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Horst Köhler hat heiße Eisen angefasst

In der Debatte um den Bundespräsidenten bricht Ex-Bundesfinanzminister Theo Waigel eine Lanze für seinen alten Weggefährten Horst Köhler: Die Parteipolitiker in Deutschland seien ihm bei seinen Visionen leider nicht gefolgt. Besonders lobt er dessen Unabhängigkeit und seine Solidarität mit Schwächeren.

Bundespräsident Horst Köhler ist der richtige Mann zur rechten Zeit für dieses Amt. Gerade in der Finanzkrise ist es ein Glück für Deutschland, Europa und die globale Welt, dass ein Fachmann, der die internationale Finanzwelt kennt, die Probleme Osteuropas aus der Tätigkeit bei der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung detailliert kennt und als Managing Director des Internationalen Währungsfonds bestmögliche Erfahrungen gesammelt hat, an der Spitze Deutschlands steht. Nur Horst Köhler konnte es gelingen, in dieser Zeit den früheren Präsidenten der FED, Paul Volcker, und andere hoch erfahrene Experten nach Berlin zu holen.

Köhler hat heiße Eisen angefasst

Der große Vorteil von Horst Köhler ist seine Unabhängigkeit. Er verdankt keiner Partei und keiner Gruppierung seinen persönlichen, beruflichen und politischen Werdegang. Er wurde geholt und gebraucht wegen seiner Kompetenz und hat sich nie aufgedrängt. Er hat gerade in den letzten Monaten heiße Eisen angestoßen und zur Diskussion gebracht, zum Beispiel die Tragfähigkeit des Finanz- und Sozialsystems. Er hat im letzten Jahr die Rolle Deutschlands in Europa und die weitere Entwicklung Europas als Projekt beschrieben. Leider sind ihm die Parteipolitiker in Deutschland bei seinen Visionen nicht gefolgt.

Köhlers Denken und Aussagen durchziehen immer wieder die Verbindung von Leistung in einer sozialen Marktwirtschaft und Solidarität gegenüber den Schwächeren in der Gesellschaft. Kein Bundespräsident seit 1949 hat sich so mit den Problemen behinderter Menschen in unserer Gesellschaft beschäftigt und sich persönlich engagiert. Kein Bundespräsident vor ihm hat die Paralympischen Spiele besucht und damit seine Solidarität zu diesen Sportlern zum Ausdruck gebracht. Sein Tun und Denken ist bestimmt durch das Ermutigen und Anschieben von mitmenschlichen Aktivitäten in unserer Gesellschaft.

Streben nach mehr Sinnvermittlung

Köhler weiß, dass der Staat nicht alles leisten kann, ja nicht einmal angesichts der Demografie das bisherige Leistungsniveau halten kann. Sein Streben und seine Zielsetzung bestehen darin, mehr mitmenschliche Aktivität, Zuwendung, mehr Sinnvermittlung und innere Zufriedenheit gegenüber dem bloßen Schielen auf ökonomisches Wachstum zu setzen.

Die Erfahrungen Horst Köhlers an den Wegmarken deutscher Politik bei der Wiedervereinigung und beim Entwurf des Vertrags von Maastricht und seine weltweiten Erfahrungen befähigen ihn, die Krise unserer Zeit intensiver zu erkennen und Wege aus der Krise zu weisen. Das ist die große Rolle und die große Aufgabe, der sich Horst Köhler in den nächsten vier Jahren stellen wird.

Leserbriefe

  • Theeuropean-placeholder
    Thorsten – 12.04.2010 - 18:06

    Vielen Dank, Theo Waigel. Es ist aber beschämend, dass so ein Artikel überhaupt nötig ist, um gegen das Köhler-Bashing vorzugehen. Der Bundespräsident hat sich doch viel mehr für Schwächere in unserer Gesellschaft (und in der Welt) eingesetzt als die meisten anderen der Polit-Kaste. Außerdem gehört er zu den wenigen in Berlin, die wirklich wissen, wovon sie sprechen, wenn sie über Wirtschaft reden.

  • Theeuropean-placeholder
    Fritz Matern – 01.06.2010 - 21:28

    Mit Horst Köhler hat sich ein gutes Stück Anstand und Moral aus der Politik verabschiedet. Schade. Jammerschade.

  • Theeuropean-placeholder
    meinolf sprenger – 01.06.2010 - 22:58

    herzlichen dank herr theo waigel,
    sie sprechen mir aus der seele, was ist aus unseren vaterland geworden, waren wir nicht mal ein volk der dichter und denker! ich persönlich werde mir dieses politische desaster aus einem anderen lande anschauen.
    01.06.2010 abu-dhaby UAE

  • Theeuropean-placeholder
    Werner Schill – 01.06.2010 - 23:09

    Chapeau, Herr Waigel, trefflich beschrieben. Ergänzend läßt sich festhalten, unser “Parteienstaat” der deutschen Fassung hat seine beste Zeit hinter sich, weil er sich vergesellschaftet hat. Die Gedankenwelten eines Erhardt und eines ermordeten Scvhleyers sind untergegangen – worden. Zu deren Zeiten waren Tarifpartner noch solche und fanden trotz aller Unterschiede immer wieder zusammen. Diese Partner waren das Rückgrat unserer Gesellschaft. Was ist daraus geworden? Der gesellschaftliche Zusammenhalt erodiert zunehmend und die Politik schaut, offenbar unfähig, zu. Man kann fast sagen, schaut bewußt zu. Bevor Frau Merkel geht, findet die Spasspartei FDP wohl auch ihr Ende. Ich bin 72 Jahre, habe noch Kriegselend und das der Nachkriegszeit erlebt. Bin keiner Partei (welcher auch?) Mitglied und sehe unsere Volksgemeinschaft offenen Auges auf den Abgrund zusteuern.

  • Theeuropean-placeholder
    Wieland Oehme – 01.06.2010 - 23:28

    Horst Köhler ist kein Politiker und das ist seine Stärke. Seine Unabhängigkeit von den Gruppierungen der Politik machte ihn stark und hat ihn letztendlich scheitern lassen. Charaktere wie ihn braucht unser Land. Die Regierung hat derzeit solche Persönlichkeiten nicht zu bieten.

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