Ich war der letzte Rock’n’Roller der deutschen Politik. Joschka Fischer

Alles egal auf der Costa Concordia

Man könnte fast meinen, die Bergung des Wracks der „Costa Concordia” sei absichtlich in die letzte Woche vor der Bundestagswahl gefallen. Denn Italien beschäftigt sich aktuell lieber mit anderen Dingen als der Politik.

Die italienische Version der Großen Koalition, Politiker von der Linken und von der Rechten verpflichtend, ist nach wie vor blockiert (aber wenigstens erhöhen sie nicht die Steuern). Der Wirtschaft geht es, wie üblich, immer schlechter. Es gibt keine Idee für eine mögliche Lösung der Krise.

Die Bundestagswahl hätte den Italienern da zwar eine nette Entschuldigung verschafft, ihre Unzufriedenheit mit denjenigen zum Ausdruck zu bringen, die von zu vielen als die „Schuldigen der Krise” betrachtet werden. Doch natürlich ist das Thema Costa Concordia verständlicherweise viel unterhaltsamer als eine Wahl, bei der die Gewinnerin schon so absehbar ist, dass sie sich nicht mal einen anständigen Wahlkampfslogan ausdenken muss. Es sei denn, man findet, dass „Deutschland ist stark” ein annehmbarer Slogan ist.

Aktives Desinteresse in Italien

Lassen Sie uns doch mal annehmen, dass die Costa weiter sicher auf dem Meeresboden weilen würde, zur Zufriedenheit der Hotelbesitzer auf der Insel Giglio (das italienische Juwel, vor dessen Kulisse Schettino sich entschied, das Schiff zu zerstören). Würden sich die Italiener dann mehr für Deutschland interessieren? Ich denke nicht. Es ist erstaunlich, wie das Land einfach alle Nachrichten über die Wahlen in Deutschland komplett ignoriert. Das ist sicherlich typisch für die Italiener – es existiert eine gewisse Geringschätzung für alles, was nördlich der Alpen oder hinter dem Meer passiert. Aber dieses Mal scheint es sich um einen Fall „aktiven Desinteresses” zu handeln.

Irgendwie ist das Ergebnis zu sicher, als dass es für die nötige Menge an Drama sorgen könnte, das vielleicht in der Lage wäre, das Interesse der Italiener auf sich zu ziehen. Es gibt ein Rennen zwischen Angela Merkel auf der einen Seite, die eine talentierte Politikerin ist, aber (zum Glück) nicht exakt der exzentrische Charakter, der die Italiener begeistern würde. Ihr Gegner auf der anderen Seite, Peer Steinbrück von der SPD, kam auf die grandiose Idee, die Italiener für ihre Stimmen für Silvio Berlusconi und Beppe Grillo als „dumm” zu bezeichnen. Von der FDP oder den Grünen ist kein Name in Italien bekannt.

Im Großen und Ganzen haben die Italiener erkannt, dass ein eventueller Sieg der SPD den Lauf der Dinge nicht verändern würde. Die Italiener haben verstanden, dass die deutsche Position in Europa mehr die Konsequenz der faktischen wirtschaftlichen Lage als eine tatsächlich absichtlich gefällte politische Entscheidung ist. Natürlich werden Sie irgendwo in den italienischen Medien immer einen Artikel finden können, der beschreibt, wie Angela Merkel eine bestimmte Agenda implementiere, um Europa zu beherrschen und seine Bürgerinnen und Bürger auszubeuten. Dennoch verändert auch die Wahrheit – Angela will Deutschland vor dem Euro-Kollaps schützen – nicht die Realität der Dinge. Die Italiener müssen leiden.

Sparpolitik als Fremdherrschaft

Doch nun tritt noch eine weitere mediterrane Charaktereigenschaft hervor: Geduld. Italiener, Spanier und Griechen sind keine Revolutionäre. Sie sind gut darin, gegen fremde Mächte zu rebellieren – seien es Österreicher, Napoleon oder die Türken –, aber nicht wirklich zur Revolten geneigt, um die eigene Gesellschaftsordnung zu ändern. Sie scheinen den Lauf der Dinge zu akzeptieren und sich ihm einfach anzupassen. Außerdem braucht es sogar im Fall einer Fremdherrschaft – als die manche Leute heutzutage die „Sparpolitik”-Situation empfinden – Jahre, bevor sie ihren Willen und probate Mittel finden, tatsächlich etwas zu tun. Währenddessen entwickelt sich außerhalb der „offiziellen” Machtordnung eine abgespaltene Gesellschaft.

Das passiert auch jetzt. Der italienische Gewerbeverein Confindustria vermeldet, dass die Gewerbeertragssteuer nun bei 68 Prozent liege. Natürlich kann niemand unter diesen Bedingungen ein Geschäft führen, also geht es jetzt wieder darum, die beste Lösung zu finden, um Steuern zu umgehen. Die Entwicklung einer abgesonderte Wirtschaft zeichnet sich ab. Aber letztendlich haben die deutschen Bundestagswahlen wenig damit zu tun. Lang lebe die Costa Concordia.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Romy Straßenburg, Simona Kustec Lipicer, Lukáš Novotný .

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