Das postfaktische Zeitalter ist bereits jetzt Geschichte

von Stefan Groß-Lobkowicz13.10.2016Gesellschaft & Kultur, Medien, Wirtschaft, Wissenschaft

Ein neues Geflügeltes Wort macht die Runde. Die Republik raunt vom postfaktischen Zeitalter. Von Helgoland bis Mittenwald, von Usedom bis in den tiefsten Schwarzwald hinein – soll es nunmehr regieren, das neue Zeitalter.

Nach der Metaphysik, der Posthistoire, der Postmoderne und der Post-Post-Moderne hat sich, so begründet es die Kanzlerin, unser Zeitalter vom Faktum verabschiedet und feiert das Gefühl als das neue politische Wohlfühlklima. „Das soll wohl heißen, die Menschen interessieren sich nicht mehr für Fakten, sie folgen allein den Gefühlen,“ so Angela Merkel.

Der erste Postfaktiker war Diogenes von Sinope

Doch das Postfaktische ist keineswegs neu. Schon Diogenes in der Tonne lebte bar der Rationalität und der moralischen Konvention, ignorierte das Politische, wenn dies nun mal ein Faktum sei, und setzte auf das dionysische Element, dass sich bekanntlich konträr entgegengesetzt zum Apollinischen oder Vernünftigen positioniert. Bekannt ist seither die Anektode mit Alexander dem Großen. Als der Feldherr in die Stadt einzog, wo ihm die Menschenmasse huldigte, verweigerte sich der Philosoph und Kyniker den Unterwerfungs- und Huldigungsbezeugungen, worauf ihn der junge Weltenherrscher besuchte und einen Wunsch freistellte. Legendär wurde der Satz von Diogenes: „Geh mir ein wenig aus der Sonne.“ Alexander antwortete seinerseits: „Wäre ich nicht Alexander, wollte ich Diogenes sein.“ Friedrich Nietzsche erklärte dann das Dionysische zum Prinzip allen Lebens, zum eigentlichen Quell – nicht nur der künstlerischen Kreativität. Das Nicht-Faktische feierte seinen Siegeszug fortan in der Geschichte.

Doch bereits im Zeitalter der Logofizierung in der Frühen Neuzeit, wo die Ratio und Claritas eines Descartes uneingeschränkt regierten und das mechanistische Zeitalter der Physik auf seinem Zenit stand, warb Blaise Pascal für das, was den Verstand übersteigt und schlug sich auf die Seite der Liebe des Herzens. „Ein Tropfen Liebe ist mehr, als ein Ozean an Wille und Verstand.“

Schon die Romantiker waren Postfaktiker

Auch die deutschen Romantiker setzen nach Kants Pflichtenmoral und apodiktischem Verstandesgebrauch auf das Gefühl und die Mystik, auf den Traum und das Unerklärbare, das als Prinzip allen Seins zugrunde lag. Sigmund Freud hat darauf seine Psychoanalyse, eine ganze Wissenschaft, begründet.

Vom Faktum waren Novalis, Tieck und Hölderlin so weit entfernt wie die Universalpoesie der Gebrüder Schlegel vom Neoliberalismus. Und Friedrich Schiller, er setzte ganz und gar auf das „Spiel, auf den Spieltrieb, als die Synthese und als das anzustrebende Ideal zwischen Faktum und Nichtfaktischem. Seine Antipode Goethe hatte bekanntlich nichts für die Romantiker und ihre Gefühlsduselei übrig, er war als Wissenschaftler ein Faktenmensch, ein Empirist, der sogar nach dem Faktischen über allen Fakten, den Urbegriff, suchte, doch als junger Dichter feierte der Goethe des „Werther“ und des „Götz“ frenetisch das Gefühl. Und in der Gestalt des Ökonomen Adam Müller von Nitterdorf, der dem Kreis der Wiener Romantiker angehörte, wurde gar die Politik und mit ihr die Wirtschaft romantisch. In seiner Schrift „Elemente der Staatskunst“ plädierte er für das Ideal von einer gerechten Weltordnung, die vom ökonomischen Standpunkt gesehen, postfaktisch war.

Das eigentliche postfaktische Zeitalter bleibt die Postmoderne

Die Kunst des 20. Und 21. Jahrhunderts mit ihren Ikonen, mit Baselitz, Lüpertz, Richter, mit Koons, Warhol und Rauschenberg – sie alle zusammen waren Vertreter des Postfaktischen. Der französische Philosoph Jaques Derrida entwarf in seiner „Differance“-Schrift ein ganzes Programm gegen den Logozenrismus. Er begriff die Vernunft als Spur, als etwas, das sich permanent verändert und beliebig interpretierbar ist. Und Gilles Deleuze sah gar in der Vernunft, im Faktischen, ein Gespenst, das er auf den Ozean der Beliebigkeit hinaustrieb und nur noch von Rhizomen, von Verwurzelungen sprach, die durch eine einheitliche Struktur weder zu verfassen noch zu deuten seien, sondern im permanenten Spiel der zeitlichen und räumlichen Verschiebungen allein in ihrer Vorläufigkeit Sinn stiften könnten. Die Postmoderne gab dem Metaphysischen den Rest. Das eigentliche postfaktische Zeitalter ist die Postmoderne, denn es gibt weder in der Kunst noch in der Alltagswelt die Interpretation schlechthin, sondern nur Interpretationen, die zudem auch nicht den Anspruch auf eine Wahrheit an sich auf sich vereinen können. Die Stimme der Vernunft als das allein seligmachende Heilmittel hat sich an das Gefühl verabschiedet und bildet mit ihm ein Konglomerat und erschafft damit die Wirklichkeit neu. Dies aber nicht im Sinne der vernünftigen Einheitsstiftung, sondern als Differenz, die erst Einheit erschafft. Die Differenz liegt der Einheit somit immer schon uneinholbar voraus, das Faktum ist nicht die Ursache, sondern das Produkt.

Wer heute über das postfaktische Zeitalter spricht, als sei dieses ein neues Evangelium, hat zumindest eines nicht verstanden – die Geschichte, die ihrerseits bereits immer schon postfaktisch war.

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