Zu viele Länder folgen immer noch der alten Logik des Kalten Kriegs. Kumi Naidoo

Künstlich beatmet

Griechenland steht kurz vor der Staatspleite – oder hat die Linie vielleicht schon überschritten. Doch aus zwei Gründen wird das niemand eingestehen.

Nach dem Beschluss der ersten Überweisung von 110 Milliarden Euro im Mai 2010 durfte Griechenland sich kürzlich über 130 weitere Milliarden an Hilfszusagen freuen, abgesegnet vom deutschen Bundestag. Die missliche Lage des Landes ist sowohl durch Stolz als auch durch Vorurteile zu erklären. Auf der einen Seite haben die Griechen vor ihrem Beitritt zur Euro-Zone die eigene wirtschaftliche Situation schöngefälscht, auf der anderen Seite haben die anderen Euro-Länder und die Rating-Agenturen auf die wirtschaftliche Stabilität Griechenlands gesetzt, ohne das Risiko wirklich zu überprüfen. Die Konsequenz ist, dass jeder Grieche jetzt knapp 49.000 Euro Schulden aus dem europäischen Rettungsfonds mittragen muss. Mit den bereits existierenden Staatsschulden zusammengerechnet ergibt das eine immens hohe Summe.

Staatspleite als populäre Option

Bei allem Respekt für die Wirtschaftskraft griechischer Arbeiter: Es besteht kaum eine Chance, dass das Land die Hilfszahlungen jemals komplett zurückzahlen können wird. Selbst viele Griechen waren daher nicht besonders begeistert über das Geschenk aus Berlin und Brüssel – denn in den Straßen von Athen ist eine Staatspleite durchaus eine populäre Option. Eine Rückkehr zur Drachme würde das Land zwar nicht vor harten Sparmaßnahmen retten, doch immerhin könnte die eigene Währung abgewertet werden, um die wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit wiederherzustellen. Und bereits im April könnten die Griechen wieder wählen gehen und damit die Kritiker ruhigstellen, die eine Aussetzung demokratischer Prozesse beklagen (eine überraschende Anschuldigung – immerhin wurde Griechenland noch bis 1974 von einem undemokratischen Regime regiert).

Sogar die Deutschen würden die Drachme wieder lieben lernen: Sie könnten für wenig Geld nach Griechenland in den Urlaub fahren. Ein Mojito auf Rhodos würde vielleicht einen Euro kosten – endlich wieder. Auch Klassenfahrten oder Junggesellenabschiede auf Mykonos wären wieder bezahlbar. Doch abseits dieser Verlockungen sieht sich die deutsche Elite mit einem anderen Problem konfrontiert: Eine griechische Staatspleite hätte enorme politische Kosten.

Das erste Problem ist zwar nur semantisch, aber trotzdem wichtig: Trotz der verheerenden finanziellen Situation will niemand das Wort „Staatspleite“ in den Mund nehmen. Griechenland erhält Geld, das es nicht zurückzahlen können wird; 75 Prozent der Gelder von privaten Gläubigern sind bereits abgeschrieben. Laut Lehrbuch ist das in etwa die Definition einer Staatspleite. Doch die direkteste Kritik kam von der Rating-Agentur Standard & Poor‘s, die Griechenland als eine „partielle Pleite“ eingestuft hat. Wenn wir zugeben würden, dass Griechenland wirklich pleite ist, wäre die Situation mit den letzten Tagen der US-Investmentbank Lehman Brothers vergleichbar. Italiener würden die Banken überrennen und ihr Geld abheben oder in die Schweiz transferieren. Gemeinsam mit den Spaniern würden sie in Immobilien in Berlin investieren und damit die Deutschen zur Weißglut treiben. In anderen Worten: Die Auswirkungen einer „Staatspleite“ für die europäische Wirtschaft wären immens.

Künstliche Beatmung

Zweitens sind die Wahlen in Deutschland ein durchaus delikates Thema. Kanzlerin Merkel versucht ihr Bestes, um Griechenland zumindest bis Oktober 2013 künstlich zu beatmen – dann wird in Deutschland gewählt. Ob diese Aufgabe gelingen kann, steht in den Sternen. Für die Zukunft Griechenlands sollten wir hoffen, dass Merkel es schafft. Doch wenn das Risiko einer Staatspleite mit dem Fall Lehman Brothers vergleichbar ist, dann ist auch das Risiko einer andauernden Rettungsaktion entsprechend hoch. Der Rettungsschirm führt dazu, dass mehr Geld in den Umlauf gebracht werden muss. Das ist genau das, was aktuell in der Euro-Zone passiert.

Diesen Fall haben wir schon einmal erlebt. Nachdem die Internetblase platzte, setzte der damalige Chef der US-Notenbank, Alan Greenspan, eine Politik durch, bei der durch niedrige Leitzinsen mehr Geld in die Wirtschaft gepumpt wurde. Auf die Hypothekenkrise und die Bankenkrise hat die US-Regierung ähnlich reagiert. Und jetzt bedienen wir uns der gleichen Werkzeuge, um die Schuldenkrise zu bekämpfen. Die Gefahr dabei ist, dass wir eine neue Blase generieren: die Rettungsblase. Es bleibt zu hoffen, dass am Ende alles gut ausgeht. Greenspans Nachfolger Ben Bernanke ist ein anerkannter Experte zur Wirtschaftspolitik der „Great Depression“. Er glaubt, dass Inflation immer noch besser ist als wirtschaftlicher Stillstand. Ob er recht hat? Auf jeden Fall steht uns eine wilde Fahrt bevor.

Lesen Sie auch die letzte Kolumne von Stefano Casertano: Das Problem ist nicht Berlusconi

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