Eine zarte Seele ist Voraussetzung für erfolgreiche Politik. Anton Hofreiter

Mit Gentechnik!

Gentechnikgegner fordern schon lange eine weitergehende Kennzeichnung von sogenanntem Genfood. Befürworter neuerdings erstaunlicherweise sogar eine allumfassende. Gegen die wehren sich die Ersten aber mit Händen und Füßen.

Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU) hat im Agrarpolitischen Bericht der Bundesregierung bekannt gegeben, dass auch künftig Milch- und Fleischprodukte von Tieren, die mit genveränderten Futtermittel gefüttert wurden, nicht gekennzeichnet werden müssen.

Harald Ebner, „Gentechnikexperte“ der Grünen-Fraktion, sagt dazu: „Die Bundesregierung betrügt die Bürgerinnen und Bürger, die Gentechnik im Essen und auf den Äckern mehrheitlich ablehnen, ein weiteres Mal.“ Und bekommt zur Antwort, so sei es nicht gemeint, der Minister müsse nur erst auf die anderen EU-Mitgliedstaaten zugehen, „um eine Mehrheit zu organisieren“.

Schauen wir uns das Gerede von Transparenz und Wahlfreiheit einmal genauer an. Es fällt vor allem eines auf: Gentechnikgegner sind sehr wählerisch, wenn es darum geht, wo ein Hinweis aufgedruckt werden soll. Als Genfood wollen sie nur die Produkte bezeichnen, die in Konkurrenz zu dem stehen, was sie als gentechnikfrei verkaufen wollen. Keinesfalls aber alle Lebensmittel, bei deren Erzeugung gentechnische Methoden zum Einsatz kommen, wie z.B. Käse.

Die Logik aller Pflichtkennzeichnung

Wenn man aber Gentechnik aus weltanschaulichen Gründen (Eingriff in die Schöpfung o.Ä.) oder auf Basis der Beschwörung sogenannter „unbekannter“ (und damit ja irgendwie unermesslicher) Risiken ablehnt, dann hat es keinen Sinn, Milch als „Gen-Milch“ zu denunzieren, weil die Kühe gv-Soja gefressen haben, aber Käse nicht zu bemängeln, der fast nur noch mit gentechnisch hergestelltem Chymosin produziert wird und nicht mehr mit Lab aus Kälbermägen.

„Wenn schon, dann richtig“, sagen nun einige Befürworter der Gentechnik vom Forum Grüne Vernunft, die eine Petition beim Bundestag eingereicht haben. Sie fordern, „dass alle Lebens-, Arznei-, Futter-, Reinigungs- und Waschmittel, Textilien und andere Produkte, bei deren Herstellung und Weiterverarbeitung gentechnologische Verfahren eingesetzt wurden, auf der Verpackung zu kennzeichnen sind“.

Die Logik aller Pflichtkennzeichnung war bisher, dass auf Risiken verwiesen wird. Der Verbraucher soll die Chance haben, Inhaltsstoffe zu vermeiden, die entweder für ihn persönlich ein Problem sind, typischerweise allergieauslösende Stoffe, oder die er aus gesundheitlichen Gründen vermeiden möchte, etwa große Mengen Zucker. Es geht also darum, das Produkt nach seinen Inhaltsstoffen zu beurteilen und nicht nach den Methoden seiner Erzeugung. Deshalb verweist man z.B. auf das (natürliche) Vorhandensein, aber nicht auf das (gentechnische) Entfernen eines Allergens.

Kein wünschenswertes Ziel von Kennzeichnungen und nicht Aufgabe staatlicher Vorschriften ist es, Menschen zu ermöglichen, weltanschauungskonform zu konsumieren. Deshalb gibt es keine Kennzeichnungspflicht für nicht-koschere Lebensmittel, keine für Gemüse, das von Scientologen angebaut wird, und eben auch keine für Lebensmittel, die mit Hilfe von Gentechnik erzeugt wurden. (Selbstverständlich steht es aber jedem Erzeuger frei, seine Produkte mit irgendwelchen weltanschaulichen Benefits zu bewerben und sich dafür ein Logo auszudenken, zum Beispiel „Ohne Gentechnik“, womit seit 2008 diverse Produkte besorgten Müttern die Gewissheit geben, für ihre Kinder nur das Beste zu kaufen.)

Was heißt überhaupt „gentechnisch verändert“?

Eine Kennzeichnung ist aus einem weiteren Grund unsinnig. Der wissenschaftliche Fortschritt bringt es mit sich, dass immer unklarer wird, was man als gentechnisch verändert bezeichnen soll. Klassischerweise sind das Organismen, in deren Erbgut ein Gen einer anderen Spezies übertragen wurde, etwa der weit verbreitete Bt-Mais. Der enthält ein Gen aus einem Bakterium, das dafür sorgt, dass er ein Protein produziert, das ihn vor bestimmte Fraßinsekten schützt, weil es sich im Darm der Insekten in ein Gift umwandelt.

Kürzlich wurde festgestellt, dass bei der Süßkartoffel eine solche Genübertragung von gleich vier Bakteriengenen vor etwa 8000 Jahren ganz ohne menschliches Zutun erfolgt ist. Nun kann man argumentieren, auch die Süßkartoffel müsse als Genfood deklariert werden. Korrekter wäre sogar, zu schlussfolgern, dass alle Gentech-Pflanzen doch keine sind. Denn laut Gesetz gelten als solche nur Organismen „deren genetisches Material so verändert wurde, wie es auf natürliche Weise durch Kreuzen und/oder natürliche Rekombination nicht möglich wäre“. Und wie wir jetzt wissen, kommen solche Veränderungen eben doch auch natürlich vor.

Auch neue, immer präzisere gentechnologischen Methoden (Genome Editing) sorgen für Unschärfe. Heute ist es möglich, und in Zukunft wird es üblich sein, dass Pflanzen optimiert werden, ohne dass Gene von anderen Arten auf sie übertragen werden. Stattdessen wird das Erbgut direkt, DNA-Buchstabe für DNA-Buchstabe, umgeschrieben. Somit entfällt das bisherige Hauptargument für die Unnatürlichkeit und vermeintliche Gefährlichkeit. Es beruhte darauf, dass, anders als bei der klassischen Züchtung und der natürlichen Variation des Erbguts, die Artgrenze überschritten werde.

Kennzeichnung dient nur Öko-Lobbyisten

Die Forderung nach einer umfassenden Kennzeichnung der Gentechnik ist nicht wirklich ernst gemeint. Es geht darum, zu zeigen, dass Gentechnik heute schon bei der Erzeugung von 60 bis 70 Prozent aller Lebensmittel in irgendeiner Weise eine Rolle spielt. Milliarden Menschen essen diese Produkte, und es existiert noch kein einziger ernst zu nehmender Hinweis, dass dadurch irgendjemand zu Schaden gekommen ist.

Die Initiatoren wissen aber natürlich, dass die Politik keine Kennzeichnung einführen wird, die dazu dient, die Absurdität der Kennzeichnung zu demonstrieren. Stattdessen werden Schmidt und Konsorten sich weiter mühen, es den Öko-Lobbyisten recht und auf die eine oder andere Art willkürlich gegen bestimmte Lebensmittel Stimmung zu machen und irrationalen Ängsten Vorschub zu leisten.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Thilo Spahl: Giftalarm? Fehlalarm!

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