Bildungspolitik ist die Wirtschafts- und Sozialpolitik des 21. Jahrhunderts. Günther Beckstein

Trinken Sie noch Bier?

Campact behauptet in einer Petition, Monsanto wolle uns mit dem Pflanzenschutzmittel Glyphosat vergiften. Doch ist das Mittel wirklich so gefährlich?

Das Bildchen zeigt einen giftgrünen Totenkopf auf einem Teller. Der Text ist kurz und lautet:

„Glyphosat ist nach neuesten Erkenntnissen der Weltgesundheitsorganisation WHO ,wahrscheinlich krebserregend‘. Diese Warnung zu ignorieren wäre fahrlässig. Giftiges Glyphosat darf nicht länger auf unsere Äcker und in unser Essen gelangen. Setzen Sie sich dafür ein, dass die EU Glyphosat die Zulassung entzieht! Engagieren Sie sich für eine Landwirtschaft, die ohne gesundheitsschädliche Gifte auskommt!“

Der Appell von campact war wie immer so formuliert, dass jeder, der keine Ahnung vom Thema hat, wenig gedankliche Mühe hatte, zu unterzeichnen und sich mal wieder als kleiner Kämpfer für eine bessere Welt zu fühlen. 236.589 Leute hatten schon ihren Namen daruntergesetzt, als ich am 8. Mai um 10.03 Uhr die Website besuchte, 236.941 waren es, als ich sie um 10.39 Uhr wieder verließ.

Die Infos, die auf der Seite als Entscheidungshilfe geboten werden, sind die übliche Bauernfängerei (nur dass die Unterzeichner in diesem Fall keine Bauern sind). Es wird suggeriert, das Unkrautbekämpfungsmittel Glyphosat sei eine Monsanto-Erfindung, die nur dazu diene, alles platt zu machen, was nicht gentechnisch manipuliert ist und eine große Gefahr für Mensch und Natur.

Hassobjekt für Tierschützer und Biosupermarkt-Einkäufer

Tatsächlich ist das 1950 in der Schweiz erfundene Mittel schon über 30 Jahre im Einsatz, also lange bevor die ersten gentechnisch modifizierten Pflanzen eingeführt wurden. Obwohl in Deutschland überhaupt keine gentechnisch veränderten Pflanzen angebaut werden, kommt Glyphosat jährlich auf 30 bis 40 Prozent aller Äcker zum Einsatz. Es wird außer von Monsanto auch von Dutzenden anderen Firmen hergestellt und ist heute das weltweit am häufigsten eingesetzte Pestizid. Es ist ein wichtiges Hilfsmittel für eine ausreichende und effiziente globale Nahrungsmittelproduktion. Und es ist allein deshalb ein Hassobjekt für all jene, die glauben, die Welternährung könne im Biosupermarkt gesichert werden und Chemie sei böse. Wenn etwa der „Sprecher für Agro-Gentechnik“ der Bundestagsfraktion der Grünen, Harald Ebner, Glyphosat als „Schmiermittel der Billigfleischproduktion“ bezeichnet, können sich auch noch Tierschützer mühelos einreihen.

Angeführt werden auch wieder die berühmte BUND-Studie, wonach wir praktisch alle schon vergiftet seien (tatsächlich lagen die gemessenen Urinwerte laut Bundesinstitut für Risikobewertung um den Faktor 1000 unterhalb gesundheitlich bedenklicher Konzentrationen), und die steigenden Krebsraten in der argentinischen Provinz Chaco.

Mit der oben genannten, noch nicht veröffentlichten Studie der International Agency for Research on Cancer (IARC) der WHO ist die Schlacht gegen Glyphosat in die nächste Runde gegangen. Abweichend von der eigenen bisherigen Einstufung und der Einstufung aller anderen Behörden, wird Glyphosat von der IARC nun als „wahrscheinlich krebserzeugend“ eingestuft. Das bedeutet, dass es begrenzte Hinweise für ein erhöhtes Risiko gibt, aber auch nicht auszuschließen ist, dass die beobachteten Krebsfälle andere Ursachen hatten.

Was ist dran an der angeblichen Krebsgefahr? Nichts, was irgendeinen der Appellunterzeichner auch nur im Geringsten beunruhigen sollte. Zunächst einmal flossen keine neuen Erkenntnisse ein, sondern es wurden nur neue Schlüsse aus einer kleinen Auswahl vorliegender Studien gezogen, die im Widerspruch zu einer sehr großen Zahl anderer Studien stehen.

Kaffee, Bier, Club Mate? Krebs!

Weiter sollte man Gefahren immer im Kontext anderer Gefahren sehen. Die IARC nimmt öfter solche Neubewertungen vor. 2007 stufte sie zum Beispiel Alkohol neu als krebserzeugend (Stufe 1) ein. Stufe 1 ist die höchste Stufe. Es folgen Stufe 2A (wahrscheinlich krebserzeugend) und 2B (möglicherweise krebserzeugend). In Stufe 1 finden sich in der IARC-Liste neben Alkohol und Tabak auch Holz- und Lederstaub, der Malerberuf und gesalzener Fisch. In Stufe 2A neben Glyphosat auch offene Kamine, Mate, Schichtarbeit und das Friseurhandwerk. Wer also aus Angst vor Krebs kein Bier mehr trinkt und auch kein Club Mate anrührt, von Kaffee ganz zu schweigen, der sollte vielleicht auch darauf verzichten, in seinem Wintergarten Glyphosat zu versprühen.

Schließlich ist Krebs nicht gleich Krebs und Risiko nicht gleich Risiko. Im Falle von Glyphosat gab es in wenigen Studien Hinweise auf einen möglichen, geringen Zusammenhang zwischen Glyphosataufnahme und dem Non-Hodgkin-Lymphom, einer insgesamt sehr seltenen Krebsart. Dabei ging es immer um Belastungen am Arbeitsplatz, nicht etwa um die Aufnahme verschwindend geringer Mengen durch die Nahrung. Solche Hinweise auf einen Zusammenhang mit irgendeiner Krebsart kann man für fast jede Substanz finden, mit der wir im Alltag zu tun haben. Von knapp tausend Substanzen, die die IARC bisher bewertet hat, wurde nur eine in die Gruppe 4 („wahrscheinlich nicht krebserzeugend beim Menschen“) eingestuft. Mit einem Totenkopf auf dem Teller hat das so viel zu tun wie eine campact-Kampagne mit „sozialem, ökologischem und demokratischem Fortschritt“ (so die Selbstdefinition).

Immerhin, es hat gereicht, um die Verbraucherschutzminister der Länder zu überzeugen. Am vergangenen Freitagabend fassten sie in Osnabrück den Beschluss, die Bundesregierung aufzufordern, die Abgabe an Privatpersonen und die Nutzung auf öffentlichen Flächen zu verbieten und die Anwendung in der Landwirtschaft einzuschränken.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: The European, The European, Steffen Meyer.

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