Ein Rückschlag ist niemals eine schlechte Sache. Richard Branson

Doppelt ausgesondert

Antisemitismus und Kritik an Israel vermischen sich so sehr, dass man von Verdammung sprechen muss – nicht von sachlicher Auseinandersetzung.

Debatten sind wichtig. Eine Debatte über die jüngste Welle des Antisemitismus, die über Deutschland gerollt ist, ganz besonders.

Das Motto, unter das diese Debatte hier gestellt wurde, erscheint mir jedoch etwas irreführend. Dort heißt es: „Die Kritik an Israels Militäroffensive war in den vergangenen Wochen von mehreren antisemitischen Vorfällen begleitet.“ So stimmt diese Aussage nicht. Israel ging gegen die auf seine Vernichtung sinnende Terrororganisation Hamas als Reaktion auf den Raketenbeschuss des israelischen Staatsgebiets vor. Warum heißt es immer, wenn Israel sich verteidigt: „Offensive“? Und es waren natürlich weitaus mehr als nur „mehrere antisemitische Vorfälle“, die wir in Deutschland, aber auch in ganz Europa, erleben mussten. Zum Teil herrschte offene Pogromstimmung.

Weiter heißt es in der Problemstellung: „Viele Menschen hierzulande machen keinen Unterschied zwischen dem Land Israel und dem jüdischen Volk.“ Das hört sich an, als sollte dem Leser vermittelt werden, Israel und das jüdische Volk seien zwei separate Entitäten. Dieses Bild ist schief. Die sechs Millionen Juden, die in Israel Leben, sind Teil des jüdischen Volkes. Wer auf sie voller Vorurteile eindrischt, muss sich fragen lassen, ob er ein lupenreiner Anti –Antisemit ist. Ich weiß, dass diese Aussage manche ärgern wird. Ich kann aber meinen Standpunkt nicht vertreten, ohne meine Meinung zu sagen.

Israel hat sich nichts zu Schulden kommen lassen

„Ab wann“, lautet dann die zu diskutierende Frage, „ist Kritik an Israels Politik antisemitisch?“. Ich meine, dass antijüdische Vorurteile sich so sehr in die so genannte Kritik an Israels Politik mischen, dass es sich oft um eine Verdammung und nicht um Kritik handelt. Wer meint, „echter“ Antisemitismus beginne erst, wenn bekennende Judenhasser skandieren: „Juden ins Gas“ oder „Jude, Jude, feiges Schwein“, der macht es sich viel zu leicht.

Ich denke, es ist unbestritten, dass Israel von seinen Kritikern in doppelter Hinsicht ausgesondert wird. Erstens wird so ziemlich alles kritisiert, was Israel tut – die Ausübung seines Rechts auf Selbstverteidigung inklusive. Anderen Staaten widerfährt das nicht. Zweitens: Während Israel auch dann durchs Dorf getrieben wird, wenn es sich nichts hat zu Schulden kommen lassen, schweigen seine Feinde zu vielen echten Verbrechen in der Welt.

Andersherum gefragt: Wann sind all diejenigen, die sich in selbstgerechter Israel-Kritik gefallen, auf die Straße gegangen, um beispielsweise gegen den Völkermord in Syrien zu protestieren oder die menschenverachtende und menschenvernichtende Politik der nordkoreanischen Diktatur zu geißeln? Wären es diese Verbrechen – anders als im Fall Israels sind das nämlich wirklich Verbrechen – nicht wert, dass der aufgeklärte Bürger in Deutschland gegen sie protestiert und auf die Straße geht?

Sachliche Kritik an Israel ist kein Sakrileg

Warum aber wird Israel so unfair und so schonungslos unter den Nationen der Welt ausgesondert? Liegt es vielleicht daran, dass israelische Autofahrer im Straßenverkehr häufiger die Hupe als den Blinker benutzen? Oder, dass Israelis so gut wie nie Anzug und Krawatte tragen? Oder liegt es doch daran – ja, ja, ich weiß, der Verdacht ist schrecklich – dass Israelis (zumindest diejenigen, denen die Kritik gilt) eben Juden sind?

Sachliche Kritik an Israel und seiner Politik ist selbstverständlich legitim und kein Sakrileg. Allein schon diese Selbstverständlichkeit dauernd herausstellen und betonen zu müssen, zeigt den antisemitischen Charakter entsprechender Vorwürfe. Eine bösartige Aussonderung des Judenstaates fällt aber nicht in die Kategorie sachlicher Kritik, auch wenn sie sich gern das Mäntelchen der Gutmenschlichkeit umhängt.

Niemand soll sagen können, wir haben nichts gewusst

In unserer Zeit ist es ja oft so, dass antijüdische Vorurteile und antijüdische Hetze gern in der Uniform einer vermeintlichen Menschlichkeit daherkommen. Das haben wir vor zwei Jahren bei der in Deutschland mit wütender Vehemenz geführten Beschneidungsdebatte erlebt. Da wurde uns die allerübelste Kinderquälerei unterstellt, zum Teil an mittelalterliche Anschuldigungen anknüpfend. Von der schlichten Idee, dass die Beschneidung von Jungen ein existentieller Teil jüdischer Identität ist, welcher durch die grundgesetzlich verankerte Freiheit der Religionsausübung geschützt wird und dass ihr keine schädigende Wirkung nachgewiesen werden kann, davon ließen sich die empörten Besserwisser nicht beeindrucken.

Erfreulich ist, dass es in Deutschland auch viele Menschen gibt, die die Tarnung antijüdischer Ressentiments durchschauen und sie klar verurteilen. Ich kann mir nur wünschen, dass sich diese Erkenntnis immer mehr durchsetzt. Ich selbst werde weiterhin alles dafür tun, dass Israelhass, Antijudaismus und alle anderen Formen des Antisemitismus beim Namen genannt und bekämpft werden. Es soll niemand sagen können, das haben wir nicht gewusst.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Izza Leghtas, Moshe Zimmermann, Rolf Verleger.

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