Dreihundert Todesopfer hat der strenge Winter bislang gefordert, und wieder mal sei festgestellt: Das stimmt nicht. Wenn in Europa ein Winter Todesopfer fordert, dann liegt das nicht am Winter, dann liegt das an Europa.
„Nach Jahren des Rückgangs hat die Zahl der Wohnungslosen zuletzt wieder stark zugenommen“, lese ich in der „Süddeutschen Zeitung“. „Erklärt wird das mit dem Anziehen der Mieten bei gleichzeitig steigender Armut der unteren Armutsgruppen“, also mit dem, was gemeinhin „Auswüchse des Kapitalismus“ genannt wird, aber doch bloß Kapitalismus im Alltagsbetrieb ist. Aber den wollen wir bekanntlich loben, denn was Besseres finden wir nirgendwo; also beeilt sich die „Süddeutsche“, ihren allerbesten Freund und Partner zwanzig Druckzeilen später, im haargenau selben „Aktuellen Lexikon“, zu entlasten: „Heute ist klar: Obdachlosigkeit ist oft die Folge psychischer Leiden“, wobei offen bleiben muss, wie oft denn „oft“ ist; oft genug hoffentlich, dass der geneigte Wohlstandsleser sich nicht zu Unrecht im Gefühl wiegt, dass es schon böse menschliche Schicksale gibt, da machst nix dran. Erst bekloppt und dann erfroren, schlimm.
22.000 Menschen leben in Deutschland auf der Straße
Laut der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAG W) leben 22.000 Menschen in Deutschland auf der Straße, 250.000 sind wohnungslos, also „ohne mietvertraglich abgesicherten Wohnraum“, weitere 100.000 akut von Wohnungslosigkeit bedroht. „Angesichts der wirtschafts- und finanzpolitischen sowie der sozialpolitischen Rahmenbedingungen werden sich die beschriebenen Trends weit über 2011 hinaus fortsetzen, sodass mit einer Fortsetzung des Anstiegs der Wohnungsnotfälle der Jahre 2009 und 2010 zu rechnen ist. Deshalb prognostiziert die BAG W einen Anstieg der Wohnungslosenzahlen um 10 bis 15 Prozent auf 270.000 bis 280.000 bis zum Jahr 2015.“ Ein gutes halbes Prozent ist hierzulande also im weiteren Sinne ohne Obdach oder zumindest davon bedroht.
Das bedeutet freilich, dass 99,5 Prozent über Wohnraum verfügen, und also wäre, von der statistischen Warte aus betrachtet, alles in guter Ordnung; aber 370.000 Menschen sind 370.000 Menschen (so viele Einwohner hat Wuppertal), und ein Leben im Behelfsheim ist keines, mit dem irgendeiner der 99,5 Prozent tauschen wollte; und was es heißt, ein Drittel oder die Hälfte des Familieneinkommens für die Miete aufzubringen, weiß man da auch. Wer hat, der hat, wer nichts hat, hat Pech: das gilt fürs Wohnen unter Marktbedingungen wie für alles andere, und wie stur konsequent der Kapitalismus da ist, zeigt das Phänomen, das unter dem Schlagwort Gentrifizierung Karriere gemacht hat. Arme Stadtquartiere werden erst von Studenten und Künstlern, dann von Gutverdienern in Beschlag genommen, die auf der Suche nach Buntheit und Atmosphäre sind, und die Mieten reagieren auf die steigende Nachfrage und steigen mit, und irgendwann ist es für die alteingesessenen Familien, Rentner und Kleinverdiener vorbei. Gegen Gentrifizierung sei praktisch nichts auszurichten, hat eine Fachfrau neulich eingestanden, und da hat sie recht, denn wo der Markt die Dinge regelt, da regelt die Dinge der Markt, auch wenn sich Wohlmeinende wie der Münchner OB Ude immer wieder für sozialverträgliche Wohnbaupolitik aus dem Fenster hängen. Was statt dessen passiert, kann man in der Hamburger Hafencity oder, in näherer Zukunft, über dem neuen Stuttgarter Hauptbahnhof besichtigen, wo die immer gleichen Investorenträume in Form von Designer-Wohnetagen Gestalt gewinnen. Die könnte sich der Sozialarbeiter, der ein paar Quartiere weiter dafür sorgt, dass die Abgehängten Ruhe halten, selbst dann nicht leisten, wenn er wollte.
Die Rechnung zahlen immer dieselben
Die Reichen werden reicher, die Armen ärmer, und alle, die sich die Illusion bewahrt haben, sie lebten in keiner Klassengesellschaft, sollten mal in die Metropolen fahren, wo in den neubürgerlichen Vierteln die Gutverdiener unter sich sind, ihre Kinder nur mit Gutverdienerkindern spielen und per Früherziehung auf ein Leben vorbereitet werden, das nur dann in einem schlechten Viertel stattfindet, wenn es eins zu gentrifizieren gibt. Die Gettoisierung der Städte ist, so will es der Markt, in vollem Gange, und für wen auch im Getto am Stadtrand kein Platz ist, der liegt, wenn es schlecht läuft, in der Fußgängerzone und zahlt den Preis dafür, dass der Markt für Arme-Leute-Wohnraum praktisch keiner ist und ein Staat, der mit den übrigen Kollateralschäden kapitalistischen Wirtschaftens schon genug zu tun hat, als Sozialwohnungsbauer ausfällt.
Denn das ist, wie man längst auch in Polen (62 Kältetote), Tschechien (18) und der Ukraine (135) weiß, Kapitalismus: Die Rechnung kommt bestimmt, und es sind immer dieselben, die sie zahlen.



















Das ist nun wirklich hanebüchener Unsinn. Obdachlosigkeit ist in unserem Land keine Frage der Armut, sondern eine weitaus komplexere Problematik. Haben Sie sich jemals länger mit einem Obdachlosen unterhalten? Offensichtlich nicht. Dann stellen Sie sich doch bitte mal wenigstens selbst die Frage, wieso die von Obdachlosigkeit betroffenen Menschen nicht zum Sozialamt gehen und Ihr Recht auf staatliche Unterstützung incl. einer beheizten Wohnung einfordern. Offenbar übersteigt die Erkenntnis, dass nicht alles Elend auf dieser Welt der Marktwirtschaft geschuldet ist, Ihren engen Horizont. Das schreibt Ihnen jemand, der ehrenamtlich obdachlosen Menschen dabei hilft, mit Unterstützung der Ämter eine Bleibe zu finden, was fast immer gelingt, wenn die Betroffenen dies auch wünschen. Gehen Sie doch einfach mal raus und tun Sie was für andere Menschen. Das würde helfen. Ihr journalistischer Missbrauch des Elends Obdachloser zur Untermauerung Ihrer weltfremden Klassenkampfideologie ist hingegen schlichtweg widerwärtig.
… und wer in Deutschland arbeitslos ist ist nur zu faul zum Arbeiten? LOL, ich dachte diese Sichweisen hätten wir 1945 hinter uns gelassen.
Ein bisschen mehr Sachlichkeit wäre schon angebracht. Es soll ja Menschen geben, die dieses System noch immer nicht verstehen, wollen oder können? Fakt ist, wenn man keine Wohnung hat, also nirgendwo gemeldet ist. Dann sieht der Kreislauf so aus, erst Arbeitslos dann Wohnungslos. Dann gibt es auch kein Girokonto mehr usw. Haben Sie schon einmal als Wohnungsloser, sich alleine im Amt gehör zu verschaffen? Keine Melde Adresse, keine Papiere etc.? Auf der Strasse der Willkür von Menschen ausgesetzt, angespuckt und als Penner bezeichnet? Auf Behörden wird man auch nicht gerade, als Mensch wahrgenommen? Das viele nicht auf das “berüchtigte Amt” gehen wollen, wo sie sich demütigen lassen müssen und dergleichen mehr. Die welche sich Hilfe holen, wie bei Ihnen , sind allerdings schon einen Schritt weiter. Obdachlosen Zeitungen verkaufen kann ein Anfang sein, aber wie viele Menschen von denen sind Sie begegnet? Wie vielen konnten Sie wirklich helfen? Ganz nebenbei kommen auch oftmals Alkohol und Drogen und Krankheiten dazu, welche jedenfalls in Berlin, fast ausschließlich nur noch von Ehrenamtlichen gemacht wird. Im übrigen gehen Sie einmal in die USA alleine 50 Millionen Menschen ohne Krankenversicherung, dies wird uns in Europa auch noch bevor stehen, wenn es Menschen wie Sie, es noch beschönigen wollen. Ihr Ehrenamt in allen Ehren, aber man sollte vor den Realitäten nicht ganz die Augen verschließen. Dieses System, kann nicht so gut sein, wie Sie es hier darstellen, sonst hätten wir nicht immer mehr Menschen, welche immer Ärmer werden und die Reichen immer reicher. Mit relativieren und beschönigen hilft in der Sache wenig und ist auch nicht zielführend.
Als jemand,der mit den Worten:“Gehen Sie arbeiten” vor einigen Jahren (wohnungs+mittellos)aus einem Sozialamt im ländlichen Bereich hinausgebeten wurde,bezweifle ich ihre Aussage. Schönfärberisch schreiben Sie von Ihrer angeblichen ehrenamtlichen Tätigkeit,bei der es “fast immer” gelingt,den Betroffenen zu helfen.Wie sieht dieses fast immer aus?10,30oder50 Prozent?Angesichts der vielfältigen bundesweiten Hilfsprojekte müssen dann ja ständig Wohnungslose “nachwachsen”,zumal die Dunkelziffer wesentlich höher liegen dürfte.Also auch kein Argument gegen den Inhalt des Artikels.Nichts gegen ihr Engagement,so es denn tatsächlich existiert,aber das,was Sie als “Bleibe finden” bezeichnen,wird meist ein Schlafplatz in einer Einrichtung/Asyl sein,und kein eigenes Zimmer oder eigene Wohnung.Wer Monate,oftmals Jahre “platte” gemacht hat,kommt in solchen Einrichtungen nicht klar (und auch kein “normal” sozialisierter Mensch würde es da länger als eine Nacht aushalten),oft ist auch noch eine Alkohol/Drogen-Problematik latent vorhanden.Aber Sie wollten vermutlich ohnehin nur die “weltfremde Klassenkampfideologie” bei anderen bekritteln,damit Sie sich in ihrer eigenen weltfremden heilen Welt des Turbokapitalismus und Gutmeschentums zufrieden zurücklehnen können.
Ein Obdachloser berichtet – von wegen es hat nichts mit Armut zu tun.
http://www.youtube.com/watch?feature=player_detailpage&v=7EqGx5TVHzo#t=44s
Sie wollen es offenbar nicht kapieren. Das Sozialamt ist in Deutschland dazu verpflichtet, eine Wohnung zu bezahlen und ich spreche hier nicht von Obdachlosenunterkünften (Was bitteschön soll denn eigentlich eine “latente Alkohol/Drogenproblematik” sein, vielleicht können Sie als “normal sozialisierter” Mensch darüber näher Auskunft geben). Natürlich “wachsen” ständig Wohnungslose nach, um hier in Ihrer überheblichen und menschenverachtenden Diktion zu bleiben. Das hat aber nichts mit “Turbokapitalismus” zu tun, sondern mit individuellen Schicksalen, die es in jeder Gesellschaft gibt. Der Unterschied ist, dass es in unserer Gesellschaft Hilfen gibt. Doch dafür sind Sie offenbar blind, wie Ihre verbitterten Unterstellungen bzgl. meiner Tätigkeit zeigen. Aber es sit ja auch äußerst bequem, wenn immer nur “das System” an allem Schuld ist, und nie man selber.
Zu: Das Sozialamt muss eine Wohnung bezahlen……
In Ballungszentren, wo die Mieten immer hoeher steigen gibt es kaum noch bezahlbare Unterkuenfte. An verarmte Hartz4-Empfaenger will schon lange keiner mehr freiwillig vermieten wenn er auch nen Stundenten haben kann….
Die Wohnkosten (mit NK) verschlingen ja schon das Meiste der heutigen Niedrigloehne.Nur 30 % statistisch gesehn, aber das stimmt hinten und vorne nicht….Ich kaempfe jeden Monat um meine Miete bezahlen zu koennen und ich kann verstehen, wenn Alleinstehende irgendwann aufgeben im Hamsterrad zu laufen…und hoffen dass sie zwischen Strassenkaelte und Alkohol bald das zeitliche segnen….In Deutschland stehen Immobilien reihenweise leer und verfallen…..Waehrend andere kein Zuhause haben…..Soviel zu unserem Sozialstaat….Nicht urteilen, wenn man selbst nie in der Situation war….denn es kann heute Jeden treffen….
“Ihr Name…” hat Recht, hier in DD bspw. hat sich die Stadt zur Maxime erkoren alle Obdachlose unterzubringen. Trotzdem gibt es Leute, die draußen schlafen weil sie es wollen, oder weil sie aufgrund von Vollsuff nicht mehr ins ÜWH finden.
Die Sozialromantiker, die hier ihre ahnungslosen Thesen streuen wollen einfach nicht wahrhaben, was Freiheit ist: so zu leben, wie man will und wenn’s auf der Parkbank oder in einer Messiwohnung ist. Aber da müßt ihr durch Leute, oder wollt ihr etwa die Menschen zwingen in Wohnungen zu leben?