Der Euro wird kommen, aber er wird keinen Bestand haben. Alan Greenspan

„Der islamische Fundamentalismus ist ein großes Fortbildungsprojekt“

Die Türkei tendiert zunehmend zu Partnern im arabischen und iranischen Lager. Autor und Übersetzer Stefan Weidner erklärt, was der Westen noch alles über den islamischen Way of Life lernen muss. Das Interview führte Alexander Görlach.

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The European: Kann die Türkei eine Brückenfunktion zwischen dem Westen und der islamischen Welt einnehmen?
Weidner: Das Osmanische Reich hat das ganze historische Palästina und Ägypten bis weit ins 19. Jahrhundert beherrscht. Das Osmanische Reich war ein Scharnier zwischen den Interessen des Westens und Russlands und den arabischen Ländern. Das kann die Türkei heute nicht mehr in früherer Weise sein, denn die genannten Länder, sowie der Libanon und Syrien sind heute selbstständige Nationen. Zudem identifizieren sich die Türken selber eher mit dem geographisch-politischen Gebilde, das Atatürk geschaffen hat und nicht mit den Regionen, die einstmals vom Osmanischen Reich beherrscht wurden. Sehen wir es nicht politisch, sondern eher kultur- und mentalitätsgeschichtlich ist die Türkei – übrigens Griechenland auch – näher am Nahen Osten.

The European: Das heißt in Wirklichkeit hat die Behauptung, die Brücken bauende Türkei habe eine besondere Rolle in der Region, keine Entsprechung?
Weidner: Doch. Wenn die Türkei das will, und wenn die Araber und die Iraner das akzeptieren. Diese Brückenfunktion ist aber nicht auf irgendeine Weise natürlich gegeben, sie ist nicht einfach so da. Wenn es sie gibt, dann ist sie ein Konstrukt der Politik.

The European: Wird die Türkei sich künftig wieder mehr an den Westen binden oder eher an die islamische Welt? Welche Rolle spielt Ministerpräsident Erdogan bei der Beantwortung dieser Frage?
Weidner: Die AKP ist eine bürgerliche, konservative, wertorientierte Partei, die zugleich vorwiegend undogmatisch ist und nicht per se zum Fundamentalismus neigt. Als Partei fragt sie sich natürlich, wie sie Erfolg haben, die Menschen erreichen kann. Ich glaube da ist die Türkei auch in einem Experiment begriffen. Ist es attraktiver für sie, sich eher am Nahen Osten zu orientieren oder eher an Europa? Da hängt natürlich auch einiges von Europa ab, also welche Botschaften wir an das Land senden, wie offen wir für sie sind. Wenn wir das Beispiel der Gaza Flotille nehmen: Innepolitisch versteht es die AKP, diese Entwicklung auszuschlachten. Aussenpolitische hingegen ist das ein Problem, weil es eine zu einseitige Stellungnahme für die arabische Seite impliziert, um wirklich noch einer Brückenfunktion gerecht zu werden und erfolgreich den Mittler zu spielen.

“Das eigentliche Problem ist die Verminderung der säkularen Bildung”

The European: Ist der türkische Way of Life ein Vorbild für die arabischen Länder, für den Iran?
Weidner: In den meisten arabisch-islamischen Gesellschaften findet keine freie politische Entwicklung statt. Der Iran ist was den Way of Life angeht, sehr vergleichbar mit der Türkei, nicht aber, wenn wir über die politische Situation sprechen. Natürlich hat man in Ägypten eine Oberschicht, die genauso lebt wie die “jeunesse dorée” in Istanbul. Nur in Istanbul ist diese “jeunesse dorée” weiter gestreut und die Durchlässigkeit zwischen den verschiedenen Schichten ist auch größer. Wenn sie in der Türkei intelligent sind und über genügend Arbeitsethos und Ehrgeiz verfügen, dann können sie sich dort hocharbeiten. Das ist in Ägypten sehr, sehr schwierig. Wenn sie aus einer unterbemittelten Familie kommen, dann haben sie dort kaum Chancen. Die Durchlässigkeit der Gesellschaft halte ich für etwas sehr Zentrales in diesem Bereich. Viel wichtiger vielleicht sogar als demokratische Wahlen.

The European: Sie sind Experte für die Geschichte der arabischen Literatur. Vor diesem Hintergrund muss Sie doch der Bericht der Vereinten Nationen im Jahr 2003 nieder geschmettert haben, der festgehalten hat, dass sieben Mal so viel Bücher ins Griechische übersetzt werden, als ins Arabische. Obwohl es elf Millionen Griechen gibt und 300 Millionen arabisch-sprachige Menschen. Muss die arabische Welt erst einmal alphabetisiert werden?
Weidner: Die Probleme der arabischen Welt, dazu gehört die mangelnde Bildung in jedem Fall, haben ihre Ursache auch in der Bevölkerungsexplosion. Die macht die existierenden Bemühungen um eine Verbesserung des Bildungswesens, gleich wieder zunichte.

The European: Es ist doch nicht verwunderlich, dass der Islamismus keine gebildeten Menschen will.
Weidner: Täuschen Sie sich nicht, Herr Görlach. Der islamische Fundamentalismus ist auch ein großes Fortbildungsprojekt. Man erfährt das, wenn man eine arabische Buchmesse besucht. Diese werden dominiert von Fundamentalisten. Das heißt, die meisten Bücher, die verkauft werden, sind mittelalterliche Schriften, islamischer Theologen und Gelehrter. Das ist wie wenn man in Deutschland auf die Frankfurter Buchmesse ginge und 80 Prozent der Stände wären besetzt von irgendwelchen Kirchenvätern. Diese zu lesen, ist vielleicht nicht die Bildung, die wir wollen; aber eine Form von Bildung ist es durchaus. Das eigentliche Problem ist, dass es eine Verminderung der säkularen Bildung gibt.

The European: Das klingt jetzt aber nicht nur schlecht für meine Ohren.
Weidner: Das ist es auch nicht. Denn auf lange Sicht wollen die Kinder der Leute, die sich diese Schinken mit mittelalterlichen Texten kaufen, diese auch lesen. Und verstehen. Da wird der Grund für etwas gelegt, was der europäischen Reformation nicht unähnlich ist. Luther sagte: Schaut her, lest den Text doch selbst. Natürlich mussten die Menschen dafür erst einmal lesen und schreiben lernen. Dann aber haben sie sich über die Texte gebeugt. Jeder hatte eine Bibel im Haus.

The European: Also befördert der Islamismus die Bildung in der islamischen Welt?
Weidner: Genau. Ein weiteres Beispiel: Viele Fundamentalisten sind im Netz unterwegs. Ohne die Kenntnis von Hocharabisch, ohne die Kenntnis des Englischen oder sogar weiterer Fremdsprachen können sie sich dort gar nicht zurecht finden. Ohne Hocharabisch verstehen sie die internationalen Fernsehprogramme wie Al-Jazeera noch nicht einmal.

The European: Führt diese Entwicklung dann auch gleichzeitig, wie in der europäischen Reformationslehre, zu mehr Liberalität?
Weidner: Die Reformation war ja nicht automatisch eine liberale Bewegung. Die Reformation hatte verschiedene Ausprägungen, es gab darunter sehr fundamentalistische. Calvin zum Beispiel war nach heutigem Verständnis ein gewaltbereiter Fundamentalist, der keineswegs vorwiegend die Freiheit im Sinn hatte. Zur Freiheit hat erst die Einsicht geführt, dass es Machtblöcke unterschiedlichen (christlichen) Glaubens gab, die einfach lernen mussten, miteinander umzugehen. Ich glaube, das hat zu mehr Freiheit geführt, nicht die Reformation als solche.

The European: Welche Rolle spielt denn der Westen in den Programm arabischer Satellitensender wie Al-Jazeera?
Weidner: Ich schaue häufiger Al-Jazeera an und da fällt mir auf, dass der Westen eigentlich keine dominante Rolle spielt. Es gibt also in dem Sinne keine spezifische Wahrnehmung des Westens. Wenn der Westen zum Beispiel in den Nachrichten auftaucht, werden Aspekte betont, die wir gerne unterschlagen. Man erfährt auf Al-Jazeera viel mehr über das, was in Afghanistan wirklich passiert. Die afghanischen Opfer gerade auch durch Einsätze von Nato/Isaf sind bei uns jetzt in den letzten Monaten in die Medien gekommen, weil die Bundeswehr stärker involviert war, vorher haben wir davon nichts mitbekommen. Es gibt keinen speziellen Blick auf die westliche Welt, sondern Al-Jazeera ist ein Fernsehsender, der einen spezifischen Blick auf die islamisch-arabische Welt wirft.

The European: Ist Al-Jazeera also nicht wie BBC der arabisch-islamischen Welt.
Weidner: Nein, weil BBC ein Sender ist, der uns bekannt ist, weil er sozusagen die Welt hierher zu uns holt. Al-Jazeera holt erst mal die arabisch-islamische Welt in die arabisch-islamische Welt. Das gab es ja vorher so nicht. Die nationalstaatlichen Regierungssender, die bis in die neunziger Jahre den arabischen Fernsehmarkt beherrscht haben, sind uninteressant. Die haben den Staatsbesuch von XY abgedeckt und ein bis zwei Nebennachrichten, das war‘s. Bei den arabischen Satellitensendern werden in den Nachrichten erst mal die Dinge verhandelt, um die es wirklich geht. Diese Sender sind auch kritisch und bringen die Herrschenden unter Druck, wenn auch nie diejenigen in dem Land, in dem sie ihren Sitz haben.

The European: Sie sind ein Kenner der arabischen Literatur. Welche Rolle spielt Mohammed dort.
Weidner: In der modernen arabischen Literatur spielt Mohammed keine Rolle. Er ist völlig uninteressant. Das mag Sie jetzt verstören oder hart klingen, ist aber so. Punkt.

The European: Modern heißt jetzt für Sie ab wann?
Weidner: Ich würde hier mit dem 20. Jahrhundert einsetzen. Nun zum Propheten: Was man in Europa nicht versteht, was die Islamkritiker paradoxerweise nicht verstehen, ist, dass im Islam, oder das, was für den normalen Muslim Islam ist, der Koran eine bloß rituelle Rolle spielt. Er ist das Zitat- und Klangwerk des Glaubens. Aber er hat keine inhaltliche Rolle. Inhaltlich ist für den gläubigen Moslem der Prophet der Leitfaden, so wie sich gläubige Christen Jesus zum Vorbild nehmen. Die Nachahmung des Propheten ist je nach Gläubigkeit das entscheidende Ding für den Muslim, nicht der Koran. Der durchschnittliche gläubige Muslim kennt die Biographie des Propheten, das Leben Mohammeds besser als den Koran. Er kann den Koran vielleicht auswendig zitieren, aber er hat keinen inhaltlichen Bezug dazu, es erschließt sich ihm dort keine Vorstellungswelt. Der Koran funktioniert in dieser Hinsicht anders als die Bibel. Er ist ein Buch, das kaum mit Geschichten aufwartet. Wenn sie den Inhalt des Korans verstehen möchten, dann müssen sie Koranexegesen lesen. Die Fixierung auf das Leben von Mohammed als Hauptquelle der gläubigen muslimischen Vorstellungswelt und des muslimischen Ethos hat zur Folge, dass das Mohammedbild automatisch ein positives ist, es schert sich nicht um den realen, historischen Mohammed. Dieser ist völlig egal. Was zählt, ist das Idealbild.

“Der Kemalist ist Atheist”

The European: Gibt es den Atheismus als Geistesströmung in der arabisch-islamischen Welt?
Weidner: Natürlich! In der Türkei kann eigentlich jeder höhere Militär gar nicht anders als Atheist sein. Der Kemalist ist Atheist. Wir müssen natürlich fragen, was genau Atheismus heißen soll. Ist das jemand, der einfach nicht gläubig ist und jemand, der sagt, dass er mit Religion eigentlich nichts am Hut hat oder ist es jemand, der kategorisch und vehement die Existenz Gottes leugnet?

The European: Also gibt es ein Denken in der islamischen Welt, egal ob in der Literatur, im Kino oder in der Politik, das ohne die Bezugnahme auf religiöse Bilder funktioniert.
Weidner: Absolut. Der größte, bessere Teil der modernen arabischen Dichtung und damit eine der wesentlichen künstlerischen, literarischen Genres, also etwas ganz Wichtiges für jeden arabischen Gebildeten, kommt völlig ohne den Gottesbezug aus. Und zwar immer schon! Nicht nur in der modernen Literatur, sondern schon der Beginn der arabischen Dichtung ist gottesfern. Die vorislamische Dichtung ist eine explizit materialistische, ohne jeden Jenseitsbezug. Mohammed hat die Dichter als seine größten Feinde erachtet, und deswegen heißt ja heute noch die vorislamische Zeit auf Arabisch dschâhilîya, die Zeit der Unwissenheit, der Unreligiösität. Es gibt in der europäischen Kultur, sagen wir mal bis zur Renaissance, wahrscheinlich bis zum Humanismus, also bis weit ins 16. Jahrhundert, nichts vergleichbar Häretisches, wie es das in der arabischen Dichtung gibt und gab.

Hat Ihnen das Interview gefallen? Lesen Sie auch ein Gespräch mit Markus Löning: „Erdoğan will das Land nach seinem Bild verändern“

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