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"Schulleiter sind am Ende ihrer Kraft"

In einem Brandbrief an Horst Seehofer und alle Landtagsabgeordneten schlägt der Bayerische Lehrer- und Lehrerinnenverband Alarm. “So kann es nicht weitergehen”, sagt die BLLV-Präsidentin Simone Fleischmann. “Bevor jemand sagt, was die Schulleitungen noch alles tun sollen, muss er sagen, welche Aufgaben dafür wegfallen. Mehr geht nicht mehr,” so Fleischmann im Brandbrief.

Der Brandbrief im Wortlaut

Herrn Ministerpräsidenten
Horst Seehofer
Bayerische Staatskanzlei
Franz-Josef-Strauß-Ring 1
80539 München
München, den 8. Februar 2017

Brandbrief
Schulleitungen klagen an: Mehr geht nicht mehr

Wir brauchen:

Mehr Leitungszeit – bessere Ausstattung – Anerkennung und Unterstützung

Sehr geehrter Herr Ministerpräsident,

die rund 5000 Schulleiterinnen und Schulleiter an Grund- und Mittelschulen und ihre Verwaltungs-angestellten sind vielfach am Ende ihrer Kräfte. Die Fülle der Aufgaben und Anforderungen ist immens. Ständig kommen neue und wichtige Herausforderungen dazu. Die Belastungsgrenze ist dauerhaft überschritten.

„Meine Motivation sinkt von Jahr zu Jahr!"

„Fachliche Unterstützung habe ich nicht.“

„Ich fühle mich alleingelassen und verspüre eine enorme Wut darüber.“

Das sind drei Stimmen aus der Schulleitung von vielen. Drei Stimmen aus der Werkstatt Schulleitung mit über 80 Schulleiter/innen und Verwaltungsangestellten, die der BLLV im Dezember 2016 durchgeführt hat. Die Ergebnisse waren so niederschmetternd, dass der BLLV keine andere Möglichkeit mehr sieht, als diesen Brandbrief an Sie zu richten.

Wir brauchen dringend Ihre Hilfe, Herr Ministerpräsident!

Schulleitungen und Verwaltungsangestellte werden zerrieben zwischen ihren Aufgaben. So können sie ihre Aufgaben nicht professionell erfüllen. Es fehlen die Ressourcen und die (personelle) Unterstützung. Anerkennung ist so gut wie nicht vorhanden.

„Es kommt von nirgendwo Anerkennung und Wertschätzung, obwohl man alles meistert. Wenn tatsächlich mal etwas schief läuft, bekommt man von der Verwaltung immer noch eines obendrauf.“

Weitere Stimmen aus der Werkstatt Schulleitung, die zeigen wie es an den bayerischen Schulen aussieht:

„Ich gehe am Morgen um 6.30 Uhr ins Büro und abends um 18 Uhr heim. Dieser Einsatz wird nicht honoriert. Ich muss jede Menge Arbeit machen, die ich nie machen wollte. Manchmal fülle ich sogar Klopapier auf. Dabei wollte ich früher eigentlich Schule gestalten.“

„Wir wollen unsere Arbeit gut machen, aber durch die permanente Überforderung vernachlässige ich zunehmend wichtige Bereiche, allen voran meine Schüler, oder die Einführung des neuen Lehrplans.“

„Ich will meine Schule so positiv wie möglich gestalten und das Beste für die Kinder herausholen. Ich bin aber in so vielen unterschiedlichen Aufgabenbereichen tätig und bräuchte eigentlich in allen Bereichen Expertenwissen.“

Zum Schuljahr 2016/17 sind nochmals zusätzliche Aufgaben auf die Schulleitungen zugekommen:

• Implementierung und Umsetzung des seit August 2016 gültigen Erziehungs- und Unterrichtsgesetzes BayEUG (z.B. die Elternbeiratswahl und der Umgang mit den Schülerakten)

• Notenschutz und Nachteilsausgleich bei den Schülerinnen und Schülern mit legasthenen Störungen und deren deutlich veränderte juristische und pädagogische Umsetzung

• Einführung des neuen Schulverwaltungsprogramms ASV.

• Auch hierzu ein Zitat aus der Werkstatt Schulleitung: „Die Art und Weise, wie die ASV eingeführt worden ist, ist eine Unverschämtheit und echte Zusatzbelastung.“

• Begleitung, Unterstützung und Bewährungsfeststellung bei den Zweitqualifikanten aus Gymnasium und Realschule

• Vorbereitung zur Einführung des LehrplanPLUS an den Mittelschulen

So kann es nicht weitergehen! Das wissen alle, die die Schulwirklichkeit kennen. Es gibt hier kein Erkenntnisproblem. Es gibt ein Umsetzungsdefizit in Politik und Verwaltung. Beide wissen nur zu gut: Die Versuche der letzten Jahre, die Schulleitungen mit kleinen „Verbesserungszuckerln“ ruhig zu stellen, zeigen keine Wirkung. Politik und Verwaltung müssen die Augen aufmachen und die Realität endlich zur Kenntnis nehmen. Bekenntnisse in Sonntagsreden bringen uns Schulleiterinnen und Schulleitern nichts!

Nochmals eine Stimme aus der Wirklichkeit:

„Ich leite zwei Grundschulen und führe zwei Klassen. Die ersten zwei Jahre als Rektorin hatte ich überhaupt keine Sekretärin, bis heute fehlt mir ein Konrektor. Meine jetzige Verwaltungsangestellte ist seit März krank, eine Vertretung habe ich nur für fünf Stunden bekommen. Ich habe die kompletten Sommerferien durchgearbeitet, um die Klassenbildung und die Statistiken machen zu können.

Wenn jemand von mir noch einmal Statistiken will, dann sage ich dem, schickt‘s mir eine Verwaltungsangestellte, ich mag und kann nicht mehr.“

Wir brauchen keine „Zuckerl“. Wir brauchen eine echte Reform. Was wir jetzt an erster Stelle brauchen: Schluss mit neuen Aufgaben. Bevor jemand sagt, was die Schulleitungen noch alles tun sollen, muss er sagen, welche Aufgaben dafür wegfallen. Mehr geht nicht mehr.

Der BLLV hat sich seit Jahren immer wieder mit einem ganzen Bündel an Anträgen an das Kultus-ministerium und den Bayerischen Landtag gewandt. Wir haben immer wieder gebeten und gefordert, sämtliche Tätigkeiten der Schulleitungen zeitlich neu zu bewerten. Wir haben vorgeschlagen, Ansprechpartner/innen zur Verfügung zu stellen, die bei juristischen Fragen professionell beraten. Wir haben nachhaltige Verbesserungen bei den Verwaltungsangestellten gefordert. Die Mitarbeiter/innen müssen entlastet und vor allem finanziell bessergestellt werden. Aufstiegsmöglich¬keiten für Verwaltungsangestellte müssen geschaffen werden. Eine Eingruppierung in E4 ist eine Geringschätzung dessen, was unsere Mitarbeiter/innen täglich leisten.

Die Situation ist seit Jahren bekannt:

Jetzt müssen Politik und Verwaltung endlich handeln.

Im Namen der Teilnehmer/innen der Werkstatt Schulleitung, im Namen der Schulleitungen der Grund- und Mittelschulen Bayerns und ihrer Verwaltungsangestellten fordert der BLLV:

• mehr Leitungszeit für die Schulleitungen

• eine bessere Ausstattung mit Verwaltungsangestellten an Grund- und Mittelschulen

• das Aussetzen der externen Evaluation als belastungsmindernde und ressourcenschonende Sofortmaßnahme

Damit keine Schulleiterin und kein Schulleiter künftig mehr sagt, was bei der BLLV-Werkstatt Schulleitung formuliert wurde: „Ich muss unterrichten, habe aber keine Zeit dafür. Dabei hätten meine Kinder guten Unterricht verdient“.

Ich bitte Sie, Herr Ministerpräsident, auf diesen Brandbrief zu antworten.

Mit freundlichen Grüßen

Simone Fleischmann

PS: Wir erlauben uns, dieses Schreiben allen Abgeordneten des Bayerischen Landtags zur Kenntnis zu geben und das Anliegen auch als Petition an den Bayerischen Landtag zu richten.

PPS: Alle kursiv gesetzten Zitate sind wortwörtliche Aussagen von Schulleiter/innen und Verwaltungsangestellten bei der Werkstatt Schulleitung des BLLV vom 1. Dezember 2016. Die Namen der Personen sind dem BLLV bekannt. Um die Betroffenen nicht möglichen Sanktionen auszusetzen, können wir die Zitate nur anonym wiedergeben.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Christina Rauch, Johanna Wanka, Jens Spahn.

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