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„Der Irak-Krieg hatte eine reinigende Wirkung“

Der Irak-Krieg hat nicht nur das Land, sondern auch das internationale System verändert. Zum zehnten Jahrestag der Invasion spricht Max Tholl mit dem Harvard-Politologen Stephen Walt über die Auswirkungen des Kriegs auf die US-Außenpolitik und die Zukunft humanitärer Interventionen.

The European: Herr Walt, können wir dem Irak-Krieg auch etwas Positives abgewinnen?
Walt: Der einzige Erfolg war die Absetzung Saddam Husseins und seines Regimes. Die Welt ist ohne ihn besser dran. Aber sein Regime wurde eben nicht durch eine besonders gute Regierung ersetzt. Die negativen Konsequenzen, so erscheint es mir, überwiegen eindeutig.

The European: Hat sich die amerikanische Regierungsführung durch die Erlebnisse des Irak-Kriegs verändert?
Walt: Ja, das denke ich. Insbesondere, wenn man noch die Erfahrungen aus dem Einsatz in Afghanistan einbezieht, hat das zu einer Skepsis bezüglich militärischer Gewalt geführt. Das betrifft insbesondere die im großen Maßstab durchgeführten Invasionen zur Lösung außenpolitischer Probleme. Dass Obama auf Drohnen und kleine Sonderkommandos setzt, zeugt davon, dass die Besetzung und Fremdbestimmung anderer Länder schlicht der falsche Weg ist, um amerikanische Interessen durchzusetzen. In diesem Sinne hatte der Irak-Krieg eine reinigende Wirkung auf die US-Außenpolitik.

„Die Erfahrungen im Irak haben uns vorsichtig werden lassen“

The European: Ihr Kollege Joseph Nye hat kürzlich geschrieben, er glaube, aufgrund des Irak-Kriegs werden die USA in der nächsten Dekade keine langfristige Besetzung eines anderen Landes anstreben. Stimmen Sie ihm zu?
Walt: Ja, ich stimme ihm fast hundertprozentig zu. Aber grundsätzlich sind solche Maßnahmen nicht für immer und ewig auszuschließen, da alle Länder früher oder später solche historischen Ereignisse verdrängen. Ich denke, dass wir mindestens in den nächsten zehn Jahren keine langfristige militärische Besetzung erleben werden – und erst recht keine freiwillige. Ungewöhnliche Umstände könnten vielleicht zu einer neuen großen Militärintervention führen – aber sicher nicht die Art von Situation, die uns damals in den Irak-Krieg geführt hat.

The European: Denken Sie, die verhältnismäßig kostengünstige Kriegsführung mit Drohnen wird die amerikanische Außenpolitik verändern?
Walt: Nein, Drohnen sind lediglich Werkzeuge, die für verschiedenste Zwecke genutzt werden können – aber sicher nicht für die Umgestaltung ganzer Regionen. Sie können auf diese Weise zwar punktuell Ziele verfolgen, etwa die Unterstützung einer unter Druck geratenen Regierung wie in Libyen, aber durch den Einsatz von Drohnen erzeugen Sie keinen Wandel. Auch deshalb ist die Idee, dass die USA eingreifen und ein fremdes Land nachhaltig verändern, erst einmal Geschichte.

The European: Was bedeutet das für die Zukunft der humanitären Intervention? Immerhin besitzen die USA weiterhin die größte militärische Macht.
Walt: Zuerst einmal muss klar sein, dass weder die USA noch ihre Verbündeten jemals scharf darauf waren, eine Menge Geld und das Leben von Soldaten für humanitäre Zwecke zu riskieren. Die Erfahrungen im Irak haben uns noch vorsichtiger werden lassen, was wir unter anderem in Syrien sehen. Doch die Risiken sind nur ein Aspekt, denn wir sind heute nicht mehr überzeugt, dass ein Eingreifen überhaupt zu guten Resultaten führt. Natürlich möchte ich nichts ausschließen, etwa wenn in Syrien der Einsatz von Chemiewaffen droht. Aber grundsätzlich haben uns die Kriege in Afghanistan und Irak Demut gelehrt, was in Bezug auf humanitäre Aspekte überhaupt erreichbar ist.

The European: Leiden die USA an einer Art „Irak-Syndrom“, das sie davon abhält, sich konkret einzumischen, etwa in Syrien?
Walt: Mir gefallen Begriffe wie „Irak-Syndrom“ oder „Vietnam-Syndrom“ nicht. Für mich ist es wichtig, dass wir jetzt eine wichtige Lektion lernen: Selbst sehr mächtige Länder können fremde Gesellschaften nicht in den Griff bekommen. Wir verstehen ja noch nicht einmal, wie diese Gesellschaften überhaupt funktionieren. Da geht es nicht um irgendein Symptom, sondern um eine wichtige Erfahrung.

„Wir haben eine Dummheit begangen“

The European: Präsident Bush und sein Vize Dick Cheney waren davon überzeugt, dass der Einmarsch in den Irak die Region umkrempeln und die US-Dominanz dort einläuten würde. War es falsch, das zu glauben?
Walt: Ja, das war völlig daneben. Sie glaubten, mit aller Gewalt den gesamten Mittleren Osten umpflügen zu können. Eine verrückte Idee. Stattdessen ist die Region noch zerstrittener und instabiler als zuvor.

The European: Und doch ist Präsident Obama davon überzeugt, dass der Irak ein Vorbild für andere Länder der Region ist.
Walt: Erinnern wir uns daran, dass Obama zu Beginn seiner Amtszeit die Truppen aus dem Irak abziehen wollte. Das war damals auch die Position seines Vorgängers. Obama hat also versucht, die Situation zu beschönigen, um den Rückzug durchzusetzen.

The European: Wie unterscheiden sich die Regierungen Bush und Obama in Bezug auf die Situation im Irak?
Walt: Unter Bush haben wir mit den Irakern ausgehandelt, wie der amerikanische Rückzug ablaufen könnte. Obama hat sich zumeist an diesen Fahrplan gehalten. In diesem Sinne sehe ich keine nennenswerten Unterschiede.

The European: Der Iran wird oftmals als einziger Gewinner des Irak-Kriegs bezeichnet. Ohne Zweifel hat Teheran an Einfluss gewonnen und das Machtvakuum gefüllt, das der Irak und die USA hinterlassen haben. Jetzt ist das Land das größte Hindernis für Frieden in der Region.
Walt: Das ist richtig, der Iran war schon immer ein mächtiger Akteur in dieser Weltgegend. Unter Saddam Hussein waren Irak und Iran aber erbitterte Feinde, die sich bis aufs Blut bekämpft haben. Man könnte sogar sagen, dass es so etwas wie eine Machtbalance zwischen diesen beiden Ländern gab. Durch die Schwächung Iraks und den Machtgewinn der Schiiten haben die USA dieses fragile Gleichgewicht ausgehebelt. Die neue Regierung im Irak sympathisiert zumindest mit dem ehemaligen Erzfeind. Der Iran ist also der große Gewinner des Irak-Kriegs.

The European: Der Irak-Krieg war auch eine Zerreißprobe für die NATO. Gleichzeitig gab es mit der ersten Ausrufung des Bündnisfalls in Afghanistan eine gemeinsame Militäraktion. Hat das die Allianz nicht gestärkt?
Walt: Ja und Nein. Natürlich hat der Irak-Krieg für gehörige Spannungen gesorgt. Aber die Europäer waren nun mal für lange Jahre von der amerikanischen Sicherheits- und Schutzgarantie abhängig. Nichtsdestotrotz glaube ich, dass der Krieg die transatlantischen Beziehungen schwer beschädigt hat; zum Teil auch, weil viele Menschen das amerikanische Urteilsvermögen infrage stellten. Die Tatsache, dass wir die Dummheit begangen haben und dann auch noch dabei versagten, etwas zu erreichen, das zumindest wie ein Sieg aussah, rief ernsthafte Zweifel an der amerikanische Führungsrolle hervor. Ich denke, dasselbe gilt für Afghanistan. Diese gescheiterten Missionen provozieren die Frage, wozu die NATO überhaupt noch zu gebrauchen ist.

The European: Wichtige NATO-Länder wie Deutschland und Frankreich waren gegen die Intervention im Irak und verurteilten die Missachtung der UN-Resolution. Die Auswirkungen auf die transatlantischen Beziehungen waren enorm. Werden sie jemals so wie zuvor?
Walt: Teilweise sind sie das doch wieder. Die damaligen politischen Führer in Deutschland und Frankreich sind nicht länger im Amt und ihre Nachfolger haben sich sichtlich bemüht, Unstimmigkeiten auszubügeln. Ich denke, die schmerzhafte Episode von 2002 bis 2003 ist zum Großteil vergessen. Die heutigen Probleme haben nichts mit dem zu tun, was war, sondern dem, was künftig sein soll.

The European: Wird es wieder zu engerer Zusammenarbeit kommen?
Walt: Wahrscheinlich nicht, denn Europa hat keinerlei Sicherheitsprobleme, für deren Lösung es die USA bräuchte. Das wissen auch die Amerikaner und das ist auch der Grund, weshalb sie ihren Fokus auf Asien gerichtet haben. Künftig wird Europa ein Problem damit haben, die Aufmerksamkeit von Washington zu erhaschen.

„Solche Kriege können nicht sauber gewonnen werden“

The European: Der Irak-Krieg steht symbolisch für amerikanische Alleingänge. Der frühere US-Außenminister Henry Kissinger hat einmal gesagt, dass Amerika keine Freunde, sondern nur Interessen habe. Belegt der Irak-Krieg diese Behauptung?
Walt: Der Irak-Krieg belegt, dass die transatlantische Freundschaft eine ziemlich einseitige Beziehung war. Europa hat den USA über viele Jahrzehnte hinweg den größten Einfluss zugebilligt. Der fehlende Konsens im Vorfeld des Irak-Kriegs hat Amerika dann dennoch nicht aufgehalten und die ungleiche Machtverteilung wurde offensichtlich.

The European: Welche Lehren müssen wir aus diesem Krieg ziehen?
Walt: Zuallererst müssen die USA lernen, dass die Besetzung fremder Länder unglaublich schwierig ist und wir darin nicht besonders gut sind – so wie alle anderen ebenfalls nicht. Also sollten wir solche Aktionen künftig nur noch unternehmen, wenn wirklich bedeutende nationale Interessen auf dem Spiel stehen. Und das war im Irak schlicht nicht der Fall. Zweitens müssen wir im Hinterkopf haben, dass es nicht besonders schwierig ist, ein ganzes Land in einen dummen Krieg zu treiben. Im Rückblick ist es erstaunlich, wie wenige Personen ausreichten, nicht nur die amerikanische Öffentlichkeit, sondern auch Menschen wie Tony Blair von einer Intervention zu überzeugen. Drittens dürfen wir nicht vergessen, dass Aufstandsbekämpfung extrem schwierig ist. Solche Kriege können nicht sauber gewonnen werden.

The European: Die wichtigste Lehre ist also …
Walt: Seid nicht dumm! Macht so etwas nie wieder. Außerdem täten wir gut daran, an unsere Partner zu denken. Von denen bekommen wir üblicherweise gute Ratschläge. Rückblickend wäre Amerika besser dran, wenn es damals auf Frankreich und Deutschland gehört hätte. Das hätte geholfen, eine nationale Tragödie zu verhindern.

The European: Was raten Sie Europa?
Walt: Macht weiter und versucht, uns Amerikanern Rat zu geben und wer weiß, vielleicht werden wir ihn ja annehmen.

Übersetzung aus dem Englischen.

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