Die multikulturelle Gesellschaft ist eine Illusion von Intellektuellen. Helmut Schmidt

„Blogs sind noch nicht im Mainstream angekommen“

Auch in Deutschland gewinnen Blogs an Bedeutung – ob für den Journalismus oder die Politik. Wie deutsche Blogger ihre Wirkmacht einschätzen, welche Themen sie besser bedienen können als klassische Medien und wie sich damit am Ende Geld verdienen lässt, erklärt die Blog-Forscherin Stine Eckert im Gespräch mit Bastian Steineck.

journalismus social-media blogger blog paid-content

The European: „Hierzulande sind Blogger für traditionelle Medien als Internetphänomen interessant, als Qualitätsautoren werden sie allerdings nicht ernst genommen.“ Deckt sich diese These mit den Ergebnissen Ihrer Untersuchungen politisch-journalistischer Blogs aus Deutschland?
Eckert: Gegenstand für die Berichterstattung sind die Blogs unserer Erfahrung nach hauptsächlich für die bundesweiten Zeitungen wie die taz, die FAZ, die ZEIT oder den Spiegel. Im Lokalbereich gilt das allerdings nicht. Nicht nur, dass sie nicht zitiert oder befragt werden zu einem aktuellen internetbezogenen Thema – auch der Blog als solcher spielt unserer Studie zufolge kaum eine Rolle. Allerdings gibt es auch Regionen, in denen viele Menschen ihr lokales Zeitungsabo abbestellt haben. Ein Blogger hat berichtet, dass er mittlerweile als „die Presse“ wahrgenommen wird – ob das nun ein Blog oder eine Zeitung ist, spielt für die Menschen dort letztlich keine Rolle mehr. Die Blogger in unserer Studie sagen, dass die Lokalzeitungen sich bedroht fühlen, sie stecken noch immer in der Erstarrungsphase und versuchen, Blogs zu ignorieren, während die größeren nationalen Medien die Blogs als Inhalt der Berichterstattung wahrnehmen. „FAZ“, „taz“ oder „Spiegel“ betreiben ja heute sogar ihre eigenen Blogs, sie haben das Format übernommen und arbeiten damit. In den Lokalmedien ist man da meist noch nicht so weit.

The European: Hat sich auch das Selbstverständnis der klassischen Blogger gewandelt?
Manche Blogger mögen nicht als „wirkliche“ Journalisten angesehen werden, viele kommen aber auch aus dem Journalistenberuf, arbeiten teilweise noch als Journalisten und werden entsprechend von ihren Kollegen ernst genommen. Ulrike Langer zum Beispiel sagt, die Leute kennen ihren Blog, aber auch ihre journalistische Arbeit, die sie seit vielen Jahren macht. Ihr Ruf als Journalistin löst sich also nicht deshalb auf, weil sie auch einen Blog hat.

„Blogger sehen sich selbst oft als Nischenpublikationen“

The European: Findet das Bloggen denn aus Sicht der Akteure noch abseits des Mainstreams statt oder hat es sich bereits so sehr etabliert, dass man als Blogger einer unter vielen geworden ist?
Eckert: Viele Blogger haben den Eindruck, dass die Wahrnehmung in der Öffentlichkeit ist: „Die Blogs schreiben über das Kaffeetrinken – das sind Geeks, die wir nicht ernst nehmen können.“ Im Mainstream sind sie also noch nicht angekommen, eher das Gegenteil ist der Fall. Die Blogger sehen sich selbst oft als Nischenpublikationen und haben es dadurch auch schwer, den Leuten zu vermitteln, was sie überhaupt machen. In diesen Fällen leisten sie oft Medienkompetenzarbeit und erklären, dass sie Journalisten sind. Ihre Bekannten wissen Bescheid, aber die breite Masse in Deutschland sagt laut der Blogger: „Ich glaube, der macht irgendetwas mit dem Internet.“ Und deshalb haben die Blogger nach wie vor eine Art Sonderstatus für die breite Masse.

The European: Obwohl in Deutschland die Netzinfrastruktur mit schnellen, billigen Breitbandverbindungen gut ausgebaut ist, hinkt das Land im internationalen Vergleich hinterher, was die Integration der Blogosphäre in die Gesellschaft angeht. Wie erklären Sie sich das?
Eckert: Deutschland entwickelt sich langsamer als Polen, Frankreich oder vor allem die USA, weil – das war Tenor fast aller Blogger – es hier eine Art Traditionalismus gibt. Die Menschen sind eher zurückhaltend, wenn es um technische Veränderungen geht, sie sind sehr kritisch und schauen, was das Neue bringen kann. Sie haben auch eine gewisse Angst, was den Schutz von Daten und Privatsphäre oder Betrügereien im Internet angeht. Dieser Punkt, sagen die Blogger, wird eben auch dadurch gefördert, dass in den Mainstreammedien die Themen, die zum Internet gehören, eher negativ besetzt sind: dass darüber berichtet wird, welche Gefahren im Internet lauern, anstatt über das Potenzial. In der Wahrnehmung der Blogger werden also viele negative Assoziationen mit dem Internet vermittelt. Außerdem haben die Blogger uns berichtet, dass es eine direkte Feindseligkeit der klassischen Medien gegenüber Blogs gibt, gerade im angesprochenen Lokalbereich. Dort werden sie mitunter schlichtweg ignoriert.

Hinzu kommt die finanzielle Problematik. Es gibt Blogger, die davon leben, aber das ist bei Weitem nicht die Mehrzahl. Ein Blogger hat angemerkt, dass auch der deutsche Markt schwierig ist, weil er so klein ist: Die deutsche Sprache hat nun mal nur zwischen 100 und 120 Millionen Sprecher. Zunehmend gibt es außerdem juristische Probleme: Die Blogger werden schneller zur persönlichen Zielscheibe, weil sie keinen großen Medienapparat mit Rechtsabteilung hinter sich haben. Mit den neuen Gesetzen – Jugendmedienschutzstaatsvertrag, Leistungsschutzrecht, Google Analytics – sehen Blogger die Gefahr einer Einschränkung. Die Politik trifft hier bestimmte Entscheidungen, ohne an die Blogger zu denken und gefährdet sie damit. Manche Blogger überlegen auch, ob sie überhaupt weitermachen können, sollten bestimmte Gesetze verabschiedet werden.

„In den USA wird bereits darüber debattiert, wie man mit Blogs Geld verdienen kann“

The European: Sie leben derzeit in den Vereinigten Staaten, wo die politische Blogosphäre konkreten Einfluss auf öffentlich geführte Debatten ausüben kann. Halten Sie eine derartige Entwicklung auch im deutschen Markt für möglich?
Eckert: Die Lager innerhalb der aktiven Blogger sind gespalten: Viele sind optimistisch und gehen davon aus, dass sich das innerhalb der nächsten fünf Jahre auch in Deutschland ändern wird, dass Deutschland aufholen wird, Blogs eine größere Rolle spielen werden und mehr Menschen aktiv bloggen. Andere Stimmen bewerten die Blogosphäre eher als geschlossene Gemeinde, die sich ein bisschen im Kreis dreht und momentan eher stagniert. Gleichzeitig bringen die sozialen Netzwerke die Leute von Blogs weg, weil es nun andere Formate gibt, über die man sich ausdrücken kann.

The European: In den Vereinigten Staaten stagniert die Entwicklung nicht – im Gegenteil. Muss sich die US-amerikanische Politik davor fürchten, dass Blogs schon bald zu einem entscheidenden Wahlkampfhelfer werden?
Eckert: Das Konzept der Angst vor sozialen Medien, vor einer Übermacht der Blogs gibt es so nicht in den USA, obwohl jeder bloggt: Das geht durch alle Alters- und Berufsgruppen, die Eltern und ihre Kinder sind auf Facebook. Im Moment geht die Debatte viel eher der Frage nach, wie sich damit Geld verdienen lässt. Die „New York Times“ hat kürzlich erneut ein Bezahlmodell eingeführt, nachdem das erste gescheitert ist. Die Angst um die Existenz gibt es nach wie vor, aber vorwiegend auf der Seite der traditionellen Journalisten. Denn die Leute gehen dahin, wo Informationen und die Nachrichten frei sind. In Umfragen zeigt sich, dass niemand dafür bezahlen wird, solange es die Inhalte anderswo kostenfrei gibt.

The European: Ist die Diskussion über Paid Content in den USA also schon einen Schritt weiter als in Deutschland?
Eckert: Die finanziellen Sonderdienste wie Bloomberg oder das Wall Street Journal haben das bereits gut eingerichtet, auch Apple mit seinem iTunes-Store wird als Erfolgsmodell gesehen. Andere große und führende Medien wie die NY Times, die Washington Post und vor allem kleinere Zeitungen kämpfen hingegen gegen massive Geldprobleme. In den letzten zwei Jahren sind über hundert Zeitungen gestorben, in vielen Orten gibt es keine gedruckte Zeitung mehr, das ist passé. Die sind zwar in den meisten Fällen ins Netz gegangen, verdienen dort aber noch kein Geld. Es gibt Modelle mit Sponsoren, mit Micropayments, mit Philanthropen, also Leuten, die viel Geld haben und sich für eine gute Sache einsetzen wollen. Ein gutes Beispiel dafür ist ProPublica: investigative Recherchen, die durch Spenden und Philanthropen finanziert werden. Die „magic formula“ für bezahlten Journalismus im Internet ist allerdings auch damit noch nicht gefunden.

Hat Ihnen das Interview gefallen? Lesen Sie auch ein Gespräch mit Matthias Matussek: „Kaum Spielfläche für Austs 'Die Woche'“

Leserbriefe

comments powered by Disqus

Mehr zum Thema: Journalismus, , Blogger

Debatte

Neuregelung des Urheberrechts im Internet

Medium_34cd0749af

Recht auf Kunst

Wir müssen die Sorgen der Künstler genauso ernst nehmen wie die Ängste der Netzgemeinde vor dem Verlust von Freiheit. Fest steht jedoch: Ohne den Schutz des geistigen Eigentums ist die Zukunft von ... weiterlesen

Medium_6760eebfac
von Volker Kauder
27.06.2012

Kolumne

Medium_dca48fe9d8
von Eberhard Lauth
23.04.2011

Kolumne

Medium_f1a54cfd88
von Der Presseschauer
20.03.2011
meistgelesen / meistkommentiert