In einer Diktatur haben sie nur zwei Möglichkeiten: Konformität oder Widerstand. Marco Schöller

Keine Offenbarung in der Röhre

Sind wir unfrei, weil sich Gott uns weder im Weltall noch im Computertomografen zeigt? Wenn Neurobiologen glauben, mit ihren Forschungen das Prinzip der Willensfreiheit widerlegen zu können, dann verwechseln sie die Speisekarte mit dem Essen.

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Wenn philosophisch ambitionierte Hirnforscher den freien Willen in Laboratorien experimentell widerlegen, dann haben solche Beweise den gleichen wissenschaftlichen Wert (und das gleiche Niveau) wie der angebliche Spruch von Juri Gagarin, er habe beim Blick aus dem Fenster seiner Raumkapsel keinen Gott gesehen. Die Kommunisten sammelten noch Beweise gegen Gott, der globale Kapitalismus finanziert systematisch über willfährige Wissenschaftsräte solche Forschungen, welche die Menschen als tierische und gewissenlose Maschinen darstellen. Die führenden Kulturwissenschaftler heute sind deshalb Ameisen- und Insektenforscher (E. O. Wilson).

Ein CT ist kein Ego-Tunnel

Der freie Wille ist ein sprachliches Phänomen. Wer über Drähte mit Gehirnen zu kommunizieren meint oder die Röhre eines CT für einen Ego-Tunnel hält, der verwechselt Laboratorien mit der Lebenswelt oder die Speisekarte mit dem Essen. Die Erklärung für den Erfolg solcher wissenschaftlich unhaltbaren Behauptungen liegt in der gegenwärtigen Akzeptanz, die Würde des Menschen in Forschung und Wissenschaft antasten zu dürfen, um den maßlosen Egoismus und die Korruption in Wirtschaft und Politik legitimieren zu können.

Freiheit und Würde sind nämlich politische Errungenschaften. Seit der Reformation und Aufklärung wurden mit dem Ideal der Freiheit nicht nur bestehende Verhältnisse kritisch reflektiert, sondern auch die Mündigkeit des Individuums erkämpft. Mündigkeit steht aber in einem engen Verhältnis zu Schuld und Verantwortung. Beides ist in den westlichen Gesellschaften zum Tabu geworden.

Schuld wird heute selbst von angesehenen konservativen Denkern (Schnädelbach, Flasch) für eine schlimme Erfindung von Theologen gehalten. Verantwortung wird von der Hirnforschung mittlerweile bestritten. Juristisch wäre dann nicht mehr der Mensch verantwortlich zu machen, sondern sein Gehirn. Das erinnert an die Tier- und Leichenprozesse des Mittelalters. Politisch wird Verantwortung zumeist durch Rücktritte übernommen. Reduktionismus und Rücktritte haben gemeinsam, dass sie rückwärtsgewandt sind. Wer Schuld und Verantwortung bezweifelt, denkt aber nicht nur primitiv, sondern ist es auch, wie Asfa-Wossen Asserate in seinem Buch "Manieren“ zeigen konnte.

Freiheit aus Pflicht

Der freie Wille kann nur dort wissenschaftlich festgestellt werden, wo das Handlungsfeld des Einzelnen zur Gesellschaft und zur Geschichte hin geöffnet wird. Die Freiheit entwickelt sich zunächst im Umfeld der Familie und des näheren sozialen Umfelds auf der Basis sprachlicher, also gesprochener Kommunikation zu Mitmenschen, Lebewesen und zur gesamten Natur. Dabei leistet die Sprache "Brückenbau“, wie Humboldt gesagt hat. Sie verbindet das einzelne, leiblich beschränkte und zeitlich begrenzte menschliche Wesen mit der Welt und der Geschichte. Sprachlich befreit es sich so von seinen biologischen Abhängigkeiten und geschichtlichen Verbindungen. Durch Entschuldigung, Verzeihung und Gelöbnis schafft es eine neue, eigene Welt. Der Wille wird aber erst dann frei, wenn er auf diesem Wege die Verbindlichkeiten zur Mitwelt und Umwelt für sich erkennt und umsetzt. Kant nannte das die Freiheit "aus Pflicht“.

Obwohl die besagten Hirnforscher schon lange nicht mehr verstehen, was Kant damit eigentlich meinte, können sie das jetzt widerlegen. Das ist Weltweisheit heute. Doch wird es ihnen so gehen wie den antiken Kollegen, die am Gelben Fluss darüber berieten, ob es ihn gibt oder nicht. Während ihrer Untersuchung trat der Gelbe Fluss über die Ufer (Brecht, Turandot).

Leserbriefe

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    Ingo-Wolf Kittel – 14.01.2011 - 12:33

    Meine Zustimmung zu der vorstehenden, in vielen Details wenig sorgfältigen Polemik ist mir nicht leicht gefallen; sie gilt eigentlich nur der generellen Tendenz des Diskussionsbeitrags und seiner sachlich zutreffenden Eingangsfeststellung: dass willens- oder fachlich ausgedrückt “volitionspsychologische” Feststellungen nicht neurophysiologisch “widerlegt” werden können, wenn Physiologen bei ihren Forschungen von ihnen nicht nur faktisch ausgehen, sondern methodisch auch ausgehen müssen! (Unter Wissenschaftlern gibt selbst ein Herr Roth dies ohne weiteres zu wie z.B. auf dem Kongress im Jahre 2005, von dem ich hier http://www.pabst-publishers.com/Psychologie/psyzeit/v_u_v/2005-2/art_01.htm berichtet habe.)

    Am bedauerlichsten finde ich im obigen Diskussionsbeitrag, dass die diskutierte “(Tat)Sache”, nämlich unsere “Willensfreiheit” (WF), hier genauso wenig sachkundig diskutiert wird wie schon von Herrn Roth in seinem Beitrag http://www.theeuropean.de/gerhardt-roth/4904-die-freiheit-des-willens, wie ich in meiner Leserzuschrift dort deutlich zu machen versucht habe. Hier wird WF bald auch noch “aus dem Auge verloren”, wenn schließlich nur noch von “Freiheit” allgemein und in anderen als volitions-, also willenspsychologischen Zusammenhängen die Rede ist. Einsichtig kann so niemandem werden, worum es überhaupt geht und wovon wir uns durch jene Prozedur, die “Willensbildung” genannt wird (oder auch bewusstes, absichtliches, überlegtes Entschließen, Entscheidungsprozess u.dgl.), wovon wir uns also durch “Bildung” unseres Willens “frei” machen.

    Dass wir nämlich und das in ganz erheblichem Ausmaß alle auch reflexhaft ‘re’-agieren (können), auf eine Weise, für die wir wegen ihrer Häufigkeit zahlreiche Bezeichnungen haben wie unwillkürlich, aus dem Bauch heraus, aus innerem Impuls, weil einem danach war, aus innerem Drang oder Bedürfnis, Zwang vielleicht auch, unüberlegt, spontan, intuitiv, aus Gewohnheit, aus Routine, “rein reflexhaft” und dgl., ist ja auch TAT-Sache.

    Leugnung von Willensfreiheit läuft nämlich zuallererst auf die Behauptung hinaus, wir seien alle ‘nur’ Reflexwesen – wie Säuglinge und Kleinkinder!

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    F. Scheffler – 14.01.2011 - 13:02

    Ich bin etwas verwirrt ob des Umstandes wie sie hier Äpfel mit Birnen zu vergleichen versuchen. Zumindest scheint ihr sehnlicher Wunsch am Festhalten philosophisch-politisch begründeter Willensfreiheit, seinerseits Unwilligkeit zur Berücksichtigung von möglichen Tatsachen hervorzurufen. Ob der freie Wille existiert oder doch nur eine Illusion ist, bleibt für mein Dafürhalten wenig ergründbar. Die Beweise dagegen halte ich für ebenso fragwürdig, wie jede Form der religiösen Legitimität göttlicher Instanzen. Denn letztlich bleibt es ohnehin eine Frage der Definition. Die Heranziehung des bösen atheistischen Kommunismus oder die leichtfertige Verunglimpfung von Personen als konservativ (bitte definieren Sie mir den Kontext des als zu erhaltenden Gegenstandes genauer) erscheinen mir nicht mehr satirisch, sondern überwiegend polemisch und inhaltlos. Der obige Beitrag gereicht daher weniger der offenen Debatte, denn dem Ausfechten von Grabenkämpfen.

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    xconroy – 14.01.2011 - 13:48

    mhm… angesichts der Tatsache, daß meine persönliche Meinung zum Kaugummithema “Willensfreiheit” relativ klar in Richtung Kompatibilismus tendiert und daher für mich eben nicht sonderlich kritisch/kontrovers/widersprüchlich/whatsoever ist, will ich mich dazu gar nicht weiter äußern.

    Was ich allerdings überhaupt nicht verstehe und nicht nachvollziehen kann, das ist die Betonung von “Schuld”. Dieses Konzept halte ich nämlich in der Tat für zumindest überflüssig, wenn nicht schädlich. Wozu soll “Schuld” gut sein, wenn das Konzept “Verantwortung” völlig ausreicht, bzw.: was kann “Schuld”, was “Verantwortung” nicht kann? Ich seh da nix, jedenfalls nix Positives. Eine Gesellschaft, die sich an zwanghaften Konstrukten von Fremd- und Selbstgeißelung entlanghangelt, verlernt dadurch in meinen Augen sogar verantwortungsvolles Denken und Handeln.

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    Ingo-Wolf Kittel – 14.01.2011 - 17:10

    Bei der Erörterung des Begriffes “Schuld” schütze ich mich vor ontologischen Verstiegenheiten durch Besinnung auf unseren alltäglichen und dort zumeist eher harmlosen Sprachgebrauch. Beispielsweise drücken wir mit der Wendung, “du bist schuld, dass sie so reagiert hat” oft nur etwas aus, zu was wir auch sagen können “wegen dir hat sie so reagiert”. In Fällen wie diesem will man also lediglich auf eine Anlass verweisen, einen bloßen Umstand, im Hinblick und unter Berücksichtigung auf den eine Person entweder (“bewusst”) gehandelt oder sonst wie reagiert hat – nämlich “reflexhaft”. (Im ersten Fall würde man diese Person nach den Gründen für ihre Handlung fragen; im zweiten Fall müsste man nach der Ursache, dem “Hintergrund” für ihr Reagieren suchen.)

    Mit Wendungen der Art wie “das ist deine Schuld” kann aber auch auf Folgen eines Handelns oder Reagierens hingewiesen werden. In solchen Fällen ist mehr als der “Anlass” gemein, nämlich alles darauf zeitlich Folgende. Im Speziellen kann sogar ein spezifisch “kausaler” Zusammenhang gemeint sein, nämlich dann, wenn man die Überzeugung zum Ausdruck bringen möchte, dass es das, was einem Tun “folgte”, ohne diese nicht gegeben hätte. In solch einem Fall würde man die in Frage stehende Tat mindestens als “notwendige Bedingung” für alles Folgende ansehen, wenn nicht sogar als eine “hinreichende”, eine Bedingung also, die zur Erklärung aller Folgen alleine ausreicht.

    Als Vorhaltung und besonders als Vorwurf gewinnen Aussagen dieser Art (du bist schuld, dass es so weit gekommen ist…) einen über einen bloßen Ver- oder Hinweis hinaus gehenden Akzent. Dann will man nämlich “eigentlich” sagen, dass die in Frage stehende Tat hätte unterlassen werden sollen – aus welchen Gründen auch immer.

    Es ist für mich offensichtlich, dass es in juristischen Zusammenhängen immer um Zusammenhänge der letzten Art geht. Unsere hierher gehörende Wendung, jemanden “zur Verantwortung ziehen” passt für mich dazu. Wollen wir doch gerade in Fällen, in denen etwas hätte unterlassen werden sollen, als erstes eine Antwort auf die naheliegende Frage, warum jemand es trotzdem gemacht hat.

  • Theeuropean-placeholder
    P. Feldmann – 14.01.2011 - 18:27

    Entgegen der reservierten Haltung und Gebärde der Vorkommentare, kann ich dem Verfasser des Artikels nur gratulieren. Es ist erfrischend zu diesem Thema eine Polemik zu lesen, die derart verfasst ist! Und ich sage dies nicht aus einer Laune heraus, sondern als jemand, der sich schon etliche Zeit mit der Frage des Problems der Neurowissenschaften /unserer Zeit mit dem freien Willen wissenschaftlich auseinandersetzt. Die Diskussionen sind allzu oft allzu zäh und manchmal auch recht geistlos. All das kann man Ihnen als Autor nicht vorwerfen- zudem Sie in der Tendenz Ihrer Aussagen auch noch Recht haben. Was kann man mehr wollen ( frage ich die Kommentatoren) !

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