Wenn etwas automatisiert werden kann, dann wird es automatisiert werden. Clay Shirky

„Wenn man einmal etwas auf Platte aufgenommen hat, gehört es einem nicht länger“

Auf den Färöern ist die Zeit stehengeblieben, und trotzdem ist es dem Musiker Teitur gelungen, rund um die Welt berühmt zu werden. Selbst wenn er in seiner Muttersprache singt. Louisa Löwenstein sprach mit ihm über Lyrics und Kindheitserinnerungen.

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The European: Wie sind Sie zur Musik gekommen? Gibt es eine bestimmte Person, die Sie besonders unterstützt hat?
Teitur: Wir hatten immer Instrumente zu Hause. Mein Vater spielte Orgel, und meine Mutter war früher Sängerin. Ich habe einfach immer schon Musik gespielt.

The European: Vor acht Jahren unterschrieben Sie einen Vertrag bei Universal Records, einem großen Plattenlabel. Aber dann verließen Sie das Label wieder. Warum?
Teitur: Das war die klassische Situation. Sie wollten, dass ich eine bestimmte Platte mache, und ich wollte das nicht.

The European: Also gründeten Sie einfach Ihr eigenes Label?
Teitur: Genau. Ich gründete mein eigenes Label. Ich musste noch einmal ganz von vorn anfangen. Aber da ich schon Fans hatte, war das nicht so schwer.

“Ich finde es nicht schlimm, allein mit mir zu sein”

The European: Sie wuchsen auf den Färöern auf und sind vermutlich international der bekannteste Färinger. Heute leben Sie in London. Was tun Sie, wenn Sie für die Ferien zurückfahren?
Teitur: Ich habe noch immer ein kleines Haus auf den Färöern und fahre dort von Zeit zu Zeit hin, um zu entspannen und zu schreiben. Ich habe einen Hund dort, eine Art Gemeinschaftshund. Er bleibt dort. Er geht nie weg. Immer noch fahre ich so oft wie möglich dorthin. Weil es der perfekter Kontrast zu meinem restlichen Leben ist, in dem ich viel reise und unglaublich viele Menschen treffe. Ich finde es nicht schlimm, allein mit mir zu sein. Ich mag es, wenn es ruhig ist. Man hat auf den Färöern so viel Zeit – perfekt zum Schreiben und Lernen und um sich allgemein wieder besser zu fühlen.

The European: Vor drei Jahren veröffentlichten Sie eine Platte in Ihrer Muttersprache. Diese war international recht erfolgreich. Hätten Sie einen solchen internationalen Erfolg einer nicht englischsprachigen Platte jemals erwartet?
Teitur: Nein, absolut nicht. Ich hatte überhaupt keine Pläne in dieser Richtung. Zu der Zeit veröffentlichten wir die Platte nur auf Island und den Färöern, weil Island eine ähnliche Sprache hat. Aber ich hatte so etwas überhaupt nicht erwartet. Es war eigentlich nur eine Liedersammlung, die plötzlich immer größer wurde. Das Album ist wie eine Geschichte aufgebaut und die Musik ist traditionell färöisch. Man nimmt dort oft nur mit einem Mikrofon auf, um das sich alle scharen. Wir haben dasselbe getan. Auf der Platte geht es darum, wie die Färinger etwas hinter der Zeit herhängen und wie man eine moderne Person an diesem merkwürdigen alten Ort sein kann. Eigentlich dachte ich, dass nur Färinger den Stil und die Geschichte verstehen würden. Das Lustige aber ist, dass das den meisten Leuten egal ist oder sie die Platte einfach genießen, weil sie eine persönliche Bedeutung für sie hat.

The European: Wie wichtig sind Ihnen die Texte?
Teitur: Die sind überaus wichtig. Man erzählt eine Geschichte. Man kann sogar eine abstrakte Sprache verwenden, aber letzten Endes kommuniziert man. Ich würde sagen, dass Kommunikation das Wichtigste ist. Es ist, wie wenn man von A nach B kommen will. Man hat ungefähr vier Minuten, um eine Geschichte zu erzählen, sich mit einem Thema zu befassen.

The European: Sie wissen also immer, wohin Sie mit einem Lied wollen? Oder fangen Sie einfach an zu schreiben und warten ab, wohin es sich entwickelt?
Teitur: Nein, ich schreibe nicht in einem impressionistischen Stil. Ich suche mir ein Thema und dann schreibe ich darüber. Das ist ein ganzer Prozess. Ich entscheide, worüber ich schreiben möchte, und dann lasse ich es raus. Das ist wie als wenn Sie mir von Ihren Erinnerungen erzählen würden oder irgendetwas, das Sie leicht immer und immer wieder erklären könnten. Dinge dieser Art versuche ich in Liedern zu verarbeiten. Man nimmt sich ein Thema, bricht es auf den Kern herunter, fügt Musik hinzu und entscheidet, ob das Lied schnell oder langsam sein soll oder lustig oder traurig.

“Ich überlege einfach, worüber ich gern schreiben würde, und dann schreibe ich es”

The European: Sie schreiben also zuerst den Text und dann das Lied?
Teitur: Im Prinzip ja. Es ist mehr wie eine Idee. Wenn ich das Lied in einem Satz erklären kann, weiß ich, wohin ich will. Ich überlege einfach, worüber ich gern schreiben würde, und dann schreibe ich es. Ich kann sogar schreiben, während ich mich unterhalte oder fernsehe.

The European: Ihre Songs sind also alle ziemlich persönlich?
Teitur: Ja, das sind sie alle.

The European: Was das betrifft: Ich weiß, dass Ihr Lied "Louis Louis“ über Louis Armstrong ist. Aber wer ist "Josephine“ und wer ist "Catherine the waitress“?
Teitur: Josephine ist ein Mädchen von den Färöern, mit dem ich als Kind gespielt habe auf der Insel, auf der meine Großmutter lebte. Das ist also ein Lied über Kindheitserinnerungen. Wenn man an all die Zeit denkt, die man beim Spielen mit jemandem verbrachte, als man klein war, und sich heute fragt, wo diese Person wohl sein mag … Darum geht es.

The European: Haben Sie noch Kontakt zu ihr?
Teitur: Nein, das ist ja das Lustige. Ich habe keine Ahnung, wo sie ist oder wer sie ist. Aber ich weiß, dass ihr richtiger Name nicht Josephine ist. Und "Catherine the waitress“ ist eine Kellnerin aus Chicago.

The European: Weiß sie, dass Sie ein Lied über sie geschrieben haben?
Teitur: Tatsächlich ja. Sie arbeitete in dieser Bar, wo ich gespielt habe. Als ich dieses Lied geschrieben hatte und eines Tages wieder einmal dort war, wussten die Leute, die da arbeiten, sofort Bescheid. Ich bin mir allerdings nicht sicher, ob sie überhaupt dort war.

The European: Jeder hatte ihn. Auch ich hatte ihn. Aber niemand spricht darüber. Was war Ihr dunkelster Moment in Bezug auf Musikgeschmack?
Teitur: Das weiß ich nicht. Ich kann nicht Metallica oder Guns’n’Roses nennen, weil ich die immer noch mag. Wobei, zu einem bestimmten Punkt gab es Bon Jovi. Vielleicht wäre Bon Jovi eine gute Antwort.
(Bemerkung: großartige Antwort!)

The European: Was war das größte/großartigste Konzert, das Sie je gespielt haben?
Teitur: Da gab es eigentlich eine ganze Menge. Man kann sie nicht wirklich miteinander vergleichen. Wie die wirklich großen wie Roskilde, wo ich auf einer riesigen Bühne vor 40.000 Menschen gespielt habe. Man spielt einen Akkord und alle flippen aus. Das ist einfach fantastisch. Aber es ist auch anstrengender. Und: je größer, desto seltsamer. Ich habe auch einmal eine spezielle Show in der Oper in Kopenhagen gespielt. Wir schrieben dafür extra Musik und Lieder. Das war aufregend.

The European: Die Kritiker haben Sie immer geliebt. Was ist die beste Kritik, die Sie jemals bekommen haben?
Teitur: Ich weiß es nicht. Als ich in London gelebt habe, habe ich immer The Guardian gelesen. Wenn die also über mich geschrieben haben, fühlte ich mich ziemlich geschmeichelt. Es klingt anmaßend, aber ich versuche, nicht alles über mich zu lesen. Natürlich bedeutet es viel, wenn die Leute nette Sachen über einen schreiben. Man hat es aber nicht wirklich in der Hand, also ignoriere ich es eher.

The European: Was denken Sie über Kritiken, die – obwohl sie positiv sind – Sie trotzdem komplett falsch verstehen?
Teitur: Ich denke, wenn man einmal etwas auf Platte aufgenommen hat, gehört es einem nicht länger. Die Menschen haben ihre eigenen Gründe, warum sie in einer bestimmten Art und Weise die Dinge angehen. Mir sagt das mehr über den Kritiker: welche Musik er hört und wie er ist. Typisch ist der Hipster-Ansatz: Es muss etwas sein, das man noch nie vorher gehört hat. Es hängt davon ab, in welcher Phase des Lebens man sich befindet und was man ansonsten noch so für Musik hört. Sagen wir, jemand hat sein ganzes Leben lang Paul Simon gehört, dann wird er immer, wenn er jemanden mit einer akustischen Gitarre und einer sanften Stimme hört, sagen: "Oh, das klingt ja wie Paul Simon. Hat er Sie inspiriert?“ Dabei bedeutet das bloß, dass er Paul Simon hört.

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