Der Autor ist Jahrgang 1973, studierte Geisteswissenschaftliches in Mainz und New York und war von 1999 bis 2009 Redakteur beim endgültigen Satiremagazin „Titanic”. Gärtner schreibt neben dem monatlichen Politessay fürs Hausblatt Bücher, Kritiken, Glossen und Witze. Druckfrisch liegt vor: „Deutschlandmeise. Streifzüge durch ein wahnsinniges Land“. Gärtner ist seit 2010 Kolumnist bei „The European“.
Zuletzt aktualisiert am 22.02.2013Was am Volkskörper blutsaugt, soll man auch so nennen dürfen: Der Ton, den bürgerliche Debattenkulturbeauftragte in Sozialfragen anschlagen, würde ihnen vielleicht etwas weniger gefallen, wenn sie wüssten, woher er kommt.
„Das Schöne an Meinungsfreiheit ist, dass jede Meinung nur so lange gilt, bis man eine bessere liest.“
Stefan Gärtner
Und sie laufen und laufen und laufen: Mit allerhand Tricks und Unterstützung aus der Politik holt die Atomwirtschaft aus ihren Meilern, was nur eben geht – mit Versorgungssicherheit hat das nichts, mit Profitinteresse alles zu tun.
Freiheit das Ziel, Sieg das Panier: Wer von nationaler Freiheit spricht, trägt Mitschuld an jedem Opfer, das diese Freiheit kostet, im Kosovo oder wo immer.
Auch Volksentscheide ändern nichts daran, dass die herrschende Demokratie die Demokratie der Herrschenden ist; der Vorsprung aus Geld und Wissen ist uneinholbar, weil er sich in der Klassengesellschaft immer wieder reproduziert.
Frauen verdienen viel weniger als Männer – weil sie, so hat das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung herausgefunden, auch nicht mehr verdienen wollen. Selber schuld, Schwestern! Und also höchste Zeit, es mit der öden Geschlechterdebatte auch mal gut sein zu lassen – die Damen funktionieren schließlich nach Vorschrift.
Wenn's um die Bildung geht, ist es im christlich-abendländischen Bürgerdeutschland mit der Nächstenliebe vorbei: In Bayern hat ein Arbeiterkind eine siebenfach geringere Chance auf das Abitur, der Wissensvorsprung von 15-Jährigen aus der Oberschicht gegenüber Gleichaltrigen aus den unteren Schichten beträgt in Deutschland zwei Jahre. Wer das weiß und das Gymnasium trotzdem “geil” findet, führt genau den Klassenkampf, den es doch offiziell gar nicht gibt.