Wer seine Geschichte nicht erzählen kann, existiert nicht. Salman Rushdie

Das gesellschaftliche Fundament darf nicht erodieren

Wenn es um die “Ehe für alle” geht, bleibt die saarländische CDU-Ministerpräsidentin auf klarem Kurs. Selbst wenn ihre Partei die “Ehe für alle” als Gewissensentscheidung" freigegeben hat, heißt das für die engagierte Katholikin nicht auf den Zug aufzuspringen.

Die saarländische Ministerpräsidentin Annegret Kramp Karrenbauer (CDU) lässt sich nicht verbiegen, wenn es um die „Ehe für alle“ geht. Die engagierte Katholikin lehnt die vom Bundestag und von ihrer eigenen Partei beschlossene „Ehe für alle“, so in einem aktuellen Interview mit der „Rheinischen Post“, weiterhin ab. „Mit der Entscheidung für die ’Ehe für alle’ wird die Welt sicherlich nicht zusammenstürzen, betonte die charismatische Politikerin. „Man muss aber im Blick behalten, dass das Fundament unseres gesellschaftlichen Zusammenhalts dadurch nicht schleichend erodiert.“

Die Merkel-Getreue Politikerin von der Saar betont aber zugleich, dass sie es verstehen kann, das Bundeskanzlerin Angela Merkel die Entscheidung im Bundestag über die „Ehe für alle“ als Gewissensentscheidung freigegeben hatte, fügt jedoch hinzu: „Ich sehe in meiner Partei, dass dazu jeder seine persönliche Meinung hat, das respektiere ich“.

Hohe Reputation unter deutschen Katholiken

Kramp-Karrenbauer genießt eine hohe Reputation unter den deutschen Katholiken. Ihr Wort wiegt schwer bei vielen Gläubigen. Seit Jahren ist das politische Ausnahmetalent Mitglied des Zentralkomitees und setzt sich dort verstärkt für die Lockerung des Zölibates, für die Weihung weiblicher Diakone und für die Verteidigung der klassischen Ehe ein.

Dafür musste sie sich den Vorwurf von SPD und Grünen gefallen lassen, dass sie Homo-Ehe mit Inzest und Polygamie vergleiche. Doch Kramp-Karrenbauer ist weder homophob oder gar reaktionär. Eine Ehe für alle geht ihr aber deutlich zu weit.

Die Ehe bleibt für die CDU-Politikerin eine auf „Dauer angelegte Verantwortungspartnerschaft zweier erwachsener Menschen;“ eine Heirat „unter engen Verwandten oder von mehr als zwei Menschen“ widerspricht ihrem christlichen Menschen- und Gottesbild.

Rückendeckung hat Kramp-Karrenbauer auch von Erzbischof Heiner Koch

Am 30. Juni 2017 erklärte der Vorsitzende der Kommission für Ehe und Familie der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Dr. Heiner Koch (Berlin):

„Ich bedauere, dass der Gesetzgeber wesentliche Inhalte des Ehebegriffs aufgegeben hat, um ihn für gleichgeschlechtliche Partnerschaften passend zu machen. Gleichzeitig bedauere ich, dass mit dem Beschluss eine differenzierte Wahrnehmung unterschiedlicher Partnerschaftsformen aufgegeben wird, um die Wertschätzung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften hervorzuheben. Differenzierung aber ist keine Diskriminierung. Eine Wertschätzung gleichgeschlechtlichen Zusammenlebens kann auch durch eine andere institutionelle Ausgestaltung ausgedrückt werden. Sie muss nicht in der Öffnung des Rechtsinstituts der Ehe für gleichgeschlechtliche Partnerschaften in Erscheinung treten. Die Väter des Grundgesetzes gaben der Ehe einen so herausragenden Platz in unserer Verfassung, weil sie diejenigen schützen und stärken wollten, die als Mutter und Vater ihren Kindern das Leben schenken wollen. Wird jetzt vor allem der Schutz von Beziehungen und die Übernahme gemeinsamer Verantwortung als Begründung für die Öffnung der Ehe vorgebracht, so bedeutet dies eine wesentliche inhaltliche Umgewichtung und eine Verwässerung des klassischen Ehebegriffs.

Eine Diskussion um die Stärkung und Förderung der vielfältigen Verantwortungsgemeinschaften in unserer Gesellschaft ist nötig und muss eigens geführt werden. Wenn der Staat aber anerkannte verbindliche Gemeinschaften wirklich stärken will, muss er etwa in der Ehe- und Familienpolitik deutliche Akzente setzen, um die Stabilität und Eigenverantwortung der Ehen zu unterstützen statt die Gestaltungsräume der Eheleute zu beschneiden, wie etwa durch die (in einigen Wahlprogrammen geforderte) Aufhebung des Ehegattensplittings.

Es ist bedenkenswert, dass viele von denen, die die Institution Ehe lange Zeit als lebensfeindlich und als Auslaufmodell bekämpften, nun zu glühenden Verfechtern der ‚Ehe für alle‘ wurden. Es stimmt nachdenklich, wie grundlegende Überzeugungen im Eheverständnis aufgegeben werden mit dem Hinweis auf notwendige Flexibilität, veränderte Zeiten und populäre Stimmungen. Es ist traurig, dass das Rechtsinstitut Ehe in das Räderwerk politischen Taktierens geraten ist. Das hat die Ehe nicht verdient.

Als katholische Kirche werden wir uns nun verstärkt der Herausforderung stellen, die Lebenskraft des katholischen Eheverständnisses, wie es auch Papst Franziskus immer wieder klar benennt, überzeugend zu verdeutlichen und in der Öffentlichkeit einladend zu vertreten. Gleichzeitig erinnere ich daran, dass der sakramentale Charakter unseres Eheverständnisses von der heutigen Entscheidung im Deutschen Bundestag unberührt bleibt. Gerade in der jetzt geführten Debatte ist mir wichtig zu betonen, dass die Deutsche Bischofskonferenz in ihren Stellungnahmen zum Lebenspartnerschaftsrecht betont hat, dass es ein Missverständnis wäre, die hervorgehobene Rechtsstellung der Ehe und ihren bleibenden besonderen Schutz als Diskriminierung homosexuell veranlagter Männer und Frauen zu verstehen. Als Kirche haben wir Respekt für jene gleichgeschlechtlichen Partnerschaften, in denen über viele Jahre hinweg gegenseitige Verantwortung und Fürsorge übernommen wird.“

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Klaus Kelle, Ansgar Dittmar, Béatrice Bourges.

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