Unternehmer werden zwar gebraucht, aber nicht mehr bewundert. Das war früher anders. Ehrhardt Bödecker

Es geht auch ohne tote Bäume

Das Ende bedruckten Papiers mag die Zeitungsboten bedrohen, nicht aber den Journalismus. Gerade die Informationsflut im Netz macht guten Journalismus heute wichtiger denn je.

Wer noch die Bilder vom Ende der „Financial Times Deutschland“ vor Augen hat, sieht vor allem eines: lachsfarbenes Papier. Vielleicht haben wir tatsächlich eine „sinnlose, egoistische Obsession mit toten Bäumen“, wie der Zeitungsmogul David Montgomery einst meinte. Es ist ja mehr oder weniger ein historischer Zufall, dass das „Selbstgespräch der Zeit“ so lange vornehmlich auf Papier stattfand.

Selbstverständlich sind Medienumbrüche oft mit unangenehmen Veränderungen für jene verbunden, die Medien machen. Als Gutenberg den Buchdruck erfand, war dies das Ende der handschriftlichen Kopierer. Man nutzte seine Erfindung vor allem dazu, Bücher nun mittels der Druckpresse zu kopieren. Erst 150 Jahre später wurde die Zeitung erfunden. Vor dem Hintergrund solch langer Zeiträume scheint es retrospektiv verständlich, dass viele Zeitungsverlage den Weg von der analogen in die digitale Welt zunächst verschlafen haben.

Nicht mehr zwingend, nachts Unmengen von Papier zu bedrucken

Aber die „Financial Times Deutschland“ startete im Jahr 2000! Und dies mit einer jungen, dynamischen Redaktion, die viele Preise für innovative Grafiken gewann. Dennoch setzte man vor allem auf gedruckte Nachrichten. Innovationen des Journalismus, zum Beispiel im Netz mit größeren Datenmengen arbeiten zu können und diese dann auch grafisch anschaulich animiert darzustellen, wurden zu wenig genutzt.

Wenn der gesellschaftliche Diskurs zunehmend im Internet stattfindet, wird sich die journalistische Aufgabe der gesellschaftlichen Selbstbeobachtung nicht mehr vornehmlich auf bedrucktem Papier erfüllen lassen. Längst beeindruckt es junge Menschen offenbar nicht mehr so sehr, ob ein Artikel im „Spiegel“ oder in der „Zeit“ erscheint, oder auf der jeweiligen Online-Plattform. Hier müssen sich die Vorstellungen noch stärker wandeln. Wer auf die Internet-Herausforderung vor allem mit Kosteneinsparungen bei den Redaktionen reagiert, ist auf dem Holzweg.

Es ist heute schlichtweg nicht mehr zwingend, nachts Unmengen von Papier zu bedrucken und im ganzen Land zu verteilen, damit die Bürger an Qualitätsjournalismus gelangen. Weniger Papier hat neben offensichtlichen ökologischen Vorteilen für unsere Umwelt auch ganz konkrete ökonomische Vorteile für die Verlage. Druck- und Vertriebskosten entfallen im Netz, wenn der Einsiedler auf einer Nordseeinsel oder in einem Alpental sich seine Zeitung als E-Paper auf sein iPad lädt. Das mag die Zeitungsboten bedrohen, nicht aber den Journalismus.

Natürlich muss man, bloß weil der Vertriebsweg nun so viel günstiger ist, die digitale Zeitung im Netz nicht verschenken. Guter Journalismus muss weiterhin etwas kosten. Aber die Verlage haben über Jahre im Netz jene Gratiskultur selbst mitproduziert, unter der sie jetzt so stark leiden. Langsam erst setzt sich die Erkenntnis durch, dass man damit das eigene Geschäftsmodell gefährdet. Jetzt wird an Bezahlmodellen im Netz gebastelt. Während dabei wohl noch einige Zeit für technologisches Tüfteln ins Land gehen wird, wachsen langsam aber sicher die Anzeigenerlöse im Netz. Hier sollte wiederum etwas Geduld geübt werden.

Finanzierungskrise (noch) keine Krise des Journalismus

Die hundert Jahre Zweisamkeit zwischen Anzeigengeschäft und journalistischem Inhalt scheinen für viele schon vorbei zu sein. Doch wird oft übersehen, dass auch die Anzeigenfinanzierung des Printjournalismus einst nicht vom Himmel fiel, sondern erst über einen sehr langen Zeitraum entstanden ist und dann eine sehr solide finanzielle Grundlage für exzellenten Journalismus darstellte. Dabei haben sich übrigens keine reinen Anzeigenblätter durchgesetzt, sondern geworben wurde vor allem neben gutem Journalismus. Dieses Modell ins Netz zu übertragen, ist die Aufgabe der Verleger. Den guten Journalismus müssen die Journalisten liefern, auch indem sie sich weiterentwickeln und die Möglichkeiten im Netz für sich nutzen. Denn gerade die dortige Informationsflut macht guten Journalismus heute wichtiger denn je. Das Netz ist nicht das Ende des Journalismus, sondern ein neuer Anfang.

Die schon lang anhaltende Krise der Finanzierung des Journalismus ist eigentlich (noch) keine Krise des Journalismus, so wenig wie die europäische Finanzkrise in erster Linie eine Euro-Krise ist. Natürlich kann beides noch werden. Im Falle des Journalismus müssen wir uns ebenso gegen ein Marktversagen schützen wie auf den internationalen Finanzmärkten. Dabei erscheinen staatsnahe Stiftungsmodelle und Initiativen des Crowdfunding zunächst eher substitutiv als substanziell. Doch wenn es den Verlegern langfristig nicht gelingt, ein Geschäftsmodell für Journalismus im 21. Jahrhundert zu entwickeln, kann ihnen diese wichtige gesellschaftliche Aufgabe nicht mehr allein überlassen bleiben. Wie Habermas zu Recht sagt, kann sich eine Demokratie in diesem Bereich kein Marktversagen leisten.

Auch der Staat kann helfen, indem er den verminderten Mehrwertsteuersatz auf Presseprodukte zum einen weiter senkt und auch stärker auf journalistische Angebote im Netz überträgt. Doch eigentlich ist der Staat nicht der ideale Partner zur Erhaltung eines kritischen und investigativen Journalismus, denn dieser soll ja vor allem den Staat kontrollieren. Hierzu bedarf es neben dem sehr wichtigen Journalismus im öffentlich-rechtlichen Radio und Fernsehen auch der kritischen Berichterstattung eines privatwirtschaftlich organisierten und finanzierten Journalismus; auch im Netz und nicht nur auf bedrucktem Papier.

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