Soziale Isolation und Ungleichheit sind völlig außer Kontrolle geraten. Kumi Naidoo

Eine Kopie ist nie so gut wie das Original

Kann Berlin ein neues Silicon Valley werden? Nicht auf absehbare Zeit, denn es fehlt dafür etwas Essenzielles.

Ich denke dabei weniger an die Unsummen, mit denen das Pentagon zur Zeit des Kalten Krieges die Grundlagen- und Auftragsforschung an den kalifornischen Universitäten gepäppelt hat. Der Flecken heißt deswegen heute ja auch nicht Social Media Valley, sondern ist nach einer wichtigen Zutat für Waffensysteme aller Art benannt.

Es geht auch nicht um die sehr deutsche Klon-Debatte (oder den daraus vermeidlich resultierenden Mangel an Kreativität), die den meisten US-Entrepreneuren und -Investoren in ihrer hochstilisierten Grundsätzlichkeit so oder so unverständlich ist. Jedes Start-up ist mehr oder weniger ein Remix von Technologien und/oder Geschäftsmodellen – bei Automobilen stört sich auch niemand daran, dass diese in der Regel vier Räder haben.

Deutschland steht sich selbst im Weg

Es fehlt etwas anderes und genau genommen steht sich die deutsche Mentalität in diesem Fall wieder einmal selbst im Weg. Ein ukrainischer Einwanderer, mittlerweile ein US-Bürger, hat das Problem, welches Berlins Potenzial so limitiert, einmal wie folgt umschrieben:

The very first company I started failed with a great bang. The second one failed a little bit less, but still failed. The third one, you know, proper failed, but it was kind of okay. I recovered quickly. Number four almost didn’t fail. It still didn’t really feel great, but it did okay. Number five was PayPal.

Bei dem Herrn handelt es sich um Max Levchin, den ehemaligen CTO von PayPal. und seine Worte stammen von der FailCon 2009 – einer undeutschen Konferenz, die sich nur um das Scheitern dreht.

Womit wir das Fehlende identifiziert haben: Während sich in unserem Land Selbsthilfegruppe wie die Anonymen Insolvenzler formieren, bezieht das Silicon Valley aus diesem Phänomen seine Stärke, wie es Steve Blank formuliert:

The biggest thing that makes this area technology cluster is, you know what we call a failed entrepreneur in Silicon Valley? Experienced. Nowhere else in the world do we say that. Anywhere else in the world if you failed you embarrassed your family, your community, your state. Not here. Failure is accepted as experience. And that changes this culture. Screwed it up? Great, as long as you don’t blame it on someone else and you say: listen, let me tell you what I learnt. I’ll never do that again. You can play this game forever here. Step outside the Bay Area and try that anywhere else in the United States – let alone anywhere in the world – and you’ll never get another job.

Ein Kapitän geht nicht mehr unter

Für Berlin bedeutet dies zweierlei: (1) Der Versuch, das Valley kopieren zu wollen, ist zum Scheitern verurteilt – die Verdichtung von Menschen, Ideen und (etwas) Kapital an einem Ort ist für die Clusterbildung notwendig, aber nicht hinreichend. Hierzu bedarf es (2) noch einer Änderung unseres kulturellen Selbstverständnisses über die sprachliche Trennung von Schuld („debt“) und Schuld („guilt“) hinaus: Im 21. Jahrhundert geht der Kapitän mit seinem havarierten Schiff nicht mehr unter und gehört ebenfalls nicht mehr in einen (virtuellen) Schuldturm.

Wir sollten m.E. ganz pragmatisch damit anfangen, die Insolvenzordnung wettbewerbsfähig zu machen, damit „erfahrene“ Entrepreneure im Blank’schen Sinne nicht nach UK oder ins Elsass ausweichen müssen. Dann klappt das vielleicht einmal mit dem Start-up-Hub in Berlin.

Leserbriefe

  • Theeuropean-placeholder
    Carsten Kestermann – 25.10.2011 - 16:26

    Lieber Stefan Wolpers,

    ich stimme in vielen Punkte mit dem Text überein…nur nicht in einem: Der Grund warum Berlin nicht Sillicon Valley wird (warum ist der Gedanke eigentlich so abwegig)! Es mangelt uns (nicht nur Berlin) ganz klar an drei Faktoren: Cash, Cash, Cash.

    Gegründet wird genug (zumindest im IT-Sektor sagen alle Zahlen), gescheitert auch (manche stehen auch wieder auf…glücklicherweise…sicher wären mehr wünschenswert – also mehr die aufstehen – aber man kann nicht alles haben)…doch woran es eindeutig fehlt ist Cash…nicht die 50k zur Gründung und für’s erste Jahr, die finden sich, notfalls bei der KfW, der IBB oder dem BMWi, aber die 30, 50, 100 Millionen die man braucht um zu skalieren. Denn eines ist klar: Sillicon Valley hätte nicht den Ruf, wenn dort nicht eine Reihe von globalen Leuchttürmen entstanden wären und die entstehen leider nur durch eine ausreichende Finanzierung in den Jahren 2-5. Nehmen wir als bestes Beispiel Facebook, die hatten nach 2 Jahren 40 Mio US Dollar eingeworben…ohne echtes Business Model in einem Markt mit damals noch starken Konkurrenten (MySpace), nach 3 Jahren 280 Mio Dollar…in Deutschland/Berlin ist so etwas völlig undenkbar, unabhängig wie gut Deine Idee ist und Dein Geschäftsmodell ist. Erst wenn solche Dinge in Berlin “denkbar” sind, werden wir unser vorhandenes Potential entfalten können und Berlin/Deutschland zum Hub machen…relativ automatisch.

    Wie es gehen kann zeigt übrigens Israel, die sich innerhalb von 2 Jahrzehnten von der Kibuz-Nation zur Start-up Nation entwickelt haben…(ein Buch von Dan Senor und Saul Singer dass ich übrigens uneingeschränkt jedem empfehlen kann der sich mit dem Thema beschäftigt). Die Mentalität kommt dann automatisch…diese einzufordern halte ich für unmöglich…zumindest aber für eine Wirkung vorausgehender Ursachen.

    Beste Grüße
    Carsten Kestermann

  • Theeuropean-placeholder
    Thomas Ruland – 03.11.2011 - 10:52

    Guter Artikel Stefan, auch wenn ich nicht 100% zustimmen kann! Zumindest innerhalb des Gründernetzwerks wird ein Fehlschlag als Lehrerfahrung angesehen und nicht als Versagen. Bei Banken und staatlichen Stellen denke ich dass es schwieriger wird. Aber recht hast du insofern, dass man in DE zu große Angst hat Fehler zu machen.

    @Carsten, das Problem liegt nicht bei den großen zweistelligen Mio Beträgen sondern früher bei Series A Finanzierungen. Siehe Wooga, die es auch schaffen ne Runde mit Geldgebern aus den USA zu closen.

  • Theeuropean-placeholder
    Stefan Gärtner – 03.11.2011 - 13:40

    Hallo Stefan, hallo Carsten,

    zwei gute Beiträge habt ihr hier gepostet, denen ich nur beipflichten kann. Nicht nur die Failure oder besser Experienced Mentalität fehlt in Deutschland und riskiert damit ein Brain Drain von guten und ambitionierten Gründern, sondern auch das Cash (hiermit meine ich wirkliches Wagniskapital) in der 2ten und 3ten Runde. Beides lässt den Start-up Standort Berlin (Deutschland) noch mit angezogener Handbremse dastehen. Glücklicherweise ist zu beobachten, dass nun auch Valley und Londoner Investoren mehr und mehr die Attraktivität des Berliner Start-up Standorts erkennen und anerkennen.

    Ich möchte dieser Diskussion einen weiteren Punkt beifügen, den wir nicht unter den Tisch fallen lassen sollten. Es geht mir hier um das Expert Hiring in Start-ups. Sicherlich sollte ein Gründerteam die tausendfach diskutierten Skills in den verschiedenen Bereichen mitbringen. Keine Frage. Aber was ist mit Mitarbeiter 4, 5, 6 oder 10? Da wollen dann selbst die kleinen Start-ups schon die SEM Spezialisten und SEO Hacker mit 3-5 Jahren Erfahrung in anderen Online Unternehmen. Am besten natürlich für Praktikantengehälter ;) Tatsache ist, dass wir in Deutschland diese Leute gar nicht haben. Zumindest nicht um die Fülle der tollen Gründer-Ideen zu bedienen. Dafür ist die Start-up und auch Online Szene noch zu jung. Was wir in Deutschland aber zu bieten haben sind top ausgebildete Leute die motiviert, flexibel und mobil sind sich bis zu 24/7 für eine Idee einzusetzen, selbst wenn sie nicht zu den Gründern gehören. Sie sind nicht mehr gewillt im Hamsterrad der Großkonzerne, Banken und Beratungen mitzulaufen. Es ist daher schade zu beobachten, dass sich Start-ups schon wie Großkonzerne verhalten und lieber die fertig gebackenen Experten (von denen es ja nicht so viele gibt) suchen, anstatt Top Leute zum Gespräch einzuladen die mit geringem Training einen wahrscheinlich höheren Mehrwert bringen. Weil sie gut sind! Ich habe noch nie gehört, dass ein Top Performer in den ein Unternehmen investiert hat, dies nicht bei Weitem zurückgegeben hat. Diese Zeugnis Mentalität wie wir sie in Deutschland haben, gab es kulturell im Valley oder London nie. Dort werden die Besten eingestellt und nicht die mit den längsten Praktika bei Online Unternehmen.

    Viele Grüße
    Stefan Gärtner

  • Theeuropean-placeholder
    Stefan Wolpers – 03.11.2011 - 15:17

    Sorry – die Kommentare sind an mir vorbei gegangen; ich werde nachher antworten…

  • Theeuropean-placeholder
    Carsten Kestermann – 04.11.2011 - 09:17

    Hallo Thomas, hallo Stefan, hallo Stefan,

    erst mal Danke für die Diskussion. Mehr als erfrischend.

    @Stefan G.: Stimme Dir 100% zu in Deiner Einschätzung. Anstelle des einen auf der Welt verfügbaren Experten, müssen wir uns trauen auch die Lösungen 1b-z zu probieren, im Wissen dass daraus vielleicht “on the job” in kürzester Zeit eine 1a mit * wird. Im Valley (neee eigentlich fast überall auf der Welt) ist man sich dieser Spill-over Effekte bewusst. In Deutschland nicht. Wenn man kein Marketing studiert hat kann man kein Marketing machen, programmieren geht ohne Informatik nicht und Soll und Haben kannst Du nur auseinanderhalten, wenn BWL vorher im Ausbildungsspiel war. Das ist in der Tat ein Problem. Die Stellenbeschreibung 23, Doktortitel in BWL und Informatik, 5 Sprachen fließend, ledig und bereit für ein Taschengeld 80 Stunden die Woche zu schaffen ist leider immer noch sehr verbreitet…auch bei Start-ups. In meinen Augen ist dass in Deutschland auch der Grund für den sogenannten “Fachkräftemangel”. Denn wenn mein Scope so klein ist (oder auch ein bisschen größer), dann kriege ich natürlich niemanden.

    @Thomas: In meinen Augen haben alle großen (und mit groß mein ich die Erfolgsstories, die den Mythos des Valley begründet haben und die auch Frau Müller vom Kiosk um die Ecke kennt) schon frühzeitig (in der wichtigen ersten Wachstumsphase) gigantische Summen an Kapital zur Verfügung gehabt. Das mag jetzt Zufall sein, aber daran glaube ich nicht. Ich denke eher, dass dies eine notwendige (allerdings keine hinreichende) Voraussetzung für solche Erfolgsstories ist – und solche Erfolgsstories (also in entsprechenden milliardenschweren Größenordnungen) sind absolut notwendig für einen “Hub”. Wenn Du aus 1000 IT-Gründungen, von denen 600 wieder pleite gehen, 200 vor sich hin krebsen, aber 200 wirklich respektable Größen erreichen, nicht mindestens ein Unternehmen entsteht, dass 10.000+ Beschäftigte und eine Image hat, dann wirst du über kurz oder lang aus makroökonomischer Sicht (und schon längst im speziellen IT-Marktumfeld, dass klassischerweise nach dem winner-takes it all Prinzip funktioniert) einen solchen “Hub” a la Valley nicht entwickeln. Das bedeutet jetzt nicht, dass überschaubare Series-A Finanzierungen in Berlin/Deutschland ein zuckerschlecken wären, aber möglich ist es (mehr wäre immer gut, klar). Von einem IT-Start-up, dass im zweiten Gründungsjahr einen zweistelligen Millionenbetrag (ohne Kunden und sichtbares Geschäftsmodell o.ä,) einwerben kann, habe ich in Deutschland in den letzten Jahren zumindest, nichts gehört. Im Valley ist ein solcher Vorgang dagegen jetzt nicht so spektakulär.

    Nur zum Schluss noch eine Zahl, die mich nachhaltig geschockt hat: In den USA wurden alleine in den letzten 5 Jahren 15 Mrd. Euro mehr in IT-Start-up’s investiert wie in ganz Europa. Da die Amis nicht ganz doof sind, ist diese pure Masse an mehr Ressourcen natürlich ein enormer Katalysator und Vorteil gegenüber dem alten Kontinent. Da müssen wir auch hinkommen, sonst kommen wir nie zu einem Hub/Cluster etc.

    Beste Grüße
    Carsten Kestermann

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