Juli Zehs „Unterleuten“ am Weimarer Nationaltheater

von Stefan Groß-Lobkowicz14.12.2017Außenpolitik, Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik, Medien, Wissenschaft

Mit „Unterleuten“ hat Juli Zeh einen Gesellschaftsroman par exellence geschrieben. Waren einst Grass, Walser und Böll die Titanen der Deutschen Literatur, ist mit Zeh der Abschied der „alten Männer“ endgültig eingeläutet. „Unterleuten“, jetzt auf dem Spielplan der DNT in Weimar, ist eine Chronik unserer Zeit, die mit der Gesellschaft gnadenlos abrechnet.

Einst schrieb Alexander Pope „All gardening is landscape painting“ und meinte die Landschaftsidylle von Poussin und Lorrain. Landschaft im Sinne des englischen Liberalen sei nichts anderes als elegische Dichtung, und die Natur eben eine inszenierte, die sich im idyllischen Landschaftsgarten spiegelt. Natur, so das Credo einer ganzen Epoche, war das Zeichen für Freiheit des Menschen jenseits der Urbanität, Synonym für eine Aufklärung an Geist und Herzen.

Ein Landschaftsbild ganz anderer Natur hat Juli Zeh mit ihrem Gesellschaftsroman „Unterleuten“ gezeichnet. Jenseits von Rainald Grebes pessimistischer Nazi-Verbrämung Brandenburgs, einer Tristesse ohne Glut und Zukunft, in dunkle Depressionsnebel gehüllt, geht die gebürtige Bonner Juristin Zeh vielmehr en detail. Sie pauschalisiert nicht, entwirft keine Klischees vom brauen Osten, sondern zeichnet mit ihrem Gesellschaftsroman akribisch Charaktere – feinfühlig, diffizil und aus einer tiefen Menschenerkenntnis heraus. Was sie dabei porträtiert, ist die unruhige Seelenlage einer Generation, die von Misstrauen, Ängsten und vom Egoismus als Lebenselixier geprägt ist.

In der postmodernen Gesellschaft zwanzig Jahre nach der Wende prallen nicht nur systemisch Ost- und Westkonflikte wieder auf, wiederholt sich das Gesellschaftsdrama der Wende mit all seinen Plattitüden, Vorwürfen inklusive Neid, sondern das fiktive „Unterleuten“ erweist sich darüber hinaus als Projektionsfläche, wo Altes und Neues, Dörfliches und Digitalisierung, Kapitalismus und romantische Schwärmerei, Gemeinschaftssinn und individuelle Interessenkultur sich im ewigen Wettlauf und in einer unkultivierten Streitkultur nebulös ineinander weben. Zwanzig Jahre nach der Stasi sind die Methoden geblieben, die gegenseitige Bespitzelung, das Sich-einander-Verletzen, die tiefe Freude am Leid der Anderen, der Lüge als luzides Programm der Selbsterhaltung – auch Recht und Unrecht bleiben eine Sache der Betrachtungsweise und sind abhängig von der Herrschafts- inklusive Geldnomenklatur.

„Unterleuten“ ist nicht das Idealmodell einer besseren Welt und Juli Zeh keine Autorin, der es um Gesellschaftsvisionen geht. Sie ist und bleibt eine bekennende Chronistin der Zeit, die sie in ihrer ganzen Ambivalenz realitätsnah und doch mit dem Gran der Psychoanalytikerin aufzeichnet. Zeh ist ein Seismograph der Seele – ihre Charaktere stehen stellvertretend für eine ganze Gesellschaft. Und sie zeigt detailgetreu die Schattenrisse einer fragmentarischen Gesellschaft, der die großen Ideen abhanden gekommen sind und die das Bestehende bloß noch blind verwaltet, die illusionslos in die Zukunft treibt. Einer Gesellschaft also, für die es keine absolute Wahrheit mehr gibt, die nur in Perspektivwechseln lebt und diese nach Gusto verändert. Verlierer im Gesellschaftsdrama, das spektakulär in einer Brunnenvergiftung endet, sind sowohl die Bonzen der DDR-Ära und ihre intrigant-willigenVollstrecker, die im Versuch die sozialistische Vergangenheit als heile Welt zu stilisieren als auch die neoliberalen Akteure, denen es nur um Gewinnmaximierung und perfiden Utilitarismus geht. Ihr falsches Spiel wird genauso entlarvt, fällt letztendlich wie ein Kartenhaus zusammen. Sowohl die integre und eingeschworene Dorfgemeinschaft als auch die schnöde, anmaßend agressive Besserwisserei der Zugezogenen – beide Welten sind so geschichtlich wie zerbrechlich. Beide zerfallen ins Nichts genau dann, wenn ihnen der Status quo abhanden kommt. Dann werden die Regeln des Anstandes, die Emotion zu Floskeln und die Wahrheit zu leeren Hülle. Die Zeit tradierter Werte zerfließt wie die Herrschaft der alten Männer, doch an ihre Stelle tritt ein moralisches Vakuum, das Zeh bewusst offen und unbestimmt lässt.

Juli Zeh versteht sich auf die Ambivalenz ihrer Akteure, auf ihre Doppelbödigkeit, auf ihr Facettenspiel und die Verkleidungen. So werden aus linksliberalen Intellektuellen, die sich dem Marxismus als Leitkultur verschrieben, die die heile Gesellschaft wie ein Transparent vor sich hertrugen letztendlich Gewalttätige, die alle Masken fallen lassen und sich dem Gemeinen ebenso preisgeben wie die, die sie kritisieren. Der Geist tappt in die Falle der Dialektik und gebiert sich in wilder Raserei und im Totschlag. Die Masken fallen und übrig bleibt die rohe Natur des Menschen, die emotionslos agiert. Identitäten wechseln und sind letztendlich austauschbar. „Unterleuten“ ist ein Portfolio dessen, was die menschliche Natur im Überlebenskampf aufbringt – kollektive Verschwörung, Hass und Ideologie als Selbstschutz, aber auch erpresste Versöhnung in Zeiten existentieller Not.

„Unterleuten“ ist nicht nur Projektionsfläche für einen Kampf der Kulturen, der Jungen gegen die Alten, der Computerfreaks gegen die Scholle, der ungestillten Wünsche und Träume gegen einen pragmatisch-biederen Realismus, der ästhetischen Idylle gegen die riesigen Windräder der Industrialisierung und der politisch generös und ökologisch-verordneten Klimarettung, sondern der verzweifelte Kampf gegen die Segnungen der Technik und die Bevormundung durch die Klimaenthusiasten und Lobbyisten, die – ganz wie in der DDR – mit ihrem Verordnungswahn ein ganzes Dorf in den kollektiven Wahnsinn treiben.

Das fiktive Dorf in Brandenburg ist keine Idylle und schon gar kein arkadisches Refugium für das Seelenheil. Es ist ein Monster, das als absurdes Theater selbst das hoch exaltierte, emotional zerrüttete Berlin blass neben sich erscheinen lässt.

In „Unterleuten“ ist das einstige Naturideal der Aufklärung im Sinne der schönen Bildung und Veredlung des Charakters in sein Gegenteil umgeschlagen; die Vernunft mauert gegen sich selbst und die Intrige wird wieder gesellschaftsfähig. Die Natur bleibt nichts als der schöne Schein, von der eben – im Unterschied zu Alexander Pope – keine Erlösung mehr erwartbar ist, da „Unterleuten“ nichts anderes als ein Mikrokosmos der Gesellschaft ist, ein Ort irgendwo im „Zeitalter bedingungsloser Egozentrik“, wo der Glaube an das Gute längst versagt und durch den Glauben an das Eigene ersetzt wurde.

Juli Zeh wertet nicht, deklassiert die Ostdeutschen nicht zu Dunkeldeutschen, zum “Pack” Gabriels, das sich stoisch zu Pegida und AfD bekennt, sondern zeichnet einen Generationenroman, wo der Zuschauer in jedem Protagonisten ein Stück von sich selbst erkennt, die Schattenseite seiner Seele, das Menschlich-Allzumenschliche Nietzsches. Aufgrund seiner Charaktere ist Zehs Roman ein gesamtdeutsches Stück, denn „Unterleuten“ ist überall, und die Konflikte, die es transponiert, sind so universal wie trivial-bizarr.

Das Weimarer Nationaltheater (DNT) hat Zehs „Unterleuten“ jetzt als Bühnenfassung von Jenke Nordalm und Beate Seidel uraufgeführt. Großes Theater, ein Volkstheater ganz im Sinne von Schillers Schaubühne, großes Theater für einen großartigen Stoff. Und dies in einer Stadt, die so ambivalent wie der Roman selbst ist. Aufklärung und Klassik, der Hort der deutschen Kultur und ihre Naturbegeisterung einerseits, die abgrundtiefe Lebensverachtung, Tod und Barbarei durch das Konzentrationslager Buchenwald andererseits. „Vom Erhabenen zum Lächerlichen ist es nur ein Schritt“ hatte einst Napoleon gesagt, vom Moralischen zum Barbarischen eben auch. Und das Böse ist keineswegs radikal, sondern banalen Ursprungs wie Hannah Arendt schon bemerkte. Dies ist es, was wir auch von „Unterleuten“ erneut lernen können.

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