Ich bin der erfolgreichste Mann, dem ich je begegnet bin. Hugh Hefner

Möhrchenstunde

Die Erzählung von einer Grünen Gesellschaft klingt nur gut. Verzicht und Askese schützen zwar die Umwelt – doch so ticken wir Menschen nun mal nicht.

Anhand einer Biomöhre lassen sich zwei Lebensformen grüner Politik veranschaulichen. In ihrer fundamentalistischen Verzichtsversion ist die Biomöhre klein, blass und mickrig. Sie erregt fast Mitleid und strahlt eine Art verschrumpelter Vernunftsaskese aus. Aber sie schwingt sich aus ihrer Dürftigkeit in eine moralische Überlegenheit. Sie ist die einzig wahre Möhre, denn sie übt Verzicht auf Glanz, Genuss und auf all das, was das Wachstum fördern könnte. Ihren Verzicht verlangt sie auch den Käufern oder Wählern dieser Möhre ab. Sie sollen sogar für die Biomöhre mehr bezahlen, denn sie investieren ja in eine gute Sache.

In ihrer üppigen Genussversion ist die Biomöhre noch kräftiger, saftiger und sinnlicher als die normale Möhre. Sie wirkt prall, fruchtig und in ihrer erektiven Grundspannung appetitlich und verführerisch. Sie ist stolz, dass es ihr durch den ökologischen Anbau gelungen ist, ihre inneren Kräfte zu entfalten. Auch sie ist teurer als die normale Möhre, bietet dafür aber auch den Mehrwert einer natürlichen Sinnenfreude.

Von Fischer und Fröschen

Das grüne Spektrum zwischen erhabener Vernunftsaskese und menschlicher Sinnenfreude‚ verkörpert auch der Werdegang von Joschka Fischer. Mal joggte er als dünne Möhre durch die politische Landschaft: verbissen, pedantisch und oberlehrerhaft. Dann rundete er sich wieder zu praller Lebensfreude – die grüne Möhre mutierte fast zum (Helmut) Kohl.

Die Biomöhre zeigt, dass der Erfolg des grünen Projektes darin begründet ist, die Ökologie, also die Wahrung der Natur mit der Wahrung der menschlichen Natur, in Einklang zu bringen. Genau das gelingt einer grünen Erfolgsmarke seit zwanzig Jahren – dem Haushaltsreiniger-Marktführer Frosch. Die Marke verbindet eine konsequent biologische Rezeptur mit einer entspannten­ und verbraucherschonenden Putz-Philosophie.

Frosch verlangt nicht wie der General den schweißtreibenden häuslichen Kleinkrieg gegen feindliche Schmutzpartikel. Mit Frosch muss man sich nicht in generalstabsmäßig geplanten privaten Bodenoffensiven seine Putzsporen verdienen. Frosch wirbt vielmehr vor allem durch das Wappentier – die grüne Kröte – für den häuslichen Schlendrian. Denn ihre Heimat ist der Tümpel, und eine gewisse Modrigkeit gehört doch zur natürlichen Umwelt dazu. Also beschwichtigt die Marke: Lass beim Putzen ruhig fünfe gerade sein, denn totale Hygiene ist unnatürlich. Du brauchst auch kein schlechtes Gewissen zu haben, denn Du hältst ja mit Frosch die Gewässer sauber, und das ist viel wichtiger als eine keimfreie Wohnung.

Diese entspannende, sinnliche und menschlich-allzumenschliche Attitüde begründet auch den Charme der grünen Pionierjahre. Einerseits der konsequente Fokus auf die Ökologie als ganzheitliches Regulierungsprinzip angesichts einer weltweit übersteuerten Wachstumsdynamik. Anderseits eine ästhetische Narrenfreiheit, die mit Turnschuhen, bunter Kleidung, Blumentöpfen und leidenschaftlichen Flügelkämpfen eine Befreiung von alten Moralvorstellungen und einem steifen politischen Protokoll initiierte.

Heute scheint sich der grüne Fokus verbreitert zu haben. Neben dem Schutz der Umwelt soll jetzt auch die Zivilisation in Form einer vorbildlichen Vernunft und Tugend konserviert werden. Doch dabei scheint das Menschlich-Allzumenschliche, das Sinnliche und Entspannende mehr und mehr zum bösen Prinzip zu werden, das es überall und jederzeit zu reglementieren gilt: das Rauchen, der Alkoholrausch, der Genuss süßen oder fetten Essens, das Flirten (vor allem an Hotelbars oder am Arbeitsplatz), das unbehelmte Radfahren oder der Geschwindigkeitsrausch auf der Autobahn.

Als Beispiel für die grüne Kontrollwut kann Renate Künast dienen: Zu Beginn ihrer Laufbahn setzte sie sich für die Legalisierung von Haschisch ein. Bei ihrer Kandidatur zur Berliner Oberbürgermeisterin plädierte sie dafür, Werbung für Schokoladenprodukte rund um Schulen zu verbieten. Das halte ich für bedenklich, denn ich weiß nicht, wie ich ohne Schokolade und die damit verbundenen süß-seligen Verschmelzungsmomente meine Schulzeit hätte meistern können.

Solche Reglementierungen spiegeln eine abstrakte Vernunftsdenke wider, die derzeit in unserer Gesellschaft Konjunktur hat. Es ist eine typisch deutsche Strategie, die verspürte Unruhe angesichts einer kafkaesken Krisenpermanenz durch Abstraktion und Kontrolle zu bannen.

Auch die Grünen sehnen sich nach einer vernünftigen und berechenbaren Welt, die mit der Präzision eines Uhrwerks funktioniert und uns die Gewissheit absoluter Gültigkeiten präsentiert. Sie versteigen sich in den utopischen Wunschtraum, eine perfekte Welt zu konstruieren, die absolut kontrollierbar und beherrschbar ist. Aber diese Sehnsucht entfremdet uns von unserer menschlichen Natur. Die Risiken des Lebens, die gefahrvolle Vagheit und Offenheit, die unbefriedigende Unvollkommenheit der menschlichen Natur sollen radikal beseitigt werden.

Der damit einhergehende Verlust von Sinn und Sinnlichkeit kann dann nur – wie bei der verschrumpelten Biomöhre – durch den Gestus einer moralischen Überlegenheit kompensiert werden. Eine ökologische Tugendrepublik wäre für mich jedoch ein Albtraum und das Ende grüner Faszinationskraft. Denn die besteht nicht in Heilslehren, in seelenloser Prinzipienreiterei oder Moralappellen, sondern in einem tiefen Verständnis für die Schwankungsbreiten, die Rhythmen und Freiräume, die unsere Natur braucht – auch die menschliche Natur.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Saskia Richter, Wolfram Weimer, Michael Lühmann.

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Dieser Beitrag ist in der Printausgabe 3/2013 des „The European“ enthalten.

Darin finden Sie u.a.: Endlich Arbeitslos – Wenn Roboter unsere Jobs übernehmen, geht die Arbeit erst so richtig los. Über Chancen und Risiken einer Welt ohne Mühsal debattieren u.a. dm-Gründer Götz Werner und Nobelpreisträger Robert Solow. Weitere Debatten: Die Ressource Big Data, die neuen Geschlechterrollen sowie die Aufarbeitung der deutschen Teilungsgeschichte. Dazu Gespräche mit Jean-Claude Juncker, Jürgen Trittin und Anne-Marie Slaughter.

Sie können es hier direkt bestellen.

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