Sie ahnten es: Als Präsident einer Privatuniversität muss man für gewöhnlich Marxist sein. Denn es war im Jahr 1875 Karl Marx, der in der Kritik am Gothaer Programm pointiert fragte: “Wenn in einigen Staaten […] auch »höhere« Unterrichtsanstalten »unentgeltlich« sind, so heißt das faktisch nur, den höheren Klassen ihre Erziehungskosten aus dem allgemeinen Steuersäckel zu bestreiten.” Das Ergebnis: Kostenloser Hochschulzugang (re)produziert soziale Ungleichheit. In Deutschland ist die Herkunftsbedingtheit der Bildungsbiografien am stärksten in den OECD-Staaten.
Bildung war lange Zeit ein “meritorisches Gut”, also ein öffentliches Gut mit Zwangsbeglückung. Bildung an Hochschulen ist jedoch ein Club-Gut, das heißt von der Allgemeinheit bezahlt und von einem begrenzten Club freiwillig konsumierbar. Und diese Club-Mitgliedschaft rechnet sich: Aktuell rentieren Akademikergehälter mit brutto 58 Prozent bezogen auf Nichtakademikergehälter.
Wir müssen unsere Bildungsfinanzierung und Trägerschaft auf den Kopf stellen
Der Bildungsstreik stand unter der paradoxen Formel: “Bessere Universitätsfinanzierung bei Abschaffung der Studiengebühren.” Es gab nur wenige Kleinkinder mit Plakaten, die das für ihre Kindergärten gefordert haben. Leider, denn wir müssen unsere Bildungsfinanzierung und Trägerschaft auf den Kopf stellen. Denn auf der einen Seite sind deutsche Universitäten unbezahlbare und unterbezahlte Institutionen der Wissensgesellschaft, die die Produktion von Club-Gütern nicht durch ihren eigenen Club bezahlen lassen. Auf der anderen Seite haben Kindergärten und Schulen in Deutschland eine höhere private Bildungsträgerschaft als Universitäten. Das ist international ein unvergleichbarer Unfall! Nachlaufende, sozial verträgliche, das heißt einkommensabhängige Studiengebühren sind kein Staatsversagen, sondern gerecht. Der Staat muss Verantwortung für den Anfang der Bildungsbiografie übernehmen – die Bildungsgewinner wie auch weitere Profiteure im Premiumsegment mehr für sich selbst.
Bildungsprotestierende sind bildungsnah. Unsere wirklichen Talente sind hingegen noch bildungsfern. Und das liegt an der Finanzierung.























So ganz verstehe ich den Ansatz noch nicht. Bin wahrscheinlich auch zu bildungsfern.
Aber ein Punkt muss gestattet sein:
Wer ein bezahltes Premiumhochschulsegment fordert und nicht zeitgleich die Deutsche Wirtschaft und diese Privatunis auffordert endlich ein ebenso hochwertiges Stipendienwesen ähnlich dem der USA anzubieten, der will doch in Wahrheit einen sehr exklusiven Premiumclub für die finanzstarke Elite des Landes schaffen, oder?
Wie sollen denn die Bildungsfernen herangeholt werden, wenn Sie es sich schlichtweg niemals leisten können, diesem exklusiven Club beizutreten?
Lassen Sie mich auf die eine vermutlich ernst gemeinte Frage kurz eingehen, weil sie die entscheidende ist:
Zukunft wird in Deutschland wie in keinem anderen OECD-Land von Herkunft bestimmt. Es gibt Anzeichen – unter anderem belegt durch Analysen des UN-Menschenrechtsrats -, dass das deutsche Bildungssystem als migrantenselektiv und benachteiligend für bildungsfernere Schichten anzusehen ist. Dies wird nach Einschätzung vieler durch die limitierte bzw. mit Bezahlstrukturen belegte vorschulisch Kinderförderung begründet sowie mit einem Schulsystem, das soziale Aufwärtsmobilität nicht zuletzt. Die Hochschulen sind in der Tat “exklusive Clubs” – in welcher Spielart auch immer – und in unterkomplexer Form zugangslimitiert.
Das Kernproblem scheint mir pointiert formuliert dieses zu sein: das deutsche Bildungssystem kann nicht sonderlich gut mit Heterogenitäten von Vorleistungen umgehen. Das werden wir jedoch müssen.
Ihre Aussage “Wenn Kinder reicher Eltern auf Staatskosten studieren, kann das nicht gerecht sein.” kann ich nicht nachvollziehen, denn
1. gibt es genug gut verdienende Eltern, die ihre Kinder nicht mit Geld unterstützen (wie in meinem Fall). Gründe dafür gibt es verschiedene: Streitigkeiten innerhalb der Familie, der Meinung, das Kind solle “sich selbst seinen Teil erarbeiten”, …
2. zahlen gut verdienende Eltern auch die meisten Steuern. Den Kindern aus eben diesem Grund den kostenlosen Zugang zu Bildung zu verwehren, halte ich persönlich für sozial Ungerecht.
3. Es wird immer neben den vom Staat zur Verfügung gestellten Bildungsmöglichkeiten private Alternativen geben. Reiche Eltern, die bereit sind ihre Kinder mit Geld zu unterstützen (im Gegensatz zu den Eltern in Punkt 1) wählen auch gerne private Alternativen und nutzen gar nicht die vom Staat zur Verfügung gestellten Möglichkeiten.
Sicherlich wird die Bildung an Hochschulen nicht von jedem Menschen im Staat genutzt. Und ich verstehe, dass Sie meinen eine Förderung von etwas, dass nur ein Teil der Gemeinschaft nutzt (die auch noch von der Nutzung profitiert) sei Ungerecht.
Ich sehe das Thema aus einer anderen Perspektive: Der Staat stellt Bildung (an Hochschulen) nicht kostenfrei zur Verfügung weil jeder Bürger sie nutzen möchte/kann. Der Grund, warum der Staat Bildung an Hochschulen fördern sollte ist vielmehr dieser: Der Staat profitiert selbst von Bürgern mit Hochschulbildung. Wie sie selbst festgestellt haben verdienen diese nämlich besser und können so mehr Steuern zahlen.
Unabhängig von dieser Diskussion bin ich auch der Meinung, dass die Vorstufen der Hochschulbildung wichtiger sind. Neben den privaten Kindergärten und Schulen muss es genügend staatliche, für den Bürger kostenfreie Alternativen geben.
Eine differenzierte Replik auf eine längere Replik auf eine eine kleine Kolumne:
1.
Ja, auch Kinder vermögender Eltern sollten elternunabhängig finanziert studieren dürfen. Aber dann mit nachlaufenden Studiengebühren und einem in der Tat zu entwickelnden Stipendiensystem. Dass beide Modelll in der Fläche fehlen, ist in der Tat der Skandal nach der richtigen Entscheidung, dass Hochschulrahmengesetz abzuschaffen und damit das Studiengebührenerhebungsverbot aufzuheben. Nun wird seitens der Bundesregierung mit einem Nationalen Stipendienfonds geantwortet, prinzipiell eine gute Idee, aber auch in der Gefahr der Herkunftsabhängigkeit.
Zum Hintergrund, wie es an der Zeppelin Universität geregelt wird: 63% der Studierende sind auf diese durch die Sparkasse Bodensee zinsgesponsorte Vorfinanzierung angewiesen. 15% sind in der Begabtenförderung, zahlreiche Migrantenstipendien u.a. von der Vodafone Stiftung werden angeboten, ca. 22% beziehen BAFÖG. Es ist zugebenermaßen durch das Auswahlverfahren eine Sondersitution, das aber in den meisten Landeshochschulgesetzen auch den Staatshochschulen ermöglicht wird.
2.
Ihre persönliche Meinung respektiere ich. Bilungsökonomische Analysen der Bildungsrenditen allerdings auch. Denn es gibt in der Tat klassische Net Present Value-Analysen für private und staatliche Renditen von einem Studium. Die “massification” seit den 1970er Jahren ist ja in der Tat gesellschaftlich überwiegend gewollt gewesen und hat nachweislich einen nationalökonomischen Effekt. Dennoch ist der faktische Akademiker-Anteil einer Alterskohorte als einziges Land im OCED-Vergleich in den vergangenen Jahren stabil geblieben (schwankt ca. 22%). Das würde bedeuten, dass unser Problem vor allem die Abbrecher-Quoten sind, die das Studium pro Absolventen verteuern.
3.
Ihr Punkt hier war mir nicht unmittelbar eingängig. Private Universitäten sind in den wenigsten Fällen eine Versorgungseinrichtung für Studierende, die keinen Studienplatz erhalten haben. Das mag bei einzelnen privater Fachhochschulen möglicherweise der Fall sein – so zumindest das Gerücht. Aber die Reputationseffekte auf verschiedensten Märkten (von Bewerbermarketing, Akkreditierungen, Rankings, Förderermärkte, Absolventenmärkte, Drittmittelforschung) sind in der Regel als stärker anzunehmen, als dies bei staatlichen Hochschulen wahrgenommen wird. Dazu kommt, dass die privaten Hochschulen in der Regel ohnehin “nicht zugangsbeschränkte” Studiengänge anbieten – wenn man einmal z.B. von Medizin oder Recht absieht, die dann aber examiniert werden.
Die Abiturnote stellt im übrigen nur bei “Reproduzierfächern” wie Medizin und Jura ein signifikantes Proxy für den Studienerfolg dar, so dass auch hier die Individualisierung des Auswahlverfahrens relevant wird.
Es freut mich, dass Sie sich der Meinung anschließen können, die es vor allem staatliche, für den Bürger kostenfreie Alternativen der frühen Bildungsphase geben muss.
Die OECD sagt:
“A key issue for educational systems is to provide equal opportunities for all individuals, regardless of their socio-economic status. Levelling the playing field between affluent and less affluent students is
not simply a matter of equity; it is a way of increasing the recruiting ground for highly skilled jobs and overall labour competitiveness. Expanding higher education also depends on the quality of the outputs of schools. Findings from the PISA 2000 survey suggest that in most countries, students’ performance is linked to their
socio-economic status. Intervention at an earlier stage (primary and lower secondary education) therefore appears to be warranted to correct such disadvantages.”
http://www.oecd.org/document/30/0,3343,en_2649_39263238_42200158_1_1_1_1,00.html
Das ist ja im Prinzip die Aussage des Beitrags.
Das Gebühren nicht immer abschrecken müssen, zeigt Indicator A7 selbigen Dokuments. Dieser weisst Österreich, Deutschland und Portugal nämlich die höchste Sozialselektivität aus. Irland hingegen die geringste. Und das bei Studiengebühren die im Bachelor-Bereich bei £5000-£9000 Pfund liegen.
Jetzt erkläre mir jemand, wie sich diese Fakten mit der Behauptung das Studiengebühren IMMER sozial selektiv sind zusammenpassen!
Andererseits kann man selbstverständlich immer argumentieren, dass Bildung jenseits von Effizienz- und Verteilungskriterien immer ein subventionwürdiges Gut ist – etwa analog zur staatlichen Finanzierung von Opern. Bloß dass man dann halt auch mit der Kosequenz leben muss, dass Geld dann halt an anderer Stelle fehlt – etwa in den Kindergärten.
Ihrem Gedanken, “dass Bildung jenseits von Effizienz- und Verteilungskriterien immer ein subventionwürdiges Gut ist – etwa analog zur staatlichen Finanzierung von Opern” kann ich mich anschließen. So haben auch forschungsorientierte Private Universitäten eine Refinanzierung durch Studiengebühren von max. 30 Prozent – das ist auch in den USA so. Der Rest – abgesehen von der Forschungsföderung – wird daher von einem weiteren Profiteur des Bildungssystems getragen: fördernde Unternehmen, die sich damit auch eine Rekrutierungsmöglichkeit erhoffen oder eine sich verpflichtende Stiftung wie im Falle von der Bucerius Zeit-Stiftung, der Hertie-Stiftung, die Jacobs Foundation oder eben auch der Zeppelin Stiftung. “For Profit-Fachhochschulen” hingegen – also auf die Kosten überrefinanzierende Studiengebühren-Modelle – werden in Deutschland immer eine Ausnahme bleiben – in der Akzeptanz wie auch in der Qualität. Auch wenn noch einige andere Hoffnungen im Markt zu bestehen scheinen.
Sehr geehrter Herr Jansen,
Sie schreiben ein kostenloser Hochschulzugang würde soziale Ungleichheit (re)produzieren; denn ohne Gebühren bezahlen die Armen das Studium der Vermögenden.
Diese These ist inzwischen schon ein wenig in die Jahre gekommen. Zahlreiche Untersuchungen zu dem Thema bringt der wissenschaftliche Dienst des dt. Bundestags auf einen Punkt: Die These, dass die Armen das Studium der Reichen zahlen, ist nicht haltbar.
Sie haben natürlich recht, dass diejenigen die studieren später ein höheres Einkommen erwarten können. Dieser Tatsache hat man in Deutschland mit einem tollen System Rechnung getragen. Man nennt es die Einkommenssteuer. Wer übermäßig viel verdient z.B. weil er studiert hat, der muss auch einen entsprechend größeren obolus zurückzahlen.
Sie führen ferner als Grund für Studiengebühren an, dass die soziale Selektivität von Bildungssystemen in Ländern mit Studiengebühren geringer sei.
Zugleich schreiben Sie einer der Hauptgründe für die Selektivität sei die Erhebung von Kindergartengebühren. Mir leuchtet nicht ein wie Kindergartengebühren soziale Selektivität erhöhen können und wie Studiengebühren Sie wieder reduzieren können.
Wir sollten stolz darauf sein, dass unsere Hochschulen keine Clubs sind. Durch die Öffnung der Hochschulen etwa für Meister und Berufsqualifizierte stellt der Gesetzgeber zurecht die Weichen für eine Hochschule in der Mitte der Gesellschaft.
Wenn Bildung in Deutschland der einzige Weg ist, um Zukunftschancen zu erarbeiten. Dann dürfen wir es uns nicht leisten, diesen Weg durch monetäre Zulassungsbeschränkungen zu versperren.
Der größte Grund für junge Menschen in Deutschland kein Studium aufzunehmen sind finanzielle Gründe.
Wenn junge Menschen ein Studium abbrechen, so sind finanzielle Probleme der zweithäufigst genannte Grund für einen Studienabbruch.
Jeder Mensch, der aufgrund seines finanziellen Backgrounds ein Studium gar nicht erst aufnimmt oder später wieder abbrechen muss, ist ein verlorener Mensch für unser Land
Würde Deutschland ähnlich viel Geld für Bildung ausgeben, wie andere OECD-Länder, hätten wir uns diese Debatte und die Proteste im Winter wahrscheinlich sparen können.
Diesem Trommelwirbel gegen Studiengebühren zum Trotz, gibt es natürlich auch Gründe, die für Studiengebühren sprechen. An vorderster Stelle die Anreizwirkung der Gebühren. Man sollte solche Gründe ehrlich ins Feld führen anstatt sich in halbseidenen Argumentationsketten zu verheddern.
Mit besten Grüßen
Malte Pennekamp
Bayerische Studierendenvertretungen
Liebe Komentatoren!Leider habe ich nur mittlere Reife ( Heute Realschulabschluss ) und einen Facharbeiterbrief ( mit dem ich mir Heute den Hintern……..)und bin trotzdem ein erfolgreicher Kleinunternehmer . Ich frage mich was dieser Disput soll. Befürchten sie die Konkurenz der Arbeiterklasse? Es gab mal eine Zeit da gingen Studenten auf die Strasse. Forderten Bildungschancen für alle und erreichten dies auch. Diejenigen die das Damals erstritten, davon profitierten haben später dafür gesorgt das Ganze poe a poe wieder abzuschaffen.Wenn ich sie so lese kommt mir der Gedanke das Bildung nicht in Falsche Hände fallen darf. Ist Bildung etwa schädlich? wenn ja, warum? für wen? Zeigen sie mir bitte die grossen geistigen Vorbilder in der Gegenwart denen es sich lohnt nachzueifern. Es gibt keine, weder in der Literatur, Wissenschaft, Gesellschaft oder Politik.Wie sollen sie entstehen ohne kostenlosen Zugang zur Bildung? Dieser Rückfall in ein von Gott gegebenes Adelsdenken, in dem der Adel ( die Oberklasse ) die zuzulassene Realität vetrittt ist einfach menschenverachtend, aber vor allem ist sie unökologisch. Es bringt und fördert keine Talente die wir dringend notwendig hätten.