Die beste und sicherste Tarnung ist immer noch die blanke und nackte Wahrheit. Die glaubt niemand. Max Frisch

„Ihr wollt eine Reaktion? Ihr bekommt mein Schweigen“

Tariq Ramadan gilt als Vordenker der Muslime in Europa. Er erklärt Lars Mensel und Clemens Lukitsch, wie Gläubige mit der Kritik an ihrer Religion umgehen sollten und warum der Westen seine Glaubwürdigkeit im Nahen Osten verspielt hat.

The European: Vor zwei Monaten löste der Film „Die Unschuld der Muslime“ eine diplomatische Krise aus: Muslime gingen aus Protest auf die Straße, in Libyen starb der US-Botschafter, Flaggen wurden verbrannt. Gefährdet solche Gewalt die Errungenschaften des Arabischen Frühlings?
Ramadan: Ich denke nicht, dass wir die emotionale Reaktion einiger weniger für repräsentativer halten sollten als die Millionen von Menschen, die auf der Straße gewaltfrei gegen Diktatoren protestieren.

The European: Dennoch waren die Bilder der Gewalt und Zerstörung überall: Wenn nur wenige auf den Straßen waren, erscheint die Berichterstattung unverhältnismäßig.
Ramadan: Die Medien bevorzugen Bilder von Zerstörung und ignorieren dabei die stille Mehrheit, die wieder aufbaut. Es ist ein Teufelskreis: Indem über Kontroversen und widersprüchliche Realitäten berichtet wird, entsteht eine verzerrte Wahrnehmung des Islams und der Muslime. Wenn eine Minderheit als Mehrheit betrachtet wird, schafft das ein falsches Bild.

„Wir brauchen intellektuelle Empathie“

The European: Was kann aus muslimischer Perspektive dagegen unternommen werden?
Ramadan: Es ist wichtig, dass die muslimischen Führer, Gelehrten und Intellektuellen viel deutlicher werden und erklären, was den Islam ausmacht. Während der Proteste zu dem Mohammed-Film schrieb ich beispielsweise einen Aufruf an das moderne muslimische Gewissen: Wir können dem Rest der Menschen zwar mitteilen, dass wir solche Videos oder Karikaturen nicht mögen – aber Gewalt ist sicher nicht die richtige Lösung.

The European: Hierzulande entbrennt schnell eine Debatte um die Regelungen zur Redefreiheit. Es wird diskutiert, wie viel Religion aushalten können muss. Was denken Sie?
Ramadan: Das Recht zu sagen, was man sagen möchte, muss geschützt werden. Aber dafür brauchen wir keine neuen Gesetze.
51 Prozent der Franzosen – die nicht sehr religiös sind – fanden die Veröffentlichung neuer Karikaturen durch „Charlie Hebdo“ unklug. Dabei verlangten sie nicht nach einem Gesetz, um dies in Zukunft zu verbieten, sondern riefen die Redakteure einfach zu ein wenig mehr Vernunft auf. Das ist der offensichtliche Weg, um dem Problem zu begegnen.
Klar ist: Es gibt gewisse Dinge und manche Geschichten, die Menschen sehr wichtig sind. Schauen Sie auf die Muslime im Westen: sie haben nicht so gewalttätig reagiert. Gewiss mochten sie nicht, was sie sahen, aber sie sind Bürger wie Sie und ich. Sie schauen sich das an und sagen: „Das ist ein blödes Video, aber wir werden darauf nicht reagieren.“

The European: Funktioniert dieser Ansatz in muslimischen Ländern?
Ramadan: Den Muslimen im globalen Süden sage ich genau das Gleiche: „Beachten Sie einfach nicht, was passiert.“ Allerdings leben die Menschen dort nicht in so einer komfortablen Gesellschaft wie Sie und ich. Sie haben mit Arbeitslosigkeit, Korruption und manchmal mit dem bloßen Überleben zu kämpfen. Der Mehrheit von ihnen hilft ihre Religion dabei. Wenn andere sich über ihren Glauben lächerlich machen, können wir nachvollziehen – ohne es rechtfertigen zu wollen –, dass diese Menschen sehr emotional werden können. Davon müssen wir sie abhalten: Seid nicht emotional, sondern geht auf kritische Distanz.
Denken Sie an Deutschland und das Leiden der Juden während und nach dem Zweiten Weltkrieg. Es wäre völlig legal, das Leiden ins Lächerliche zu ziehen und sich darüber lustig zu machen, aber da es sich um solch ein Trauma für das europäische Gewissen handelt, würde das niemand machen. Es ist eine offene Narbe, eine offene Wunde, eine offene Realität. In der kollektiven Psychologie ist es fast etwas Heiliges. Wir könnten uns drüber lustig machen, tun es aber nicht.
Der Holocaust hat im europäischen Bewusstsein beinahe einen Punkt erreicht, der sehr nah an dem ist, was den Menschen im Süden heilig ist – egal ob sie Muslim sind oder nicht. Darum müssen wir intellektuelle Empathie haben.

The European: Aber ist Nichtbeachten ein richtiger Weg, um Probleme nachhaltig zu lösen?
Ramadan: Ich wiederhole immer, was mir mal ein amerikanischer Psychologe gesagt hat: „Wenn Sie einen Witz über jemanden machen und der Einzige sind, der lacht, dann ist es kein Witz. Es ist nur ein Witz für Sie.“ Wenn Menschen einen Scherz machen, haben Sie das Recht, über mich zu lachen, aber ich werde sie nicht beachten. Nichtbeachten heißt ja nicht, dass man etwas nicht versteht. Man versteht es so gut, dass man nicht reagieren will. Man versteht, dass einen andere Menschen provozieren möchten. Nichtbeachten bedeutet, sich für einen anderen Weg zu entscheiden. Ihr wollt eine Reaktion? Ihr bekommt mein Schweigen.

„Ich unterscheide zwischen Meinungsfreiheit und Provokation“

The European: Vielleicht ist das Mohammed-Video ein schlechtes Beispiel, weil jeder zustimmt, dass es dilettantisch und aufrührerisch ist. Rushdies „Satanische Verse“ waren dagegen auf einem viel höheren intellektuellen Niveau …
Ramadan: Ich spreche über alles, was eine Provokation ist – ignorieren Sie es. Wenn etwas unter die Meinungsfreiheit fällt, kann man es lesen und auf kritische Distanz gehen. Ich war gegen die Fatwa gegen Salman Rushdie. Das Buch habe ich gelesen und bin auf kritische Distanz gegangen. „Die satanischen Verse“ sind meiner Meinung nach kein blasphemisches Buch. Das Buch halte ich nicht für großartig, aber als Intellektueller lese, bewerte und reagiere ich. Ich unterscheide zwischen wahrer Meinungsfreiheit, der wir eine Antwort schulden, und Provokation, die wir ignorieren.

The European: Die Grenze dazwischen ist oft fließend …
Ramadan: Nun, das Leben ist nicht schwarz-weiß, wenn es um Wahrnehmung geht.

The European: In Ihrem letzten Buch schrieben Sie über die verschiedenen Kräfte, die in arabischen Ländern um die Macht kämpfen. Welche von ihnen sind am dominantesten?
Ramadan: Wir müssen sehr vorsichtig sein und nicht die Polarisierung in den Medien akzeptieren. Es gibt keinen Kampf zwischen Säkularen und Islamisten. Es ist ein Kampf innerhalb der islamischen Lager.

The European: In Ägypten waren einige junge Menschen enttäuscht, als der Diktator durch einen Fundamentalisten ersetzt wurde.
Ramadan: Ägypten, genauso wie Tunesien, ist sehr zersplittert. Die jungen Menschen, die gegen den Diktator mobilisiert haben, schafften es, alle Menschen hinter diesem Hauptziel zu vereinen, zu protestieren gegen Mubarak, Ben Ali oder Gaddafi. Es ist eine Sache, die Menschen gegen den Diktator zu vereinen, jedoch eine ganz andere Sache, eine Vision für die Zukunft zu präsentieren. Weil diese Vision noch nicht da ist, spreche ich nicht von Revolutionen, sondern von Aufständen. Es ist sehr wichtig, dass wir die Säkularen nicht als einzige Vertreter der neuen Realität sehen – genauso wenig wie die Islamisten. Das Volk ist sehr geteilt, sehr zersplittert und auch die Jugend war keine Mehrheit, nur weil sie so viele Menschen gegen den Diktator versammelt haben. Es gibt einen klaren Konsens in all diesen Gesellschaften, dass sie gegen den Diktator waren. Was sie für die Zukunft wollen, bleibt abzuwarten.

The European: Der Westen hatte Probleme damit, sich mit der neuen politischen Situation in diesen Ländern zu arrangieren. Die Erfolge von Ennahda und der Muslimbruderschaft bei den Wahlen wurden mit Sorge betrachtet.
Ramadan: Wir müssen einsehen, dass die Menschen auf der Straße dieselben Werte schätzen wie Sie und ich. Die Demonstranten waren für Gerechtigkeit, gegen die Diktatoren, gegen die Korruption. Nun gibt es politische Bewegungen und manche von ihnen haben enorme Glaubwürdigkeit, weil sie jahrelang unterdrückt und gefoltert wurden. Dazu gehören auch die Islamisten. Niemand kann leugnen, dass einige islamistische Gruppen einen Glaubwürdigkeit und Popularität haben. Das bedeutet aber nicht, dass sie die Mehrheit sind.
Wenn wir die Demokratie ernst nehmen, dann können wir die Menschen nicht tadeln, weil sie wählen, wen sie möchten. Wir müssen die Prozesse fördern, die Menschen dabei helfen, vorwärtszukommen.

The European: Das heißt?
Ramadan: Die Lage in Tunesien wird sich meiner Meinung nach stabilisieren. Ägypten ist sehr unruhig. Wenn wir es mit der Demokratie ernst meinen, sollten weder Sie noch ich die Führer dieser Länder auswählen. Stattdessen sollten wir die Strukturen beschützen, die es den Bürgern ermöglichen, zu wählen, wen sie wollen.

The European: Es gab viel Besorgnis über die Behandlung von Christen im Ägypten nach Mubarak. Wie sollte der Islam mit dem Christentum und dem Säkularismus umgehen?
Ramadan: Für mich sind gleiche Bürgerrechte für Muslime, Christen, Juden, Atheisten und Agnostiker ein unbestreitbares Prinzip. Wer man auch ist, man sollte dieselben Rechte haben – ohne Diskussion und ohne Kompromiss.
Christen wurden vor der Revolution diskriminiert und werden es in bestimmten Gegenden noch immer – beispielsweise, wenn es um den Arbeitsmarkt geht. Das muss reformiert werden, es hat aber nichts mit den Aufständen zu tun. Die Ungleichheit ist sehr tief in der Geschichte Ägyptens verwurzelt.

„Der Westen war bevormundend“

The European: War der Westen zu naiv? Während der Aufstände spürten wir eine kollektive Erleichterung: Die westliche Demokratie würde kommen und alles das reparieren, was es an Problemen in der Region gab.
Ramadan: Ich würde das nicht naiv nennen, sondern blöd. So funktioniert die Geschichte nicht. Wenn man sich die Dynamik in Osteuropa anschaut oder selbst Deutschland nach der Wiedervereinigung, stellt man fest, dass Veränderung Zeit braucht. Niemand kann bestreiten, dass wir noch nicht da sind – ich plädiere für etwas, das von Aufständen zu Revolutionen gehen muss. Es kommt nicht auf dem geraden Weg. Das bedeutet nicht, dass es nicht kommt, aber wir müssen dafür werben, dass der Demokratisierungsprozess immer besser ist als Staatsdiktatur. Wir sollten dem Westen jetzt sagen: „Sie haben die Diktatoren so viele Jahre unterstützt. Erwarten Sie nicht, dass die Menschen über Nacht die Demokratie einführen. Das braucht Zeit.“ Es hat Zeit gebraucht bei der Französischen Revolution, es hat Zeit gebraucht mit den osteuropäischen Revolutionen. Und hier wird es auch Zeit brauchen.

The European: Das bedeutet Abwarten …
Ramadan: Wir müssen die Strukturen und Dynamiken schützen, die Menschen bei der Wahl helfen. In Mehrheitsprozessen müssen wir den Willen der Menschen akzeptieren. Es ist nicht an uns, ein bestimmtes Modell durchzusetzen, oder Antworten auf drängende Fragen zu finden. Der Westen war also nicht naiv, sondern bevormundend. Er wollte, dass seine eigenen Vorstellungen im Süden durchgesetzt werden – ironischerweise nachdem er so lange genau die Diktatoren hofierte, welchen die eigenen Bürger nicht respektierten.

Hat Ihnen das Interview gefallen? Lesen Sie auch ein Gespräch mit Annette Ranko: „Die Spaltung Ägyptens ist auf dem Höhepunkt“

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