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„Europa hat am meisten zu verlieren“

Dr. Tarak Barkawi lehrt Kriegsstudien an der University of Cambridge. Er fürchtet neue Terroranschläge in Europa im Falle des Abzugs aus Afghanistan und erklärt, warum sich der Westen nun auch dem Kaschmirkonflikt stellen muss. Das Interview führte Mark T. Fliegauf.

The European: Dr. Barkawi, ist das Unternehmen Afghanistan für den Westen noch gewinnbar?
Barkawi: Der Westen steckt in einem Schlamassel: Wenn wir weiter in Afghanistan bleiben, dann liefern wir den Taliban und El Kaida den perfekten Vorwand zum Kampf und vor allem zur fortwährenden Rekrutierung. Ziehen wir ab, wird El Kaida einen ideologischen Sieg für sich in Anspruch nehmen.

The European: Damit könnte der Westen nicht Leben?
Barkawi: Die allgemeine Wahrnehmung wäre, dass der Westen eine signifikante Niederlage erlebt hätte. Das würde die radikalen Dschihadisten noch weiter bestärken, und ich würde davon ausgehen, dass sie neue Terroranschläge zumindest planen würden. Europa hat dabei am meisten zu verlieren.

The European: Inwiefern?
Barkawi: Weil Länder wie Deutschland, Dänemark, Frankreich und Großbritannien am meisten gefährdet sind. In den Vereinigten Staaten sind die Sicherheitsvorkehrungen mittlerweile so hoch, dass sich dort kaum noch Möglichkeiten für große Terroranschläge auftun. Das ist in Europa nicht so der Fall.

The European: Das klingt nach einer Wahl zwischen Not und Elend …
Barkawi: Der Westen hat begonnen zu realisieren, dass seine Truppenpräsenz als dominierender Faktor für die Destabilisierung Afghanistans und auch Pakistans verantwortlich zeichnet. Er hat noch nicht realisiert, warum die Dschihadisten uns den Krieg erklärt haben. Denn letztlich ist deren Kampf nichts anderes als eine Reaktion auf die Verpflanzung westlicher Werte und politischer Strukturen ins arabische Herzland.

The European: Damit bieten sich neue Lösungswege?
Barkawi: Es gibt keinen einfachen Weg aus dem Dilemma. In dem Moment, in dem der Westen beweist, dass er keine imperialistische Bedrohung darstellt und auch gewillt ist, für die Interessen von Muslimen einzustehen, spalten wir die Dschihadisten. Die Europäische Union kann hier eine Schlüsselrolle einnehmen. Eine Möglichkeit wäre eine eindeutige Positionierung und ehrliche Vermittlung der palästinensischen Interessen. Ich halte aber einen anderen Konflikt für nicht minder bedeutend, gerade im Hinblick auf Pakistan.

The European: Sie sprechen von Kaschmir?
Barkawi: Ja. Dieser steht weit weniger im Rampenlicht, birgt aber unglaubliche Sprengkraft für die Region. Kaschmir hat meiner Meinung nach das Potenzial, das Palästina Südasiens zu werden. Indien wehrt sich gegen die Unabhängigkeitsbestrebungen des mehrheitlich muslimischen Kaschmir, weil es sich als säkularer Staat identifiziert und nationalistische Bestrebungen aufgrund religiöser Charakteristika als inadäquat ablehnt. Pakistan unterstützt derweil muslimische Guerillagruppen. Auch im Kaschmirkonflikt böte sich dem Westen die Möglichkeit, als ehrlicher Makler aufzutreten. Stattdessen schüren unsere Maßnahmen zur Terrorismusbekämpfung in Afghanistan neue Ressentiments in Pakistan und untergraben die dortige Regierung.

The European: Verstricken wir uns immer tiefer in einen sich ausweitenden Konflikt?
Barkawi: Die Gefahr besteht. Während die pakistanische Regierung und der Geheimdienst ISI nun gezwungen sind, militärisch gegen talibanische Milizen im Westen vorzugehen, stehen sie auch unter dem Druck, anderweitige Milizen, darunter eine Reihe pro-kaschmirischer Gruppen im Norden und Osten, einzudämmen. Gerade in diesen Regionen sehen wir einen Anstieg des lokalen Widerstands gegen die zentrale Regierung in Islamabad. Die Situation ist verfahren – es gibt weder einen einfachen Weg heraus, aber auch weiterzumachen wie bisher ist keine Lösung.

Hat Ihnen das Interview gefallen? Lesen Sie auch ein Gespräch mit Egon Bahr: „Ich bin kein Pazifist“

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