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„Ich finde in der Menschennatur eine entsetzliche Gleichheit“

Er zählt zu den großen der Weltliteratur – der deutsche Schriftsteller Georg Büchner. Er zeichnet am Rand der Gesellschaft, verleiht den Entrechteten eine Stimme und entwirft eine Dramaturgie der Zukurzgekommenen, die das Schicksal physisch und psychisch knechtet. Doch bei aller Resignation zeichnet der Dichter des Vormärzes, der auch noch 2017 so aktuell ist, kein Bild restloser Verzweiflung.

Ihm zu Ehren gibt es ihn, den Georg-Büchner-Preis. Und der ist seit 1923 so etwas wie der Oscar in der deutschen Literatur. Die Liste der Preisträger liest sich darum auch wie das How is How der Intellektuellen. Ob Benn, Kästner, Frisch, Celan, Enzensberger, ob Grass, Böll, Canetti, Handke, Walser oder Mosebach – für sie alle bleibt Büchner nicht nur ein interessanter Casus, sondern das Ausnahmetalent schlechthin.

Denn Büchner (1813-1837) war alles in Personalunion: Naturwissenschaftler, Mediziner und Revolutionär. Ein Genie sondergleichen und einer der signifikantesten Literaten des Vormärzes, einer Zeit, in der der Geist des Liberalismus und der Nationalismus sich aus der politischen Opposition zum „Metternich’schen System“ entwickelten. Ihr Widerstand richtete sich politisch gegen jenen restaurativen Obrigkeitsstaat samt seinen Ideologien, der diese mit strengen Repressionsmaßnahmen verteidigte, aber auch gegen den Standesdünkel und die auf Kosten der Armen erkaufte Freiheit des Adels.

Was Büchner all dem entgegensteuerte, war ein zutiefst empfundener Existentialismus des Individuums, das sich jede romantische Poesie bewusst versagt und anstelle von Heilung und Erlösung das Fragment und das Drama setzt. Die Flucht in die Religion, das Pathos einer heiligen Existenz wehen an ihm vorbei, die Hegelsche „Vernunft der Geschichte“ wird zur Phrase, die zum blutigen Puppenspiel verkommt, zum Spiel, das den Einzelnen in seiner Endlichkeit und Zerbrechlichkeit, in seinem Hadern und Verzweifeln zeigt.

Büchner ist der genaue Kenner des Lebens und der menschlichen Natur, er kennt nur allzu gut die Abgründe von Seele, Trieb und Unbewusstem. In einem berühmten Brief an seine Braut aus dem Jahre 1824 wird das deutlich: „Ich fühle mich wie zernichtet unter dem gräßlichen Fatalismus der Geschichte. Ich finde in der Menschennatur eine entsetzliche Gleichheit, in den menschlichen Verhältnissen eine unabwendbare Gewalt, allen und keinem verliehen. Der einzelne nur Schaum auf der Welle, die Größe ein bloßer Zufall, die Herrschaft des Genies ein Puppenspiel, ein lächerliches Ringen gegen ein ehernes Gesetz […]. „Puppen sind wir, von unbekannten Gewalten am Draht gezogen; nichts, nichts wir selbst; die Schwerter, mit denen Geister kämpfen – man sieht nur die Hände nicht, wie im Märchen […]“. Das Leben bleibt ein düsteres Märchen.

Das Scheitern an den persönlichen Verhältnissen in nuce erweist sich bei Büchner letztendlich als der ultimative Dreh- und Angelpunkt von Existenzen, die aus der Gesellschaft ausgeschlossen werden und die tatsächlich zu Randexistenzen mutieren, deren Schicksale er in all ihrer Radikalität, Fragilität, Einsamkeit und Schizophrenie nachzeichnet.

Die seelische Not als Resultat von Individuen ohne Perspektive zeichnet auch heute noch die Aktualität Büchners, denn die zunehmende Isolation, der immerwährende und nie gelingende Versuch, sich in der Existenz festzusetzen, sind auch nach Büchner geblieben. „Woyzeck“ und die Erzählung über die Leiden des Schriftstellers Jakob Michael Reinhold „Lenz“ sind bar ihres tiefenpsychologischen Inhalts moderne Bühnenstoffe, die im 21. Jahrhundert immer noch ihren Ort und vor allem ihre tragischen Existenzen finden, sei es in den Randzonen der Gesellschaft, bei den Langzeitarbeitslosen oder in den psychosozialen Einrichtungen des Staates.

Exemplarisch wird dieser Existenzrealismus Büchners, der sich vom klassischen Drama kritisch distanziert, in der bewusst uninszenierten Umgangssprachlichkeit der Akteure; Satzbrüche und Ellipsen steigern einerseits die Dramatik, andererseits sind sie deutliches Indiz dafür, dass es eine gelingende Interaktion und Kommunikation unter den Akteuren auf Dauer nicht gibt. Erweitert wird dieses Spiel – gerade auch im „Woyzeck“ – durch irrsinnige Tautologien der Macht ohne sinnerweiternde Aussagekraft. Zum einen verlieren die Akteure der Oberschicht, im Fall des „Woyzeck“, der Doktor, der Hauptmann und der Tambourmajor jede Individualitätsnote und degenerieren zu Nicht-Personen, werden zu austauschbaren Phänotypen. Demgegenüber erwachsen zum anderen die unterprivilegierten, die niederen Bevölkerungsschichten zu den eigentlichen Persönlichkeiten und Charakteren heran, deren Schicksal ihre Einmaligkeit zeichnet. Sie umweht Authentizität und emotionale Kraft, sie stellen dem sinnentleerten Sprechen eine tief erlebte Metaphorik von Bildern gegenüber, die mit dem starren Regelwerk des Logozentrismus brechen. Das authentische Personsein zeigt sich hier durch die Namensgebung, durch die Ansprechbarkeit, während sich die Eindimensionalität von Stereotypen in anonymen Berufsbezeichnungen findet. Durch die Namensgebung bekommt das Schicksal Gewicht, die Armut ein Gesicht.

Dadurch wird der bürgerliche Realismus auf den Kopf gestellt, Moral, Sitte und Recht werden nicht jenen zugesprochen, die den Diskurs bestimmen, sondern die Randexistenzen erweisen sich bei Büchner als die eigentlichen Helden. In ihnen verdichtet sich der Sinn des Lebens, die Frage nach der sinnvollen Existenz in Zeiten ethischer Asymmetrien und in einer Welt, die – fast deistisch – davon ausgeht, daß man das Schicksal nicht verändern kann.

So auch im Drama „Woyzeck“: In all seiner Verlorenheit, in den Demütigungen und Verletzungen, im Experiment Woyzeck, im interessanten casus, der nichts anderes als ein Versuchsobjekt in den Händen anderer Mächte ist, verliert sich der Protagonist dennoch nie, bei aller Resignation, in banale Floskeln und sprachliche Hohlheit, ist nicht verliebt in die Phrase. Woyzeck bleibt authentisch, aber in seiner Authentizität eben auch korrumpierbar, wird zum Spielball von Intrige, Blamage und Lächerlichkeit, gegen die er sich – weil es ihm physisch und psychisch gar nicht möglich ist – nicht wehren kann. Schon Alfred Kerr hatte in der „Theater-Kritik“ am 15.Dezember 1927 geschrieben: „Woyzeck ist der Mensch, auf dem alle rumtrampeln. Somit ein Behandelter, nicht ein Handelnder. Somit ein Kreisel nicht eine Peitsche. Somit ein Opfer nicht ein Täter. Dramengestalt wird sozusagen die Mitwelt – nicht Woyzeck. Kernpunkt wird sozusagen die quälende Menschheit – nicht ihr gequälter Mensch. Bei alle dem bleibt wahr, dass Woyzeck durch seine Machtlosigkeit justament furchtbarsten Einspruch erhebt. Dass er am tiefsten angreift – weil er halt nicht angreifen kann.“

Und wie einst der arme Soldat Büchners, Vorlage zum Stoff war wie später bei „Effi Briest“ von Theodor Fontane, eine Zeitungsmeldung, so sind die Woyzecks unserer Tage nicht weit vom einstigen Dramenhelden entfernt. Der einfache Soldat Franz Woyzeck, der verliebt in Marie das uneheliche Kind finanziell zu unterstützen sucht, den mageren Sold in seine Liebe investiert, sich auf Erbsendiät setzen lässt, verzweifelt letztendlich an einer heimlichen Affäre, die Marie mit dem Tambourmajor eingeht. Der Mord an seiner Liebe bleibt für ihn die einzige Möglichkeit, sich an der Gesellschaft zu rächen und dem Unbehagen an seiner Existenz Ausdruck zu verleihen, seine Aggression richtet sich dabei gegen die etablierte Klasse und endet dramatisch in der Selbstvernichtung. Woyzeck bleibt ein Millionenschicksal.

Aber Büchner war mehr als nur der Literat. Wie sehr bereits der junge Arztsohn von der Idee wahrer Freiheit begeistert war, wird in seiner „Rede zur Verteidigung des Kato von Utica“ deutlich. In Kato feierte Büchner jenen Geist der römischen Republik, der einzig im Selbstmord seinen Weg zur Freiheit erblickte, ein stoisches Ideal, um sich in aller Individualität der Herrschaft Cäsars zu entziehen. Auch im „Fatalismus-Brief“ verdeutlicht sich Büchners Drang nach Freiheit und Subjektivität, denn der Mensch ist ganz Subjectum, der sich immer wieder verwehren muss, vom Weltprozess aufgefressen und permanent vernichtet zu werden.

Der politische Büchner wollte mehr, er schrieb gegen die Verobjektivierung der Geschichte mit seinem Ideal einer „Gesellschaft für Menschenrechte“ an. Eine Revolution der Denk- und Lebensweise im Geist von Liberalismus konnte sich seiner Meinung aber nicht durchsetzen, wenn sich die freiheitliche Opposition auf wohlhabende Liberale, Industrielle und Handelsleute beschränkte, sondern nur in einer radikalen Revolution gegen die bestehenden Politik- und Sozialverhältnisse.

Büchner wusste allzu gut über die Miseren der Landbevölkerung und ihre drückende Armut bescheid, kannte die Not, die sich aus der ungleichen Verteilung der Güter ergab, die eine Revolution von oben für ihn sinnlos erscheinen lassen musste. Der „Hessische Landbote“, 1834, nimmt dann programmatisch voraus, was später bei Karl Marx zum philosophischen Programm werden wird. Die Flugschrift, die unter der Parole „Friede den Hütten! Krieg den Palästen!“ war dann Büchners aktiver Versuch die bestehenden Missverhältnisse der Zeit aufzudecken. Der bewusst biblisch gehaltene Tonfall der Schrift diente dabei nicht nur als stilistisches Mittel, sondern in erster Linie dazu, eine religiöse Rechtfertigung der angestrebten Revolution zu liefern. Aber nicht der Idealismus, dies wusste er, führt zur Revolution, sondern für die große Klasse der Entrechteten gibt es nur zwei Hebel: „materielles Elend und religiöser Fanatismus“. Freiheit gewinnt sich so in der Dialektik von Verlust und Aneignung.

Was bleibt von Büchner? Mit Sicherheit der Mut, sich zu empören, diesen Mut gilt es sich wieder anzutrainieren in Zeiten der Angepassten; Dieter Hildebrandt hätte seine Freude an ihm, weil auch Büchner ein Störenfried ist, einer der aufstört, verstört und zerstört, einer, der den Kampf gegen den übermächtigen Gegner aufnimmt und bewusst das Scheitern mit einkalkuliert.

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