Ich suche nicht nach Krisen, aber ich habe auch keine Angst vor Krisen. Frank-Walter Steinmeier

„Die einzige Pflicht des Künstlers ist die Kunst“

Er schreibt, weil er muss. Der amerikanische Literat T. C. Boyle erklärt Max Tholl, warum er zwar politisch ist, aber Politik in seiner Kunst keinen Platz hat.

The European: Herr Boyle, Sie haben öfter ­betont, dass das „Tier Mensch“ und der Einfluss unserer animalischen Natur auf unser Verhalten Sie sehr interessieren und prägen. Was ist Ihr bisheriges Fazit?
Boyle: Mein Fazit ist so pessimistisch und hoffnungslos, dass ich diese Frage nicht einmal ansatzweise beantworten kann. Wir sollten beten, dass Gott uns erhört und erlöst. Sollte Gott nicht existieren, bleibt uns noch Darwin – was für ein trostloser Ersatz! Ich selbst habe noch meine beiden persön­lichen Gottheiten: die Natur und die Kunst.

The European: Die Natur spielt in vielen Ihrer Bücher eine zentrale Rolle. Sie selbst engagieren sich sehr stark für den Umweltschutz. Würden Sie sich als politischen oder politisch motivierten Schriftsteller bezeichnen?
Boyle: Nicht im Geringsten. Ich bin Künstler und konzentriere mich ausschließlich auf meine Kunst. Wenn ich dabei noch auf soziale Probleme oder Umweltschutz aufmerksam machen kann – umso besser. Es ist aber weder Aufgabe noch Sinn der Kunst, politische Überzeugungen zu verdeutlichen oder zu transportieren. Die Kunst kennt keine Hierarchien – das unterscheidet sie von der Politik.

„Aus Kunst wird schnell Polemik“

The European: Wieso sollte sich die Kunst der Politik entziehen?
Boyle: Ich kann natürlich nur für mich sprechen, aber ich will subtile Kunst machen, die den Leser dazu einlädt, sich seine eigene Meinung zu bilden. Die Kunst soll kein parteipolitisches Sprachrohr sein. Kunst existiert für die Kunst.

The European: Sind Literatur oder Musik denn noch immer der Antrieb des kritischen Denkens oder sind sie heute­ zur bloßen Unterhaltung verkommen?
Boyle: Es gibt ja eine enorme Anzahl an Büchern und viele­ davon fesseln den Leser und rufen eine Reaktion in ihm hervor. Andere sind einfach nur Müll – das ist bei Filmen, Theaterstücken oder Musik nicht anders. Das ist die Demokratie des Marktes: Jeder Geschmack wird bedient. Ich stelle mir gerne vor, dass meine Bücher den Leser inspirieren und zum Nachdenken anstiften. Würde ich das nicht machen, würde ich doch mein Gesicht verlieren.

The European: Fällt es Ihnen schwer, Ihre politischen Ansichten während des Schreibens auszublenden?
Boyle: Die eigenen Gefühle und Ansichten beeinflussen natürlich auch die eigene Arbeit und ich bin mir sicher, dass man meine politische Haltung zwischen den Zeilen herauslesen kann. Aber man muss sich als Künstler davor hüten, diese Ansichten explizit zu benennen, sonst wird aus Kunst sehr schnell Polemik. Ich habe kein Problem damit, auf der Bühne oder in Interviews ­politisch Position zu beziehen, aber in meinen Büchern haben diese Ansichten keinen Platz.

The European: Einige politisch motivierte Künstler behaupten, dass Kunst ohne politische Aussage gar keine Kunst sein könne.
Boyle: Das ist jedem Künstler frei überlassen. Jeder soll die Kunst machen, für die er sich entscheidet. Es gibt da keine Regeln. Und was „einige Künstler“ denken, ist nicht von Bedeutung.

The European: Wenn aber Künstler die Kunst nicht als politisches Instrument wahrnehmen, wird der Staat sie für seine eigenen Interessen nutzen.
Boyle: Staaten haben schon immer die Kunst für ihre ­Interessen vereinnahmt und tun dies, wie man am Beispiel China sieht, auch heute noch. Ich habe großen Respekt vor Künstlern wie Arthur Miller, die mit ihren Werken gegen staatliche Unterdrückung vorgingen. Würde ich in einem repressiven­ Staat leben, würde ich das sicherlich ähnlich handhaben. Viele meiner Stücke kritisieren oder verspotten ja auch politisches Fehlverhalten.

The European: Gibt es denn keine moralische Pflicht zur politischen Kunst?
Boyle: Nein, diese Auffassung ist von Grund auf falsch. Es gibt keine moralische Pflicht für Künstler – zumindest nicht in der demokratischen Welt. Die einzige Pflicht des Künstlers ist die Kunst.

The European: Selbst in der Unterhaltungsbranche sind Bücher längst nicht mehr so populär, wie sie es einst ­waren: Filme und TV-Serien haben ihren Platz eingenommen. Beunruhigt Sie das oder denken­ Sie, dass Serien wie zum Beispiel „The Wire“ oder „Breaking Bad“ denselben Bildungsauftrag wie die Literatur erfüllen?
Boyle: Kunst soll nicht erzieherisch sein, sondern für sich selbst stehen. Die Serien, die Sie nennen, erfüllen diesen Zweck trotzdem in gewisser Art und Weise.­ Sie sind den Fortsetzungsromanen von Charles ­Dickens zum Beispiel sehr ähnlich. Trotzdem sind Film und Literatur verschiedene Medien.

The European: Inwiefern?
Boyle: Der Film ist ein passives Medium, bei dem der ­Zuschauer nur Informationen empfängt. Die Literatur fördert die Verbindung zwischen Leser und Autor. Film oder Fernsehen ist auch von Kooperation geprägt – es ist nie das Werk eines Einzelnen wie das in der Literatur der Fall ist. Das gefällt mir auch so sehr an meinem Beruf. Ich könnte niemals mit anderen Leuten zusammenarbeiten – nicht einmal für den Hauch einer Sekunde.

The European: Sie haben das Schreiben einmal als „Zwangsstörung“ bezeichnet …
Boyle: Ganz genau. Ich muss dazu aber auch anmerken, dass alle Schriftsteller egomanische, manisch-depressive, drogenabhängige Alkoholiker sind. Ich bin da keine Ausnahme.

The European: Sie behaupten auch, dass Sie krankhaft ehrgeizig sind. Beeinflusst das Ihr Schreiben?
Boyle: Wenn ich schreibe, blende ich solche Gedanken aus. Ich denke niemals daran, ob das Buch, an dem ich gerade arbeite, Erfolg haben wird oder nicht. Selbst als ich noch unbekannt und arm war, habe ich stets für mich selbst geschrieben – das tun Künstler halt. Meinen Erfolg verdanke­ ich meinen Lesern und dafür bin ich ihnen ­unendlich dankbar.

The European: Haben Sie eine Vorstellung davon, wer Ihre Stammleserschaft ist?
Boyle: Ja, ich kenne die alle persönlich – selbst ihre Kinder.

The European: Überlegen Sie sich, was diese Leserschaft interessieren könnte, wenn Sie einen neuen Roman anfangen?
Boyle: Das übersteigt meine Vorstellungskraft. Ich tue einfach mein Bestes und hoffe, dass es den ­Leuten gefällt.

The European: Der verstorbene US-Autor David Foster Wallace sagte einmal, dass seine Geschichten aus dem entstehen, was er selbst gerne liest. Ist das bei ­Ihnen auch so?
Boyle: Darüber habe ich nie so wirklich nachgedacht, aber ich denke, da steckt ein Funken Wahrheit drin. ­Andererseits reflektieren Bücher auch die eigene Persönlichkeit, und auf die hat man ­keinen Einfluss.

The European: Sie lehren „Kreatives Schreiben“. Kann man ­Kreativität erlernen?
Boyle: Nein, kann man nicht. Ein großartiger Schriftsteller zeichnet sich durch sein Talent aus. Aber viele meiner Schüler besitzen dieses Talent und profitieren von der kreativen Förderung, die ein solcher Kurs ihnen bietet.

„Literatur hat nicht mehr die Macht, die sie einst besaß“

The European: Ihr ehemaliger Professor, John Irving, hat kürzlich behauptet, wenn er heute noch mal 27 Jahre alt wäre und an seinem Debütroman arbeiten würde, wäre er versucht, sich eine Kugel durch den Kopf zu jagen. Teilen Sie seinen Pessimismus?
Boyle: Ich sehe das etwas blauäugiger. Ich habe mir meinen Traum erfüllt und lebe von meiner Kunst – das ist alles, was ich im Leben will. Schriftsteller­ schreiben halt, es ist ihre Berufung. Obwohl die heutige Lage prekär ist, haben einige meiner­ Studenten wie Téa Obreht, Anthony Marra oder Bonnie­ Nadzam Riesenerfolg – und so soll es auch sein. Literatur hat natürlich nicht mehr die Macht, die sie einst besaß, aber sie hat einen ­gewaltigen Vorteil gegenüber Film und Musik.

The European: Und zwar?
Boyle: Momentan haben Raubkopierer es noch nicht auf unsere Branche abgesehen. Ich denke, Literatur wird den Test der Zeit überstehen. Unser Stück des Kuchens wird lediglich kleiner. Wer sich trotzdem Gedanken macht, kann sich ruhig eine Kugel durch den Kopf jagen.

The European: Das ist harsch.
Boyle: Vielleicht, aber ich frage mich, wieso wir uns ­eigentlich nicht jede Minute jedes Tages eine ­Kugel durch den Kopf jagen.

The European: Ihre Vermutung?
Boyle: Wir wollen Sex. Und Essen. Und Drogen.

The European: Sie haben Ihr aktuelles Buch „San Miguel“ als Ihr „erstes historisches Buch ohne Ironie und Witz“ bezeichnet. Wieso sind Sie von Ihrem ­traditionellen Stil abgewichen?
Boyle: Jedes Buch und jede Geschichte findet einen ­eigenen Weg. „San Miguel“ beruht zu weiten­ ­Teilen auf dem lückenhaften Tagebuch von Marantha und einem Memoir von Elise – zwei der drei Protagonistinnen des Buches. Das hat mir erlaubt, beide Frauen sehr persönlich und ­realitätsnah zu beschreiben. Ich schreibe ja auch sehr viele Kurzgeschichten und diese sind allesamt sehr verschieden. „Chicxulub“ ist zum Beispiel auch sehr ernst und wenig satirisch oder ­komisch – ich habe also Erfahrung mit dieser Art von Schreiben. Wieso soll ich mich denn auch auf einen Stil festlegen? Ich bevorzuge literarische Vielfalt und wiederhole mich ungern. „San Miguel“ ist der beste Beweis dafür.

The European: Es ist ebenfalls Ihr erstes Buch aus der Sicht ­einer Frau. War das schwierig?
Boyle: Als ich mit dem Schreiben anfing, kritisierte meine Frau stets die charakterlose Darstellung der Frauen in meinen Büchern. Ich gab ihr recht, erwiderte aber, dass selbst meine männlichen ­Figuren sehr platt seien. Es ging mir damals mehr um Sprache, Struktur und Ideen. Charaktere waren eher zweitrangig. Heute sehe ich das anders und ich mag die Herausforderung, aus verschiedenen Blickwinkeln zu schreiben.

The European:„San Miguel“ beruht – wie die meisten Ihrer Bücher – auf historischen Fakten. Trotzdem ist es ein fiktiver Roman. Wo ziehen Sie die Grenze zwischen historischer Akkuratesse und fiktivem Schreiben?
Boyle: Es gibt keine Regeln in der Literatur. Ich hätte Dr. Kellogg aus „Willkommen in Wellville“ oder Frank Lloyd Wright aus „Die Frauen“ auch auf den Mond katapultieren können, wenn ich das gewollt hätte. Geschichte fasziniert mich. Deshalb haben viele meiner Romane diese historische Komponente. Ich will diese Faszination an meine Leser weitergeben.

The European: Sie haben in Ihren Büchern nicht nur Harvey ­Kellogg und Frank Lloyd Wright beschrieben, ­sondern auch Alfred C. Kinsey. Wie sollte man T. C. Boyle literarisch darstellen?
Boyle: Als einen einen Heiligenschein balancierenden Engel, der in den Himmel aufsteigt.

Übersetzung aus dem Englischen

Hat Ihnen das Interview gefallen? Lesen Sie auch ein Gespräch mit Irvine Welsh: „Drama ist ein menschliches Bedürfnis“

Cover_macht

Dieser Beitrag stammt aus der „The European“-Printausgabe 1/2014

Darin geht es u.a. um Macht: Wer besitzt sie? Wer greift nach ihr? Wir haben dazu mit Francis Fukuyama gesprochen. In weiteren Debatten entwerfen unsere Autoren die Stadt der Zukunft, diskutieren, ob Europas Populisten der Demokratie einen Gefallen tun und streiten darüber, wie politisch Kunst sein muss. Dazu: Interviews mit T.C. Boyle, Arianna Huffington und Jörg Asmussen.

Sie können es hier direkt bestellen.

Leserbriefe

comments powered by Disqus

Mehr zum Thema: Literatur, Kunst, Frauenbild

Kolumne

Medium_b3ff33f52d
von Nils Pickert
21.02.2014

Debatte

Kunst und Politik bedeuten Schmerzen und Unruhe

Medium_873ef4adb3

Dem Bösen begegnen

Politische Kunst muss nicht konkret werden – ein derbes „Fuck You!“ reicht vollkommen. Liebeslieder schreibe ich erst wieder, wenn alles in Ordnung ist. weiterlesen

Medium_46156eb7fa
von Hendrik Otremba
15.02.2014

Debatte

Das gesellschaftliche Potenzial von Musik

Medium_e85262bec9

120 bpm

Wer glaubt, dass Musik nichts mit Politik zu tun hat, war schon lange nicht mehr in der Disco. weiterlesen

Medium_4002f0c7bc
von Hans Nieswandt
14.02.2014
meistgelesen / meistkommentiert