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Süß-saure Energiewende

Die Deutschen müssen uns Chinesen beweisen, dass auch Exportriesen sich allein mit Erneuerbaren versorgen können. Versagt Berlin, bleibt der Smog über Beijing.

Für exportabhängige Nationen wie China und Deutschland steht die Wettbewerbsfähigkeit an erster Stelle. Deshalb sind die Sicherheit der Energieversorgung und stabile Preise das A und O. Doch Umweltsorgen nehmen weltweit zu, und die Forderung nach einer Energieindustrie kommt auf, die ihren CO₂-Ausstoß reduziert und mit in den Kampf gegen den Klimawandel zieht. Gleichzeitig werden Sicherheitsbedenken laut. Die Gefahren, die langfristig von Atommüll ausgehen, können nicht länger ignoriert werden. Der größtmögliche Verzicht auf Atomkraft und fossile Brennstoffe wurde in Deutschland so zum Common Sense.

Dabei verfolgte die Regierung Merkel lange eine ganz andere Strategie: Unabhängig wollte sie sein und günstige Energie für ihre Wirtschaft haben, also verlängerte sie die Laufzeiten. Dann kam Fukushima. Deutschlands überraschende und resolute Abkehr von der Atomenergie ist seither ein Beispielprojekt, das von China und vielen anderen Nationen mit Argusaugen beobachtet wird.

Die chinesische Regierung hat ebenfalls auf Fukushima reagiert und alle neu geplanten Atomkraftwerke vorerst gestoppt. Bereits bestehende Anlagen werden auf ihre Sicherheit hin überprüft. Für die Atomindustrie in China ist das ein kapitaler Schlag. 20 Gigawatt (GW) atomare Leistung laufen bereits durch chinesische Leitungen, mehr als irgendwo sonst auf der Welt. Für 2020 waren gar 80 bis 100 GW anvisiert. Dieses Ziel wurde nun auf 60 GW reduziert. Und die Baustellen dreier neuer Atomanlagen, die sich bereits in der Konstruktion befanden, liegen seit dem 12. Fünfjahresplan (2011 bis 2016) allesamt still.

Atomindustrie und Regionalregierungen sitzen nun gewissermaßen vor einem Bankett, für das sie Milliarden ausgegeben haben, und dürfen sich nicht bedienen. Kein Wunder, dass der Ruf nach Wiederaufnahme der Bauarbeiten nie verstummt ist – die Investoren wollen zugreifen.

Die Katastrophe von Fukushima hat allerdings auch die Haltung der Bevölkerung nachhaltig beeinflusst. Gerüchte über radioaktive Verseuchung lösten im ganzen Land Panikkäufe aus. Dass sich die Bevölkerung dabei vor allem mit Jodsalz eindeckte, zeigt, wie wenig aufgeklärt sie in Bezug auf radioaktive Gefahren noch ist.

Immerhin sorgen sich die Menschen heute mehr um ihre Umwelt. Potenzielle Schäden und Gesundheitsgefahren lösen emotionale Reaktionen aus, was vor allem die betroffenen Regionalregierungen überrascht. Der soziale Widerstand gegen umweltschädliche Bauprojekte schlägt mancherorts in kleinere Aufstände um. Die Verantwortlichen werden in Zukunft zweimal nachdenken müssen, bevor sie in etwas Umweltgefährdendes wie Atomkraftwerke investieren.

Anders als in Deutschland scheint all dies jedoch nicht genug, damit Chinas Regierung klar und deutlich „Nein“ zur Atomkraft sagt.

Grund dafür sind die großen Herausforderungen, vor denen China steht. Das Land hat viel dafür getan, seine Abhängigkeit von der dreckigen Kohle zu reduzieren. Smogwolken wie die über Beijing versinnbildlichen, wie schmerzhaft die Folgen der Kohleverbrennung für die Bevölkerung sind. Gleichzeitig wächst der internationale Druck auf China, mehr zum Klimaschutz beizutragen.

Innovationen gemeinsam vorantreiben

Erneuerbare Energien – obwohl in einer rasanten Entwicklung – tragen bis dato jedoch nur wenig dazu bei, Chinas rasant steigenden Energiebedarf zu decken. Den größten Anteil hat noch Wasserkraft, deren Umweltverträglichkeit aber ebenfalls umstritten ist. Will China wie geplant bis 2020 mindestens 15 Prozent seiner Energie aus nicht-fossilen Rohstoffen gewinnen, muss es die bittere Pille Atomkraft wohl schlucken.

Denn einmal gebaut ist die Energieversorgung durch Atomkraftwerke langfristig stabil und günstig; insbesondere, weil der Preis für Kohle steigt, Wasserkraft zunehmend kritisiert wird und andere Erneuerbare noch in der Entwicklung sind. Deswegen ist die Atomkraft für die chinesische State Grid Corporation nach wie vor eine lohnende Wahl.

Diese Situation könnte aber in einen Vorteil für die Erneuerbaren umgemünzt werden. Der kürzlich um Solarpanels ausgebrochene und von Deutschland angeführte Handelsstreit zwischen China und der EU hat die chinesische Solarindustrie in enorme Schwierigkeiten gebracht. Eine Folge davon ist, dass Chinas Regierung nun versucht, den heimischen Markt für Solarenergie zu stärken. Indes wurde dadurch auch die Zuversicht vieler Chinesen in eine kohlendioxidarme Energieversorgung gedämpft. Sie sehen im deutschen Handeln den Beweis, dass selbst in Deutschland erneuerbaren Energien die volle Unterstützung versagt wird, wenn sich ihre ökonomischen Aussichten trüben.

Was wir brauchen, ist ein überzeugender Beweis aus Deutschland, der die Vorteile von Atomausstieg und erneuerbaren Energien greifbar macht. Das wäre für China eine Ermutigung, dem deutschen Vorbild zu folgen und seine Anstrengungen weiter zu verstärken.

China und Deutschland sollten deshalb enger als bisher kollaborieren. Mit vereinten Kräften wäre es leichter, die Atomkraft gänzlich durch erneuerbare Energien zu ersetzen. Dazu müssen die Märkte aber geöffnet statt geschlossen werden. Dazu müssen Subventionen so gestaltet werden, dass sie nicht diskriminierend sind. Und dazu muss die Politik Anreize so setzen, dass Erneuerbare wirklich gefördert werden – nicht nur so, dass sich Unternehmen auf die gerade günstigste Energieform konzentrieren.

Chinesen und Deutsche dürfen Entwicklungsfortschritte nicht länger voreinander verstecken, sondern sollten Innovationen gemeinsam vorantreiben. Die beiden Industrie-Riesen der Welt können mehr tun, als sich ein Kopf-an-Kopf-Rennen zu liefern. Gemeinsam können sie der Welt eine klare Perspektive für eine kohlendioxidarme Zukunft bieten.

Der Text wurde in Zusammenarbeit mit Julian-Jerome Berndt verfasst.

Übersetzung aus dem Englischen

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Catriona McLaughlin, Justin McCurry, Sylvestre Huet.

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Dieser Beitrag ist in der Printausgabe 2/2013 des The European enthalten.

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