Es können Brücken gebaut werden zwischen Müsli-Essern, Wertkonservativen und Brioni-Trägern. Peter Müller

Wider die Demagogie

Die Frage ist nicht, ob ein islamisches Religionszentrum in Manhattan gebaut werden soll. Die Frage ist stattdessen, warum überhaupt eine Debatte in der aktuellen Form geführt wird. Denn bei Argumenten gegen den Bau schwingen immer auch islamophobe Stimmungen und irrationale Ängste mit. Mit Fakten hat das wenig zu tun.

Die Frage ist nicht, ob ein islamisches Religionszentrum in Manhattan gebaut werden sollte. Die Antworte darauf ist relativ offen ersichtlich: Das hier ist Amerika, gegründet von Flüchtlingen vor der religiösen Intoleranz Europas. Wir respektieren dieses Pluralismus. Stattdessen sollte die Frage sein, warum wir überhaupt eine Debatte über das Bauvorhaben führen. Die Antwort darauf liegt in der verwendeten Rhetorik: “Eine Moschee am Ground Zero.” Ein Etikett, das der Debatte von sendungsbewussten Islamgegnern, rechten Demagogen und geistesverwandten Medien aufgedrückt worden ist.

Um Fakten geht es nicht mehr

Die “New York Post”, Teil der News Corporation von Rupert Murdoch, hat als Erstes die fehlgeleitete Bezeichnung verwendet, um ein Projekt zu beschreiben, das weder eine Moschee ist, noch am Ground Zero gebaut werden soll. Willige Abnehmer für die flammende Rhetorik der Zeitung fanden sich schnell und zahlreich. Konservative Blogger wie Pamela Geller und Robert Spencer oder Tea-Party-Aktivisten wie Mark Williams posaunten die Unterstellungen in die digitale Welt hinein.

Murdochs Fernsehsender “Fox News” sprang schnell auf den Zug auf, fand prominente Unterstützung unter Opferfamilien und republikanischen Kadern – unter anderem Liz Cheney, Tochter des ehemaligen Vizepräsidenten, und William Kristol, ein bekannter konservativer Kolumnist. Alle waren bekannte Gesichter auf den Fernsehschirmen von “Fox News” und etablierten zusammen die Idee eines kontroversen Moscheebaus. In einer Zeit der politischen Brisanz – im Herbst stehen in den USA Zwischenwahlen an, viele Wahlkreise sind offen umkämpft – wurde diese Rhetorik vor allem für die amerikanische Rechte zur Chance der politischen Profilierung: emotional ausgenutzt und hysterisch übersteigert.

Nach einem Jahrzehnt voller Verhaftungen, Vernehmungen, Deportationen, Anschlagshysterie und Terrorwarnungen schlägt der antiislamische Alarmismus in den USA erwartet hohe Wellen. Moscheen im ganzen Land sind Opfer von Brandanschlägen oder Rohrbomben geworden. Ein Taxifahrer wurde in New York Opfer einer Messerattacke, wohl aufgrund seiner muslimischen Herkunft. Ebenfalls in New York betrat ein Mann eine Moschee, um auf die Gebetsteppiche zu urinieren.

Warum halten wir an einer falschen Weltsicht fest?

Die “Debatte” ist so immer mehr zur Marktschreierei verkommen. Um Fakten geht es bei dieser Art der Diskussion kaum. Logik zählt nicht mehr. Wir befinden uns in Regionen des Gehirns, in denen frührevolutionäres Instinktverhalten normalerweise verborgen liegt – bis verantwortungslose Demagogen es wach kitzeln.

Präsident Obama hat sich zur Thematik der Religionsfreiheit und des Toleranzgedankens geäußert, ohne wirklich Stellung zu beziehen. Senator Harry Reid hat vorgeschlagen, die “Moschee” an einem anderen Ort zu bauen, aus Respekt vor den Angehörigen des 11. September. Doch die sind keineswegs einstimmig gegen das Bauvorhaben. Eine Organisation von 9/11-Familien hat sich bereits hinter die Pläne gestellt.

Es gibt um den Ground Zero herum keine Sperrzone mit Warnschildern, auf denen in großen Buchstaben verkündet wird: “Keine Muslime.” Al-Qaida ist nicht synonym mit dem Islam, auch wenn die Terrorgruppe dies in ihrer Propaganda behauptet. Muslime sind nicht gleichzusetzen mit Terroristen. Aber Konservative wie Newt Gingrich und Sarah Palin scheinen an ebendieser Weltsicht festhalten zu wollen. Was werden sie sagen, wenn die nächste Rohrbombe vor einer Moschee detoniert? Was werden sie bei den nächsten Pflastersteinwürfen oder Messerangriffen sagen? Was werden sie sagen, wenn die Kirchengemeinde Dove World in Florida am Jahrestag des 11. September wieder den Koran verbrennt?

Es geht bei dieser Debatte nicht um den Bau eines islamischen Zentrums in New York. Es geht um die Gegenwart von Muslimen in Amerika generell.

Leserbriefe

  • Theeuropean-placeholder
    Dorette Eikelkamp – 30.08.2010 - 19:07

    Moscheebau
    Da sieht man einmal wieder ,“Welch Geistes Kind die Moslems sind”

  • Theeuropean-placeholder
    Rolf Kohl – 31.08.2010 - 11:07

    Moscheebau!
    Da sieht man mal wieder, ,,Welch Geistes Kind die Christen sind"

  • Theeuropean-placeholder
    Kurt Erb – 31.08.2010 - 20:23

    “Das hier ist Amerika, gegründet von Flüchtlingen vor der religiösen Intoleranz Europas.” – Da ging es aber nicht um Islam, sondern allenfalls um den christlichen Glauben protestantischer Prägung.

  • Theeuropean-placeholder
    Rolf Kohl – 01.09.2010 - 17:31

    Amerika wurde nicht von europäischen Religionsflüchtlingen gegründt. Erst mal waren da die Kolonialmächte England und Frankreich.Zur Erschliessung des Landes holten die mal alle Sträflinge.Hinzu kamen angeworbene Söldner aus ganz Europa um der erschlossenen Gebiete zu sichern. Da dies immer noch zu wenige waren lockte man religiösen Gruppen mit der freien Ausübung ihrer Religion.Iren und Italiener lockte die Freiheit.Amerika ist, wenn man so will eine Mischung aus Europäern.Wenn man sieht welche religiöse Gruppierungen sich in den USA etebliert haben, ist es eine multikulturelle Gesellschaft.Auch Islamisten hatten dort ihren Platz, bis zu jener Zeit da amerika eine Religion zum Nachteil einer anderen bevorzugte.Das war der Bruch der Religionsfreiheit in Amerika.

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