"Wer bin ich - und wenn ja wie viele?"

von Stefan Groß-Lobkowicz3.06.2017Gesellschaft & Kultur, Medien

Vor zehn Jahren schrieb Richard David Precht einen Bestseller, er machte damit Furore und avancierte zum angesagtesten Philosophen in Deutschland. Doch was ist dran – an Precht? Wir haben uns im Nachgang das Buch genauer angeschaut.

Das oft dunkle Raunen der Philosophie im Gewand der akademischen Tradition beklagen viele, die sich für die Kunst des Denkens interessieren, die also genuine Freunde der Weisheit sind, Freunde, die den Dialog mit sich selbst, mit den anderen suchen. Doch für viele endet bereits der Versuch einer Auseinandersetzung mit der tiefsten aller Weisheiten, der Philosophie, mit dem Aufschlagen des Klappentextes wissenschaftliche Bücher. Das Resultat dieser zärtlichen Annäherung ist bekannt. Die oft als mühsam zu lesende Lektüre verschwindet wieder zurück ins Bucherregal.

Sich der Philosophie, insbesondere auch im akademischen Studium anzunähern, bleibt ein Risiko, nicht zuletzt ein existentielles für all jene, die am Ende ihrer Studien den Preis für ihren allzu hohen Idealismus zahlen müssen – Philosophie als Broterwerb ist fast ausgeschlossen. Der Studierte schwankt dann zwischen dem heeren Wunsch, sein gefundenes Wissen einem akademischen Publikum preiszugeben, das klein und erlesen, möglicherweise ihn in den inneren Raum des Akademie- und Universitätsbetriebes, in den heiligen Tempel, aufnimmt, mit den notwendigen und unvermeidlichen Üblichkeiten akademischer Insignien der Macht, mit Promotion und Habilitation und letztendlich mit einem Lehrauftrag versieht, oder: Er öffnet sich einem Diskurs, macht seine Texte einem großen Publikum zugänglich, versucht sich im Ethos des Schreibens, damit man ihn höre, damit seine Stimme vernommen werde, was letztendlich auch der Philosophie heute noch um so mehr not tut, so sehr sie an die Ränder gespielt, mit den Sozialwissenschaften, der medizinischen Forschung und dem technischen Fortschritt um ihre Existenz ringt. Anders gesagt: Schreibt man es einfach und verstehen es alle, dann verschließt sich der Tempelbezirk für immer, schreibt man es kompliziert oder komplizierter, besteht zumindest, wenngleich höchst eingeschränkt, die Möglichkeit in akademischen Würden zu altern. Diesem Dilemma der Mitteilung beizukommen, dem Wie des Mitgeteilten, diesen Kampf kämpfen nicht nur Michel Onfray, Wilhelm Schmid und viele andere, sondern auch Richard David Precht mit seinem im Goldmann-Verlag erschienenen Buch Wer bin ich und wenn ja, wie viele?

Philosophische Bücher, die Bestseller werden, gibt es heutzutage nicht mehr viele. Vergangen sind die Zeiten, als Eberhard Griesebach mit seiner Gegenwart und Rudolf Eucken mit Der Sinn und Wert des Lebens und Geistige Strömungen der Gegenwart ein Millionenpublikum begeisterten, was nicht zuletzt Eucken 1908 den Nobelpreis für Literatur einbrachte. Es war nicht nur die Flüssigkeit der Darstellung, die sachbezogene und auf den Common Sense zugeschnittene Schreibart, sondern der darin mitgetragene Inhalt, Fragen, die die Welt beschäftigten, Fragen zur Lebensanschauung, Fragen über das Wozu und Warum endlicher Existenz, die den Menschen seit Urzeiten bestimmende Frage nach dem Sinn und dem Wesen der Wahrheit, die großen Fragen der Menschheit also, die Immanuel Kant als die drei Grunddimensionen des Menschen beschrieb. Was heißt Erkenntnis und wo liegen ihre Grenzen? Gibt es allgemeine und universale moralische Gesetze, die für alle Menschen gültig sind, und wie lassen sie sich begründen? Und schließlich: Worauf kann der Mensch vertrauen, selbst dann, wenn die Wissenschaft darauf keine Antworten mehr zu geben imstande ist?

Precht nimmt sich der kantischen Fragestellungen an und gliedert demgemäß sein Buch unter die Rubriken Was kann ich wissen? Was soll ich tun? Und: Was darf ich hoffen? Dabei geht es ihm nicht à la Kant um die Bedingungen von Möglichkeit von Erkenntnis, Sittlichkeit und Religiosität in den Grenzen der bloßen Vernunft, sondern um eine breitgefächerte Aufarbeitung der jeweiligen Fragen, die ihre Antworten sowohl aus dem Idealismus als auch aus dem Empirismus und nicht zuletzt aus der kognitiven Hirnforschung beziehen. Letztere ist es, deren Entwicklung, Wirkung und Stellenwert Precht gern bemüht, um beispielsweise die von ihm herausgearbeiteten Aporien der Philosophie­geschichte (Descartes einerseits, Locke, Hume andererseits), die sich beispielsweise im Umfeld der Ich-Philosophie abzeichnen, in den modernen Diskurs hineinzutragen. Anstatt aber hier ins Detail zu gehen, die Frage, ob es eine Philosophie vom Ich gibt, ist ja keineswegs obsolet und nur geschichtlich, sondern über sie wird aktuell diskutiert, finden sich bei Precht immer wieder Verweise auf die moderne Hirnforschung, die letztendlich, so das Dilemma, auch keine genaue Auskunft darüber geben kann, was das Ich denn nun sei, und warum man sich selbst als fühlendes und denkendes Wesen begreift.

So sehr das Buch einen guten Überblick über die Geschichte der Philosophie in ihren unterschiedlichen Facetten, die aktuellen Debatten um Sterbehilfe, Embryonal- und Stammzellforschung gibt, immer wieder verlaufen sich die Argumentationen im Sande, besiegt letztendlich das Fragezeichen einen bis dahin aufschlußreichen Diskurs. Die Passagen über die großen Philosophen überzeugen nicht. Lesenswert ist Precht dann, wenn er sich den vergessenen Denkern der abendländischen Geistesgeschichte zuwendet, wenn er beispielsweise Ramón y Cajal und Ernst Mach in den Mittelpunkt seiner Argumentationslinien rückt. Von den großen Philosophen erfährt man meist nicht mehr, als dies aus einschlägigen Einführungen und der vorangestellten Vita ohnehin schon bekannt ist. Gerade die kleinen Fragen, die Fußnoten, die ganze Diskussionen auslösten und zu verschiedenen Schulbildungen führten, werden leider nur gestreift oder sogar ganz ausgeklammert. Was also diesem Buch fehlt, ist ein problemorientierter Diskurs, was dann übrigbleibt, ist eine mehr oder weniger gelungene Einführung in die Philosophiegeschichte, die auch Kapitän Kirk und das Raumschiff Enterprise für philosophische Meisterleistungen erklärt, die aber an die Standardwerke von Wolfgang Röd und Johannes Hirschberger nicht im Geringsten heranreicht.

Auch von der vielgelobten Ironie, dem Sprachzauber und einem wohlpointierten Witz, die auf dem Cover versprochen werden, findet sich wenig. Prechts Buch ist nüchtern geschrieben, ganz der neuen Sachlichkeit anvertraut, die Kurzweil der Sätze belegt dies nachdrücklich. Es ist, was es ist – ein Medienbuch über Philosophie, das es mit Sofies Welt auch schon gegeben hat, das die Menge jener halbgestrickten Intellektuellen befrieden mag, die gern über Philosophie plaudern, weil es en vogue ist. Was ihm zugute kommt, im Gegensatz zu vielen weitaus gelungeneren Einführungen in die Philosophie, ist der mediale Zauber, der darum veranstaltet wird. Unterstützt wird dies auch von einem neuen Publikum, das sich mit immer weniger Wissen zufrieden geben will oder muß und einfach nur rezipieren will. Mit dieser Art von Philosophie läßt es sich bequem leben.

Diesen Trend unterstrich dann auch Elke Heidenreich, die sich dazu hinreißen ließ, zu schreiben: „Wenn Sie dieses Buch lesen, haben Sie den ersten Schritt auf dem Weg zum Glück schon getan“ – von Johannes B. Kerner einmal ganz zu schweigen. Kurzum, das Dilemma bleibt: Wie schreibt man über Philosophie, so daß es anspruchsvoll bleibt und dennoch verständlich ist! Eine gelungene Synthese zwischen akademischer Gelehrsamkeit und einem guten essay­istischen Stil wäre auch für Precht hilfreicher.

Vielleicht, so kann man nur mutmaßen, ist der anspruchsvolle Umgang mit der Philosophie, das wortgewandte Schreiben doch etwas, was mit einer neuen Generationenlage zu tun hat, die an den Stil früherer Publizisten nicht mehr herankommt. Rüdiger Safranski, Hermann Lübbe oder Odo Marquard liegen mit ihren philosophischen Büchern und gelehrten Essays Precht um Längen voraus.

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