Die Hybris des Journalismus hat ein pathologisches Ausmaß erreicht. Jörg Kachelmann

Gaza inmitten von Parolen und Tränen

Der Krieg in Gaza ist auch ein Kampf um Worte und Deutungshoheit. Ist die Hamas ausschließlich eine „Terrororganisation“, wie Israels Regierung sagt? Der Nahost-Konflikt stellt uns Journalisten vor ein großes Dilemma.

Die palästinensische Seite macht es uns relativ einfach mit ihrer bizarr wirkenden großmäuligen Rhetorik. Sie spricht von „Sieg“ und ist doch noch nicht einmal ein David gegenüber dem gewaltigen militärischen Goliath Israel. Die radikalen Palästinenser fügen den Israelis am Boden in der Tat höhere Verluste zu als in allen früheren Waffengängen. Aber Gaza wird nicht zum „Friedhof für israelische Soldaten“, wie Hamas großsprecherisch verkündet, es ist vielmehr zu einem Friedhof für dreißigmal so viele Palästinenser geworden.

Netanjahu, der Politprofi

Geradezu verstörend geschmacklos wirken auf uns Europäer die martialischen Siegesparaden vermummter Hamas- und Islamic-Jihad-Kämpfer mit ihrem Jubel über jeden getöteten Israeli. Da will man am liebsten gar nicht mehr hinschauen, geschweige denn sich die Mühe machen, nach dem Sinn solcher Veranstaltungen zu fragen und danach, was in diesen Leuten vorgeht. Es sind eben Terroristen.

Die israelische Seite kommt uns da eher entgegen. Nicht nur, weil Israel, das Land, die Menschen, die Kultur uns näher sind. Auch seine Public Relations ist moderner, klüger, einfach so, wie wir es gewohnt sind. Israels Premierminister Benjamin Netanyahu – in den USA aufgewachsen und Absolvent der bedeutendsten Elitehochschulen Amerikas – ist ein westlicher Polit-Profi. Er und sein Pressesprecher verstehen es blind, keinen grammatikalisch vollständigen Satz auszusprechen, in dem nicht mindestens einmal die Begriffe vorkommen: „Israels Recht auf Selbstverteidigung“, „Hamas-Terroristen“, „Sicherheit für Israel“ und „Hamas benutzt menschliche Schutzschilde“.

Argumente und Mitleid

Das Dilemma ist: Als Journalist hat man bei beidem Bauchschmerzen, aber der israelische Ministerpräsident klingt immerhin wie ein vernünftiger, zitierbarer Politiker. Doch unser eigentliches Dilemma ist ein noch viel größeres. Wir stehen, wenn es um sein Existenzrecht geht, hinter Israel, teilen aber nicht unbedingt die Politik und die Methoden des Staates Israel seinen palästinensischen „Nachbarn“ gegenüber.

Im gegenwärtigen Krieg in Gaza haben wir eine Formel gefunden, beiden Seiten irgendwie gerecht zu werden. Wir berichten bei der israelischen Seite über deren gute Gründe, bei den Palästinensern über deren Not und Elend. Als Reporter, als Journalisten bleiben wir damit ausgewogen: der einen Seite die Argumente, der anderen unser Mitleid.

Worthülsen kritisch hinterfragen

Ein klares Bild der Lage entsteht dabei nicht, eines, das beiden Seiten, Israelis und Palästinensern, gerecht würde und beide ernst nimmt, als Konfliktparteien, die eine dauerhafte Lösung suchen. Dem stehen schon die gängigen Denk- und Rechtfertigungsmuster samt der dazugehörigen propagandistischen Worthülsen im Weg.

Der Verantwortung, diese immer wieder kritisch zu hinterfragen, müssen wir uns als Journalisten stellen. Nehmen wir das Beispiel der israelischen Sprachregelung von den „Hamas-Terroristen“, der sich Politiker und Medien in aller Welt bedenkenlos anschließen.

Hamas nur eine „Bande von Terroristen“?

Nun wirkt Hamas in der Tat in vielem wie eine terroristische Vereinigung und verhält sich so. Aber sie darauf zu reduzieren, heißt, sie als möglichen Gesprächspartner auszuschließen beziehungsweise mit ihr aus der Position des Polizisten wie mit einem Kriminellen zu sprechen. Also de facto, nicht zu verhandeln, sondern lediglich Bedingungen zu stellen.

Hamas, das ist aber nicht nur der blanke Terrorismus, Hamas ist auch eine politisch-islamistische Bewegung, die 2006 demokratische Wahlen in Palästina gewann und im Augenblick durch ihren bewaffneten Widerstand gegen Israel unter den Palästinensern sogar wieder verloren gegangenes Ansehen zurückgewinnt. Das macht sie nicht besser, aber doch zu mehr als nur einer dahergelaufenen „Bande von Terroristen“.

Auch die PLO war einst ein Schreckgespenst

Auch die irische „IRA“ war für die britische Regierung und die USA zunächst eine Terrororganisation. Aber trotzdem auch ein Gesprächspartner, und in zähen Verhandlungen gelang es Amerikanern und Briten, einen dauerhaften Frieden mit der IRA zu schließen.

Die heute als gemäßigt geltende PLO im palästinensischen Westjordanland, die mit Israel in Sicherheitsfragen zusammenarbeitet, war früher ein terroristisches Schreckgespenst. Und sogar der ehemalige israelische Ministerpräsident Menachem Begin war einmal ein Terrorist, der Sprengstoffanschläge gegen britische Soldaten und arabische Zivilisten verübte, ja an der Entführung und Ermordung britischer Soldaten beteiligt war. Ein makabres Detail aus der langen Geschichte dieses Konflikts, bedenkt man die Angst der Israelis heute, radikale Palästinenser könnten einen ihrer Soldaten entführen.

Über den blutigen Schatten springen

Es ist nicht leicht, „mit Terroristen zu verhandeln“, wenn man das Ziel ihrer Raketen und Anschläge ist. Deshalb ist auch der Druck der Verbündeten – auf beide Seiten – so wichtig. In Israel sieht man in den Angriffen radikaler Palästinenser nur den Beweis ihres unversöhnlichen abgrundtiefen Hasses auf „die Juden“. Aber das ist nur ein Teil der Wahrheit. Die verbale oder gewalttätige Radikalität so vieler Palästinenser ist auch der Ausdruck einer furchtbaren, einer ohnmächtigen Wut über das Unrecht und die Demütigungen, die sie von israelischer Seite erfahren.

Israelis wie Palästinenser haben keine andere Wahl, sie müssen lernen, über diesen jahrzehntelangen blutigen Schatten zu springen und sich gegenseitig zu akzeptieren: Die Existenz des Staates Israel ebenso wie das Existenzrecht des palästinensischen Volkes in einem eigenen, unabhängigen Staat.

Der Beitrag ist Teil einer Kooperation mit heute.de.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: David Berger, Mareike Enghusen, Charlotte Knobloch.

Leserbriefe

comments powered by Disqus

Mehr zum Thema: Israel, Naher-osten, Palaestina

Debatte

Das Regime destabilisiert Russland

Medium_1e7328cf6e

Ein postimperiales Russland?

Nach dem unweigerlichen Zusammenbruch des so genannten „Putinsystems“ wird Russland nach einer Wiederaufnahme seines vorputinschen Kurses enger Beziehungen zum Westen streben. Dann wird sich eine n... weiterlesen

Medium_8ce1872178
von Andreas Umland
07.04.2018

Debatte

Amerika am Scheideweg im Nahen Osten

Medium_ea9fe52fab

Gefangen im Dilemma

Der Nahe Osten stellt sich einmal mehr als äußerst instabile Region heraus. Eine Befriedung der Lage aus eigener Kraft scheint ungewiss. Die US-Regierung gerät einmal mehr zur Weltpolizei. weiterlesen

Medium_50c3d456e2
von Andrew Denison
19.06.2015

Debatte

Konfessioneller Krieg in arabischen Ländern

Medium_6322b3e585

Arabischer Dreißigjähriger Krieg

Die arabische Welt steht vor einem „Dreißigjährigen Krieg“. So lautet zumindest die These des FAZ-Redakteurs Rainer Hermann in seiner neuen Publikation „Endstation Islamischer Staat?“. Aber wie zut... weiterlesen

Medium_3ee1457ce2
von Mevlüt Özev
07.05.2015
meistgelesen / meistkommentiert