vor, die erheblich zum Klimawandel beiträgt.

The European: Sind das nicht viele unsichtbare kleine Einzelaktionen von geringer Wirkung? Bei Brent Spar war es umgekehrt.
Breuer: Die hohe Aufmerksamkeit für die Brent Spar war einmalig. Wirkungsvoll sind unsere Kampagnen auch heute, die Präsenz in den Medien ist hoch. Den Wunsch nach mehr Sichtbarkeit gab es immer. Wir müssen mit den Mitteln zurechtkommen, die wir haben, und diese nutzen wir sehr gut. Greenpeace setzt vor allem am Kern des Problems an: der Energiewirtschaft und der Energiepolitik. Greenpeace geht gegen den Bau weiterer Kohlekraftwerke vor und hat dabei geholfen, dass der Atomausstieg zum Wahlkampfthema wird. Atomkraft verschlingt zu viel Geld, blockiert damit die erneuerbaren Energien und hilft vor allem nicht gegen den Klimawandel – sie ist mengenmäßig einfach zu unwichtig. Wenn Sie aber sagen wollen, dass es in einer medial immer zerstreuteren Öffentlichkeit schwieriger wird, breit durchzudringen, dann gebe ich Ihnen recht. Darauf richtet sich Greenpeace ein. Wir twittern, sind aktiv bei Facebook, YouTube und anderen Kanälen. Mit “GreenAction” haben wir unsere eigene offene Kampagnen-Community gestartet.

The European: Aber eine große Klimakampagne gibt es nicht. Warum tut sich Greenpeace gerade bei diesem Thema so schwer?
Breuer: Was soll denn bitte schön eine große Klimakampagne sein? Die kann nicht als Idee über allem schweben, Kampagnen müssen direkt die Ursachen angehen und die Verantwortlichen benennen. Klimawandel ist die Summe der Auswirkungen von Verkehr, Landwirtschaft, Urwaldzerstörung und vor allem der Energiewirtschaft. An all diesen Problemen setzt Greenpeace an und richtet fast alle Aktivitäten am Klimaschutz aus. Richtig ist, dass es nicht mehr um Teilaspekte geht. Eine Kampagne musste bislang nur den Gegner davon überzeugen, sein Verhalten zu ändern, wie seinerzeit Shell bei der Brent Spar. Jetzt geht es beim Klimaschutz letztlich darum, die Weltwirtschaft umzusteuern.

The European: Greenpeace hat in den letzten Jahren immer mehr Konkurrenz von anderen grünen NGOs bekommen. Zusätzlich geben sich auch Politik und Wirtschaft immer umweltbewusster. Wie hebt sich da Greenpeace noch ab?
Breuer: Wir sind meinungsstark, wissen uns durchzusetzen und finden auch entsprechend Gehör. Im Übrigen sieht sich Greenpeace nicht als Konkurrent. Für die gewaltigen Probleme, die die Menschheit lösen muss, braucht es den Einsatz von möglichst vielen. Eine umweltbewusste Wirtschaft und Politik kann ich in der Breite noch nicht erkennen. Im Wesentlichen handelt es sich immer noch um den alten Kurs, der uns diese Probleme beschert hat und sie weiter verschärft.

The European: Dann wird Greenpeace niemals überflüssig?
Breuer: Ich hoffe eigentlich, dass wir überflüssig werden, denn dann wären die Probleme erledigt, die wir lösen wollen. Aber ich bin Realist. Menschliches Handeln greift in großem Stil und immer schneller in die Natur ein. Es braucht viele unterschiedliche Organisationen, um dem etwas entgegenzusetzen. Für uns wird es immer mehr Arbeit geben, als wir bewältigen können. Greenpeace wird noch sehr lange eine wichtige Rolle spielen.

The European: Versorgungssicherheit spielt bei Klimapolitik eine große Rolle. Wenn Sie deutscher Kanzler wären und Ihr Kabinett ausschließlich mit Greenpeace-Vertretern besetzen könnten, woher bekämen wir Deutschen dann unseren Strom?
Breuer: Das ist relativ einfach. Bis zum Jahr 2015 würden wir aus der Atomkraft aussteigen, bis 2020 würden erneuerbare Energien 37 Prozent des Stroms liefern, 2040 würde das letzte Kohlekraftwerk abgeschaltet und 2050 wäre die gesamt Energieversorgung Deutschlands CO2-frei. Für den Ausstieg aus Atom und Kohle würden wir in Energieeffizienz investieren, erneuerbare Energien massiv ausbauen und in der Übergangszeit verstärkt Kraftwärmekopplung auf Gasbasis einsetzen. Desertec brächte uns Sonnenstrom aus der Wüste. Deutschland würde unabhängig von Energierohstoffimporten. Nachlesen können Sie das in unserem “Klimaschutz: Plan B 2050”. Der ist zwar anspruchsvoll und fordert den Betrachter. Aber unter anderem damit treiben wir den Konflikt um die Energiepolitik weiter, denn eine Energiewende in Deutschland ist die wahre Klimakampagne.

The European: Was waren Ihre persönlichen Motive, sich bei Greenpeace zu engagieren?
Breuer: Ich will mich gesellschaftspolitisch engagieren, mich für Gerechtigkeit einsetzen und meinen Kindern eine Welt mit den Lebensbedingungen hinterlassen, wie wir sie jetzt noch haben.

The European: Und was tun Sie dafür privat?
Breuer: Ich nutze Ökostrom von Greenpeace Energy, umgehe die Stand-by-Funktionen meiner Geräte und kaufe im Wesentlichen Ökolebensmittel. Ich esse wenig Fleisch, dessen Erzeugung hat einen massiven Klimaeffekt. Ich besitze kein Auto, fahre Bahn und in der Stadt Fahrrad.

Hat Ihnen das Interview gefallen? Lesen Sie auch ein Gespräch mit Kumi Naidoo: „Das System ist kaputt“

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