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„Internationale Adoption ist ein Produkt des Zweiten Weltkriegs“

Bis zu 300.000 Kinder wurden in den Wirren des Zweiten Weltkriegs von der Familie getrennt. Die Forscherin Tara Zahra hat diesen verlorenen Kindern nachgespürt und Erstaunliches entdeckt. Mit Anna Polonyi spricht sie über das politische Moment dieser Situation, die Idee des Kinderwohls und die Tücken internationaler Adoption.

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The European: Der Begriff der „verlorenen Generation“ wird benutzt, um über diejenigen zu sprechen, die während des Ersten Weltkriegs volljährig wurden. Kinder, die während des Zweiten Weltkriegs geboren wurden, gehören in Deutschland zur „vergessenen Generation“. Wer sind diese „verlorenen Kinder“, über die Sie in Ihrem Buch sprechen?
Zahra: Der Ausdruck „verlorene Kinder“ wurde zu dieser Zeit für jedes Kind benutzt, das während des Zweiten Weltkriegs vertrieben oder von seiner Familie getrennt wurde. Kinder wieder mit ihren Familien zusammenzuführen, wurde ein großes Projekt des Nachkriegsmoments. Dazu gehörten polnische Kinder, die von den Nazis entführt wurden, zum Zweck der Germanisierung, jüdische Kinder, die bei christlichen Familien versteckt wurden, oder Kinder, die deportiert wurden und es dann schafften, zu überleben. Viele Kinder wurden im Zuge der Flüchtlingsbewegungen von ihren Eltern getrennt: Am Ende des Krieges, als die sowjetische Armee näher rückte, wurden beispielsweise Kinder aus deutschen Kinderheimen evakuiert und gingen dann in dem Chaos verloren.

The European: Über wie viele Kinder sprechen wir insgesamt?
Zahra: Es ist schwierig, eine genaue Zahl anzugeben, aber über 300.000 Kinder wurden durch den International Tracing Service (ITS, Internationaler Suchdienst, Anm. d. Red.) registriert. Davon waren aber offensichtlich einige tot.

„Im Nachkriegsmoment gab es eine Identitätskrise“

The European: Der ITS wurde 1943 gegründet, um nach dem Krieg vermisste Personen zu finden. Nicht nur Kinder, sondern auch Erwachsene.
Zahra: Das war ein großes Thema am Kriegsende. Überall, wo man hin ging, warteten Menschen auf Bahnsteigen und suchten in Zeitungsanzeigen nach vermissten Verwandten. In Bezug auf Kinder war das Thema besonders schwierig, denn sie konnten sich nicht mehr daran erinnern, wer sie sind: Manchmal konnten sie sich nicht mehr an ihre Muttersprache erinnern, oder wo ihre Eltern waren. Im Allgemeinen gab es im Nachkriegsmoment eine Identitätskrise: nicht nur auf der metaphorischen Ebene, sondern in sehr realer Form von vermissten Personen und sogar Menschen, die vorgaben jemand zu sein, der sie nicht waren, um von einem Ort zum anderen zu gelangen oder um sich vor dem Gegenschlag in Sicherheit zu bringen.

The European: Wer hat sich um die Kinder gekümmert?
Zahra: Einerseits waren zu diesem Zeitpunkt neue internationale Organisationen beteiligt, zum Beispiel das ITS und die für Flüchtlingshilfe zuständigen UNO-Behörden. Sie gründeten, was sie selbst „Kinder-Such-Einheiten“ (child tracing units) nannten, die loszogen und die deutsche Landschaft durchkämmten, an Türen in kleinen Städten klopften, auf der Suche nach osteuropäischen Kindern, die von den Deutschen entführt worden waren. Sie versuchten, diese Kinder zu sammeln, herauszufinden, wer sie waren und sie schließlich mit ihren Familien zusammenzuführen oder sie in ihre Heimatländer zurückzubringen. Andererseits waren osteuropäische Regierungen und zahlreiche Organisationen des Roten Kreuz ebenfalls bei der Suche aktiv. Im Fall von jüdischen Kindern war das American Jewish Distribution Commitee beteiligt, besonders beim Finden von versteckten Kindern.

The European: Wie erfolgreich waren sie bei der Zusammenführung von Kindern mit ihren Familien?
Zahra: Oftmals war das Problem, dass hierbei mehrere Familien involviert waren. Es haben sich ein paar ziemlich heftige Sorgerechtsstreite entwickelt. In einigen Fällen wollte die Gastfamilie die Kinder nicht zurückgeben oder die Kinder selbst wollten nicht zu Ländern oder Sprachen zurückkehren, an die sie sich nicht einmal mehr erinnern konnten. Und mit dem Eisernen Vorhang wurde diese Art der Kooperation mit Osteuropa noch schwieriger. Osteuropäische Regierungen betrachteten die Kinder als eine Form nationalen Eigentums, welches gestohlen wurde oder während des Krieges verloren gegangen war. Sie wollten sie zurückhaben, egal ob die Eltern noch lebten oder sogar wenn die Eltern im Ausland waren. 1951 war die große Mehrheit der Kinder umgesiedelt oder in ihr Heimatland zurückgeschickt worden. Aber bis in die 1950er hinein konnte man Poster mit vermissten Kindern darauf finden, die in Postämtern und Bahnstationen in Deutschland hingen.

The European: Was können wir aus dem Schicksal dieser Kinder über das Nachkriegs-Europa lernen?
Zahra: Eine verbreitete Ansicht unter Historikern ist, dass nationalistische und kollektivistische Ideologien während des Kalten Krieges im Westen diskreditiert wurden. Aber die Mobilisierung rund um die Kinder zeigt, dass nationalistische Ideen während dieser Periode überhaupt nicht verschwunden sind. Tatsächlich werden sie in neue Auffassungen von Menschenrechten integriert. UNO-Sozialarbeiter, die überwiegend britisch und amerikanisch sind, glaubten letztlich, dass Kinder eine starke Wahrnehmung nationaler Identität brauchen, um psychisch gesund zu sein. Sie glaubten auch, dass jede Trennung von ihren Müttern sie psychisch traumatisiert zurücklassen würde.

„Die Idee des Kinderwohls war ein Produkt der Zeit“

The European: Das klingt kaum nach einer vernünftigen Annahme.
Zahra: Tatsächlich handelt es sich um eine sehr neue Annahme, die sich nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelte. Nach dem Ersten Weltkrieg und während des Spanischen Bürgerkriegs zum Beispiel wurden Kinder durch humanitäre Organisationen mit Absicht von ihren Eltern getrennt, um sie aus Orten fortzuschaffen, in denen Bomben fielen. Das wurde als eine Lösung für die Krise angesehen.

Am Ende des Zweiten Weltkriegs gab es einen Konsens, basierend auf neuen, psychoanalytischen Ideen, dass das Entfernen von Kindern von ihren Familienmitgliedern potenziell traumatischer ist als die Erfahrung, in einer Kriegsgegend zu sein. Diese Auffassungen sind irgendwie in die allgemeine Kinder-Fürsorge eingedrungen. Im Nachkriegs-Britannien beispielsweise wurden Kindertagesstätten aufgrund der Überzeugung geschlossen, dass es traumatisch für die Kinder wäre, von ihren Müttern getrennt zu sein. Es ist eine politisch mehrdeutige Idee, die in den Konservatismus der 1950er-Jahre mit hineinspielte.

The European: Im Namen des „Kindeswohls“ waren osteuropäische Regierungen darauf bedacht, ihren Anspruch auf Kinder geltend zu machen, um ihr jeweiliges Land wieder zu besiedeln. Kann man rückblickend nun sagen, ob das tatsächlich im besten Interesse der Kinder war?
Zahra: Das ist nicht mein Ziel. Mein Aufgabe als Historikerin ist es, zu zeigen, dass bereits die Definition des „Kindeswohls“, die als eine apolitische, wissenschaftliche Idee dargestellt wurde, die Raum und Zeit überwindet, tatsächlich ein Produkt der Zeit war. Sie stammte aus den nationalistischen Bewegungen zu Beginn des 20. Jahrhunderts und so wurden, auch wenn der Fokus eigentlich auf dem einzelnen Kind liegen sollte, Vorstellungen von Individualismus weiterhin durch nationalistische Annahmen geprägt.

The European: Wie hat sich das über die Jahre verändert?
Zahra: Solche Arten von Konflikten haben angedauert. Zum Beispiel gab es erst kürzlich eine Menge Kontroversen um internationale Adoption. Ein Teil dieser Kontroversen hatte mit der Vorstellung zu tun, dass es potenziell traumatisch für ein Kind ist, aus seiner oder ihrer Herkunftskultur entfernt zu werden. Ein aktueller Fall war Haiti: Internationale Organisationen haben versucht, Kinder zu retten, indem sie sie in die Vereinigten Staaten brachten. Das war unglaublich problematisch, weil die nationale Regierung protestierte, diese Kinder gehörten zu Haiti, seien Teil des nationalen Erbes.

Internationale Adoption an und für sich ist ebenfalls ein Produkt des Zweiten Weltkriegs, aus dem es als humanitäre Maßnahme hervorging. Einer der Gründe, weshalb Länder wie die Vereinigten Staaten oder Britannien oder Frankreich die Adoption von Kindern unterstützten, ist, dass sie deren Eltern oder Verwandte nicht wirklich wollten, die als weniger assimilierbar galten. Bei Erwachsenen ist es weniger wahrscheinlich, dass sie die Sprache lernen oder sich an eine neue Kultur anpassen, aber Waise wurden als ideale Immigranten gesehen. Sogar noch heute ist das das grundsätzliche Problem mit internationaler Adoption: Sie wird als humanitäre Geste dargestellt, durch die man ein Kind aus der Armut errettet, aber gleichzeitig sind westliche Staaten nicht bereit, ihre erwachsenen Verwandten aufzunehmen. Es ist nicht nur so, dass das Kind als unschuldiger und verletzlicher angesehen wird, sondern auch als erwünschenswerter.

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