Ich war immer bereit zu kämpfen, aber ich habe die Grenzen meiner Kräfte erreicht. Karl-Theodor zu Guttenberg

Der Traum vom Schiefergas

Schiefergas boomt – die USA träumen gar von einer Energieunabhängigkeit bis 2030. Experten warnen vor den Gefahren einer Spekulationsblase, der derzeitige Run erinnert an den Ölpreis-Crash von 1986.

Trotz der von Solar- und Windkraftenthusiasten gehegten Hoffnungen ist die Energiewende bisher vor allem von fossilen Brennstoffen bestimmt worden. Schiefergas hat die Machtverhältnisse im Energiesektor verschoben und Wirtschaft und Geopolitik gleichermaßen beeinflusst. Anders als Erdgas kommt Schiefergas nicht in konzentrierten unterirdischen Reservoirs vor, sondern muss unter hohem hydraulischen Druck aus Gesteinsformationen herausgepresst werden. Der Fachbegriff dafür lautet „Fracking“. In den letzten zwanzig Jahren ist die notwendige Technologie so weit herangereift, dass die Schiefergasförderung in Nordamerika inzwischen massenhaft angelaufen ist.

Der Preisunterschied zwischen amerikanischen und europäischen Ölpreisen lässt sich teilweise durch die US-amerikanische Schiefergasproduktion erklären. Die amerikanische „WTI“-Rohölmischung ist pro Fass circa zwanzig Dollar günstiger als die „Brent“-Mischung der alten Welt.

Schiefergas ist das neue Mantra

Gas ist kein direkter Ersatz für Öl. Es braucht Zeit und Geld, um zwischen den beiden Energiequellen zu wechseln. Wenn Sie beispielsweise ein Auto besitzen, werden Sie wahrscheinlich versuchen, erst eine bestimmte Kilometeranzahl zu fahren, bevor Sie den alten Wagen durch ein neues (vielleicht sogar ein gasgetriebenes?) Modell ersetzen. Auch der Wechsel von Ölheizung zu Gasheizung vollzieht sich nicht von heute auf morgen.

Doch allein schon die Tatsache, dass die US-Ölvorkommen in 45 Jahren wahrscheinlich erschöpft sein werden, wirkt sich auf die Preise aus. Die amerikanische „Energy Information Administration“ glaubt, dass die USA bis 2021 zu einem Gas-Exporteur werden könnten. Seit fünf oder sechs Jahren ist vor allem Schiefergas das neue Mantra, unter dem in der Politik für „Energie-Unabhängigkeit“ gestritten wird. Nicht nur Republikaner machen sich das Thema zunutze: Bei seinem Amtsantritt erklärte Präsident Obama Energie-Unabhängigkeit zum Regierungsziel (der derzeitige Schiefergas-Boom geht allerdings zurück auf Entscheidungen, die lange vor Obamas Präsidentschaft getroffen wurden).

Der Traum vom Schiefergas – den Umweltaktivisten als ökologischen Albtraum beschreiben – hat die Aufmerksamkeit vieler Länder geweckt. In China gibt es wahrscheinlich große Vorkommen, dort allerdings wird die Verfügbarkeit des für das „Fracking“ notwendigen Wassers zum Problem. Schätzungen gehen allerdings davon aus, dass weltweit um die 700 Billionen Kubikmeter Schiefergas im Boden liegen – ein Großteil davon außerhalb Nordamerikas und mit neuen Technologien erreichbar.

Auch in Europa wird über Schiefergas gesprochen, sogar in der Region Bordeaux in Frankreich (eine Idee, die von den Franzosen mit einem Lächeln und einem leicht abfälligen Blick kommentiert wurde). Europa befindet sich im Zentrum der geopolitischen Debatten, die sich im Umfeld des Energiesektors entwickeln. Die Schiefergas-Revolution wird beispielsweise dazu beitragen, dass der Einfluss Russlands in Europa schwindet. Je mehr Schiefergas in Europa gefördert wird, desto weniger ist der Kontinent von Erdgasimporten aus Moskau abhängig. Schiefergas dürfte auch dazu beitragen, die transatlantischen Beziehungen wieder zu vertiefen: Manche Experten gehen davon aus, dass die USA schon ab 2015 anfangen könnten, Schiefergas nach Europa zu exportieren. Auch in Rumänien und Polen sind bedeutende Schiefergasvorkommen entdeckt worden – aufgrund der Nähe beider Länder zu Russland ist diese Erkenntnis ebenfalls von geopolitischer Brisanz. Die offene Frage ist weiterhin (darauf deutet die Reaktion in Frankreich bereits hin) ob die kontroverse „Fracking“-Technologie in den dicht besiedelten Ländern Europas auch politisch durchsetzbar ist.

Russland leidet bereits heute unter der stärkeren Präsenz von Schiefergas auf dem internationalen Energiemarkt. Russisches Erdgas wird weniger stark nachgefragt, und darunter leiden logischerweise auch die Preise. Erdgas wird in den USA derzeit zum Preis von etwa drei Dollar pro BTU (British Thermal Unit, eine Größeneinheit im Energiesektor) verkauft. Moskau war also gezwungen, seine bisherigen Forderungen nach zehn Dollar pro BTU herunterzuschrauben. Für die russischen Staatsfinanzen ist das ein Problem: Weil Gas- und Ölpreis durch verschiedene Verrechnungsschlüssel aneinander gekoppelt sind, hat eine Veränderung der Gaspreise Auswirkungen auf andere Energiequellen. Der Kreml hat errechnet, dass er dieses Jahr im Schnitt 117 Dollar pro Fass Rohöl erzielen muss, um keine neuen Schulden aufnehmen zu müssen. Doch aufgrund der Veränderungen im internationalen Energiemarkt liegt der Preis für die russische „Ural-Mischung“ derzeit lediglich bei 113 Dollar. Die Nachrichtenagentur Reuters berichtete vor Kurzem, dass der Preis für „Ural“-Öl bis 2015 über 100 Dollar liegen muss, um eine Neuverschuldung der Regierung in Moskau zu verhindern.

Währenddessen wird in den USA weiter geträumt: Bis 2030 soll das Ziel der Energieunabhängigkeit realisiert sein. Es ist eine verlockende Vision: Die USA könnten dann endlich darauf verzichten, dem Nahen Osten so viel Aufmerksamkeit zu schenken. In den 80er-Jahren war es US-Außenminister Alexander Haig, der Israel als „den größten unsinkbaren Flugzeugträger der USA“ bezeichnete. Seit Jahrzehnten investieren die USA, um Regime und Führer wie den Schah von Persien an der Macht zu halten (zumindest bis zu seiner Entmachtung 1979). Tausende von Meetings und Milliarden von Dollar sind in eine Region geflossen, die sich von Pakistan bis nach Marokko erstreckt. Dank dem Schiefergas lässt der außenpolitische Druck jetzt nach.

Doch es sollte deutlich sein, dass die Interessen der Amerikaner im Nahen Osten sich nicht auf Öl und Gas reduzieren lassen. Und selbst wenn es so wäre: Aus strategischer Sicht wäre es unklug, die Ölfelder der Saudis beispielsweise an China zu übergeben. Der Nahe Osten wird die USA also auch weiterhin beschäftigen.

Der derzeitige Run auf Schiefergas erinnert an den Ölpreis-Crash 1986. An seinem ersten Tag als US-Präsident strich Ronald Reagan 1981 mehrere Richtlinien, die sein Vorgänger Nixon der Ölindustrie auferlegt hatte. Neue Ölquellen durften plötzlich gefördert werden oder wurden wirtschaftlich profitabel: in Alaska, im Golf von Mexiko, in der Nordsee. Im Jahr 1983 wurde Öl zum ersten Mal auf dem Terminmarkt Nymex gehandelt und die OPEC musste einen Teil ihrer Macht an den freien Markt abtreten. Im Zuge der Wirtschaftskrise der späten 70er-Jahre war die Nachfrage nach Öl jedoch eingebrochen und der Ölpreis sank. Im Mai 1986 lag er bei unter zehn Dollar pro Fass.

Für Ölexporteure war diese Entwicklung verheerend. Zehn Jahre lang – oder zumindest bis zum ersten Golfkrieg 1991 – redete kaum jemand über zukunftsweisende Pläne der Saudis oder der Iraner. Die sinkenden Preise hatten auch eine destabilisierende Wirkung auf die Sowjetunion und waren ein weiterer Faktor im Kollaps des Warschauer Paktes 1991.

Manche Analysten argumentieren, dass sinkende Ölpreise Teil einer langfristigen amerikanischen Strategie zur Schwächung der sowjetischen Staatsfinanzen waren. Peter Schweizer vertritt diese These in seinem Buch „Victory: The Reagan Administration’s Secret Strategy That Hastened the Collapse of the Soviet Union“. Doch die Preise waren vor allem die Konsequenz der Öffnung der Ölindustrie für den freien Markt. Am Ende litt auch die US-Ölindustrie darunter. Vizepräsident George H. W. Bush wurde sogar nach Saudi-Arabien geschickt, um dort über eine Regulierung der Förderquote und eine Stabilisierung der Ölpreise zu verhandeln.

Westliche Politiker können sich heute nicht einfach ins Flugzeug nach Saudi-Arabien setzen

Es gibt noch eine andere Verbindung zwischen 1986 und 2012. Aufgrund der sinkenden Gaspreise verfehlen vom Energiesektor abhängige Firmen wie Schlumberger und Baker Hughes ihre Umsatzziele. Sogar Exxon schreibt aufgrund von Schiefergas rote Zahlen. Vor zwei Jahren hatte der Ölriese 25 Milliarden Dollar ausgegeben, um die Fracking-Firma XTO aufzukaufen. Heute scheint es unwahrscheinlich, dass sich der Kaufpreis zeitnah refinanzieren lässt. Exxons CEO Rex Tillerson warnt Investoren bereits davor, dass sie mit Schiefergas „ihr letztes Hemd“ verkaufen könnten. Manche zeigen mit dem Finger auf Firmen wie Goldman Sachs und warnen vor den Gefahren einer Spekulationsblase oder vor einem steigenden Angebot. Ein Ausweg steht heute nicht mehr zur Verfügung: Westliche Politiker können sich nicht einfach ins Flugzeug setzen, um in Saudi-Arabien über eine Preisanhebung zu verhandeln.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Stefano Casertano: Das Problem ist nicht Berlusconi

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