Die Einigung Europas gleicht dem Versuch, ein Omlett zu machen, ohne die Eier kaputt zu schlagen. Paul Lacroix

Der große Verführer

Silvio Berlusconi mag die Deutschen nicht. Manche Teutonen hören trotzdem auf die Euro-Kritik des italienischen Witzboldes.

Silvio Berlusconi, der grelle ehemalige italienische Ministerpräsident, ist nicht für seine Liebe zu Deutschland bekannt. Deutlich gemacht hat er das beispielsweise wieder einmal während eines öffentlichen Auftritts in Rom. Berlusconi war eingeladen, um das Buch „Der große Betrug“ von Renato Brunetta zur Eurozone vorzustellen, und verkündete: „Deutschland ist eine Hegemonialmacht und kein Land, das sich solidarisch zeigt.“ Die Liste von Berlusconis Seitenhieben auf Deutschland ist lang: Während seiner Zeit als Ministerpräsident hat er auf deutsche Forderungen nach einer stärkeren Konsolidierungspolitik oftmals mit der Aussage reagiert, dass man in Berlin einfach nicht verstehe, wie Italien funktioniere.

Berlusconi trifft den Nerv vieler Deutscher

Es überrascht nicht, dass Deutschland die Komplimente erwidert: Nicht nur an Italien verzweifele man, sondern vor allem an den Italienern. Berlusconi ist in Berlin und Frankfurt niemals besonders beliebt gewesen. Sein Politikstil hat immer wieder für Stirnrunzeln gesorgt, und die Deutschen haben nie ganz verstanden, warum so viele Italiener für einen Mann stimmen, der meistens mit privaten Sex-Partys für Aufsehen gesorgt hat.

Doch die Haltung der Deutschen verändert sich. Während der Buchpräsentation hat Berlusconi argumentiert, dass ein deutscher Austritt aus der Eurozone keine Tragödie wäre – nein, es wäre sogar wünschenswert, künftig nicht mehr Rücksicht auf die Deutschen nehmen zu müssen!

Berlusconis Analyse trifft den Nerv vieler Deutscher, die selbst davon träumen, die Währungsunion hinter sich zu lassen. Als die „FAZ“ über Berlusconis Aussage berichtete, waren viele Leserkommentare positiv (obwohl der durchschnittliche „FAZ“-Leser eigentlich nicht viel übrig hat für Berlusconis Chaos-Rhetorik). „Forza Silvio!“, schrieb ein Leser. „Hoffentlich hört Angela Merkel zu.“ „Ich würde ihn sofort wählen.“ „Unsere Hoffnung heißt Bunga Bunga.“

Das überrascht nicht. Eine kürzlich veröffentlichte Studie der Bertelsmann-Stiftung kam zu dem Ergebnis, dass eine Mehrzahl der Deutschen dem Euro negativ gegenüber steht. 65 Prozent glauben demnach, dass es ihnen ohne den Euro „besser“ oder „viel besser“ ginge. 49 Prozent glauben, dass die EU insgesamt ein Nachteil für Deutschland sei.

Die Gefahr ist die gleiche, auf die viele Italiener bereits hereingefallen sind: Was als Comedy beginnt, wird irgendwann zum politischen Sumpf. Berlusconi hat erkannt, dass eine erneute Amtszeit als Premier sehr unwahrscheinlich ist – sogar in Italien, das durchaus Erfahrung mit politischen Überraschungen hat – und versucht derzeit, zumindest seine Präsenz im Parlament abzusichern. Besser so als gar keine Politik, denkt er. Um damit erfolgreich zu sein, muss Berlusconi allerdings auf die Italiener zurückgreifen, die immer noch auf Populismus und nicht auf Fakten setzen.

Es bestehen kaum Zweifel, dass ein Auseinanderbrechen des Euro eine Tragödie für Deutschland und Italien wäre. Anstatt sich langsam auf dem schmalen Pfad der Erholung entlang zu tasten, würde Europa kopfüber in die wirtschaftliche Apokalypse stürzen. Diejenigen, die jetzt auf wirtschaftlichen Nationalismus setzen, ergötzen sich an der Nostalgie der 80er-Jahre: Eine Zeit, in der Europa sich noch nicht gegen die aufstrebenden Wirtschaften Asiens durchsetzen musste.

Deutschland sollte nicht vergessen, dass es bis heute kein Geld an Italien gezahlt hat. Italien hat sogar Geld beigesteuert, um Griechenland zu retten. Die Quittung für lange Jahre des fiskalischen Fehlmanagements ist von den Italienern selbst bezahlt worden. Mit einem bewundernswerten Sinn für Verantwortung und Geduld – einem Auswuchs der christlichen Opfer-Tradition? – hat das Volk akzeptiert, dass beispielsweise Steuern immer weiter gestiegen sind (die Gesamtsteuerlast liegt bei knapp unter 50 Prozent des BIP).

Das bedeutet nicht, dass Italien heute verantwortungsvoll wirtschaftet. Korruption und exzessive öffentliche Ausgaben sorgen fast täglich für Schlagzeilen. Doch Italiener arbeiten hart (laut den jüngsten OECD-Zahlen sogar härter als die Deutschen) und können sich auf eine industrielle Infrastruktur verlassen, die Spanien, Portugal, Irland und Griechenland überlegen ist. Italien ist der Primus unter den wirtschaftlich angeschlagenen Ländern Europas. Wenn Italien fällt, fällt bald auch Europa: Das Land ist die Grenze, an der sich das wirtschaftliche Wohl Europas entscheidet. Gerade deswegen ist es wichtig, dass die Wirtschaft reformiert und zukunftsfähig gemacht wird.

Deutschland, hüte dich vor seinem Lächeln!

Nicht nur ist es im Sinn aller Europäer, dass Deutschland in der Eurozone bleibt. Es ist für Europa auch von Vorteil, wenn Deutschland und Italien ihre Zusammenarbeit vertiefen. Das bedeutet nicht, dass permanente Geldtransfers – von Süddeutschland und Norditalien nach Süditalien – notwendig werden. Wichtig ist aber, europaweit eine einheitliche Industriepolitik zu betreiben. Die USA liefern dazu ein Beispiel: Als der Regierung in Washington bewusst wurde, dass bestimmte Bundesstaaten einer besonderen Förderung bedürfen, konnte beispielsweise durch Maßnahmen, die gezielt die Wirtschaft in einem Teil des Landes ankurbeln, regulierend eingegriffen werden. Milton Friedman und Ayn Rand drehen sich dabei zwar im Grabe um, doch dieser Ansatz könnte auch in Europa dabei helfen, Industriezentren vor dem Herzstillstand zu retten und wieder aufzupäppeln, anstatt sie für immer aufzugeben.

In einem Meinungsbeitrag aus dem Frühjahr 2012 argumentiert George Soros, dass Deutschland „führen oder aussteigen“ müsse. Eine Führungsrolle bedeutet auch, sich eng mit Italien zu verbünden. Da wiegt es besonders schwer, dass viele Menschen Italien immer noch mit der Witzfigur Berlusconi verbinden. Deutschland, hüte dich vor seinem Lächeln!

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