Transparenz und das Recht auf gesunde, sichere, ausreichende Ernährung ist ein Bürgerrecht. Thilo Bode

Deutschland ruft

Die Finanz- und Wirtschaftskrise führt zu neuen Wanderbewegungen in der EU. Länder wie Spanien und Portugal verlieren ihre qualifizierten Kräfte an Deutschland.

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Europa durchläuft eine Periode tiefgreifender Veränderungen, seit die Finanzkrise den Kontinent 2007 erschüttert hat. Stärker als je zuvor verschmelzen Ökonomie und Politik miteinander, begleitet von Debatten über Bildungs-, Rentenreformen und fiskale Integration. Währenddessen folgte die wirtschaftliche Krise auf die Krise der Finanzmärkte. Europas Peripherie wird von den Auswirkungen dieser Entwicklung am ärgsten getroffen – weitreichende Veränderungen in der Sozialstruktur von Ländern wie Portugal, Italien, Irland, Griechenland und Spanien haben die Migrationsbewegungen umgekehrt, zurück zu dem „traditionellen“ Profil der Wanderungsbewegungen.

Die Migration in diesen Ländern erlebte seit Beginn der Finanzkrise zwei Phasen. Zunächst verließen einfache Arbeiter die Regionen mit Ziel in ihre Heimatländer in Lateinamerika, Osteuropa und Nordafrika. In der zweiten Phase begannen dann auch Europäer selbst, ihre Heimatländer zu verlassen. Zwar sind verlässliche Daten in Bezug auf den Ausbildungsgrad der Migranten dieser zweiten Phase rar, es gibt jedoch Hinweise darauf, dass es sich mehrheitlich um gut ausgebildete Arbeiter mit Hochschulreife und Fremdsprachenkenntnissen handelt.

Deutschland sucht gut ausgebildete Arbeitskräfte

Spanien ist in diesem Zusammenhang besonders interessant. Seit Mitte der 80er-Jahre bis zur Mitte der 2000er-Jahre nahm Spanien eine enorme Zahl Einwanderer auf. Diese stammten vor allem aus den ehemaligen Kolonien in Südamerika und, zu etwas geringeren Raten, aus Marokko und Europas Osten. Nicht zufällig wuchs Spaniens Wirtschaft in dieser Phase jährlich um 3,1 Prozent – die seinerzeit am schnellsten wachsende Ökonomie in Westeuropa. Davon bleibt in der Gegenwart nichts: Im vierten Quartal 2011 kletterte Spaniens offizielle Arbeitslosenrate auf 22,9 Prozent – die höchste in der Europäischen Union. Spaniens Jugendarbeitslosigkeit erreichte schwindelerregende 40 Prozent im vorigen Jahr, auch dies ist die höchste Rate des Kontinents.

Deutschland sucht derweil gut ausgebildete und qualifizierte Arbeiter, um seine Wirtschaft am Laufen zu halten. Die Bundesagentur für Arbeit nimmt an, dass die Zahl der Menschen im arbeitsfähigen Alter in Deutschland bis 2025 um bis zu 6,5 Millionen sinken wird. Nachdem Bundeskanzlerin Angela Merkel im Februar des vergangenen Jahres junge Spanier während eines Besuchs in Madrid einlud, nach Deutschland zu kommen und dort Arbeit zu suchen, veranstaltet die Deutsche Handelskammer aktiv Kampagnen in mehreren spanischen Städten, die spanische Arbeiter zur Übersiedelung anregen sollen.

Diese Initiative unterstreicht die Strategie Deutschlands für das Europa nach der Krise. Wie George Friedman vor einigen Wochen geschrieben hat, ist das Überleben der Europäischen Union für Deutschland notwendig – sowohl aus politischen als auch aus wirtschaftlichen Gründen. Aus der Sicht Berlins liegen die Wurzeln der Wirtschaftskrise in der Finanzpolitik der Problemländer. Eine Lösung könnte demnach darin bestehen, den Bürokraten der EU zu erlauben, die Finanzen jener Länder zu kontrollieren, die Hilfszahlungen erhalten. Das allerdings würde in einer Beschlagnahmung der Steuer- oder Budgethoheit resultieren, weshalb es derzeit nur schwer vorstellbar scheint, dass sich eines der europäischen Länder einer solchen von Deutschland dominierten Bürokratie unterwerfen würde.

Teil der Lösung, Teil des Problems

Es gibt keine einfachen Lösungen, nicht für die kurz- und nicht für die langfristigen Herausforderungen. Trotzdem wird die EU natürlich nach Auswegen aus der Krise, die ihre Existenz bedroht, suchen. Und natürlich werden die gefundenen Lösungen problematisch sein.

Die Wanderung von qualifizierten Arbeitskräften kann man als beides betrachten: als Lösung und als Problem. Das gut ausgebildete Personal aus der europäischen Peripherie kann zwar den Zielländern helfen, deren Ökonomie zu festigen, schwächt aber gleichzeitig ihre Herkunftsländer. Die Kombination aus hohen Auswanderungsraten und niedriger Zuwanderung wird in diesen Ländern dazu führen, dass es weniger arbeitende Steuerzahler gibt, die eine wachsende Zahl von Rentnern und Sozialhilfeempfängern stützen müssen. Dadurch werden die Budgetkürzungen, die die Länder der europäischen Peripherie derzeit planen, noch schwieriger machbar.

Zu dem Beitrag ist am 14.06.2012 ein Update von Stratfor erschienen, der sich mir Euopas schrumpfender und alternder Bevölkerung befasst.

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