Meine erste Reaktion, als ich den Titelseiten-Teaser der „Süddeutschen“ von gestern las: „Ingo Schulze: Es ist Zeit, den Mund aufzumachen“, war: Im Gegenteil, es ist Zeit, die Klappe zu halten, jedenfalls wenn es (wie ich sogleich annahm) um neudemokratischen Selbstermächtigungsfirlefanz (Occupy) geht. Ging es freilich auch, wenn auch bloß implizit, denn Schulze, Autor der „Simple Storys“, ist ja einer von den Guten, die aus ihrer Ratlosigkeit auch mal keinen Hehl machen: „Seit etwa drei Jahren habe ich keinen Artikel mehr geschrieben, denn ich weiß nicht mehr, was ich noch schreiben soll.
Europa unter die Knute kriegen
Es ist alles so offensichtlich: die Abschaffung der Demokratie, die zunehmende soziale und ökonomische Polarisation in Arm und Reich, der Ruin des Sozialstaates, die Privatisierung und Ökonomisierung aller Lebensbereiche (der Bildung, der Gesundheit, des öffentlichen Verkehrssystems usw.), die Blindheit für den Rechtsextremismus, das Geschwafel der Medien (…) Ich kann nur den Gemeinplatz wiederholen: Die Gewinne werden privatisiert, die Verluste sozialisiert (…) Wenn man Tag für Tag den Wahnsinn als Selbstverständlichkeit aufgetischt bekommt, ist es nur eine Frage der Zeit, bis man sich selbst für krank und abnorm hält“ – das stimmt freilich nicht, denn der Wahnsinn, den Schulze im Folgenden so korrekt beschreibt, ist zu eklatant, als dass man sich selbst nicht für gesund halten müsste:
Dass Schwimmhallen geschlossen werden und Banken, denen Schwimmhallen so egal sind wie Kindergärten und Altersheime, gerettet; dass die Kommunen, weil die Gewerbesteuer über die Jahre halbiert worden ist, pleite sind, trotz stetig steigenden Bruttoinlandsprodukts; dass sich schon gar niemand mehr über Merkels Wort von der „marktkonformen Demokratie“ aufgeregt hat; dass die Wachstumsideologie, bei jeder Krise gebetsmühlengleich infrage gestellt, nach den üblichen Lamenti sofort wieder fröhliche Urständ’ feiert; dass die Deutschen Europa, nach zwei erfolglosen Versuchen mit dem Panzer, jetzt mit dem Euro (und den Mitteln, ihn zu retten) unter die Knute kriegen.
Alles richtig; und die Lösung? Simple story: „Demokratie wäre, wenn die Politik durch Steuern, Gesetze und Kontrollen in die bestehende Wirtschaftsstruktur eingriffe und die Akteure an den Märkten, vor allem an den Finanzmärkten, in Bahnen zwänge, die mit den Interessen des Gemeinwesens vereinbar sind. Es geht um die einfachen Fragen: Wem nutzt es? Wer verdient daran? Ist das gut für unser Gemeinwesen?“
Omnibus wäre, wenn meine Oma Räder hätte, und in genau der Zeitung, die Schulze eine Dreiviertel-Feuilletontitelseite fürs Nachdenken über Demokra T. freigeräumt hat, herrscht die Überzeugung vor, die Rente mit 67 sei ebenso gut für unser Gemeinwesen wie der Minijob und der Wettbewerb. Ein Eingriff in die Wirtschaftsstruktur, der die Akteure dazu zwänge, so zu handeln, dass es mit den Interessen des Gemeinwesens vereinbar ist, müsste jedenfalls tiefer sein, als es Schulze (und der „SZ“) vorschwebt: Von einem Apfelbaum kann man keine Birnen ernten, und das repräsentativ-parlamentarische System freier „sozialer“ Marktwirtschaft mag besser sein als viele andere, aber es wird nie eines werden, in dem nicht die Banken und Konzerne den Ton angeben. (Von Gremliza stammt die Beobachtung, dass in sechzig Jahren BRD kein einziges Gesetz den Bundestag verlassen habe, das sich gegen die Interessen der Deutschen Bank gerichtet hätte.) Und weil das so ist, weil man den Pelz nämlich nass machen müsste, um ihn sauber zu kriegen, rutscht der prima Schriftsteller Schulze, der, in der DDR geboren und aufgewachsen, die Konsequenz, die private Verfügung über die Produktionsmittel jedenfalls in der Großwirtschaft zu beseitigen, nicht denken mag, in die garantiert folgenlose Predigt vom schlechten Kapitalismus, der durch einen guten, moralischen abzulösen wäre. In den Fernsehnachrichten geht derweil alles seinen Gang.
Kapitalismus ist nicht reformierbar
„Eingesperrte möchten verzweifelt heraus“, heißt es in Adornos spätem Aufsatz „Resignation“. „In solchen Situationen denkt man nicht mehr, oder unter fiktiven Voraussetzungen.“ Kein Zufall, dass die „SZ“-Redaktion Schulzes Philippika mit einem Foto jener Bewegung garniert hat, deren Lebensgrund die fiktive Voraussetzung ist, der Kapitalismus sei reformierbar, vielleicht sogar durch Straßenprotest bzw. das, was Adorno „Pseudo-Aktivität“ und „Theater“ nennt. „Einen Ausweg könnte einzig Denken finden, und zwar eines, dem nicht vorgeschrieben wird, was herauskommen soll“, nämlich dass alles im Prinzip so bleibe, nur besser, irgendwie – dass dieses unvoreingenommene Denken nicht (mehr) versucht wird, dass selbst aufgeklärte Intellektuelle, die wissen, was falsch ist, über einen Kapitalismus light nicht hinausdenken wollen oder können: darüber wäre zu reden. Nicht über dieses Pferd, das man nicht mehr zu satteln braucht, weil es tot ist.




















War’s nötig, auf diesen SZ-Artikel von Schulze zu reagieren, diesen ca. 155.000. Versuch, den Kapitalismus mit großem Schwung sowohl zu kritisieren und als auch ungeschoren zu lassen?
Oder hätte man Schulze nicht noch stärker darauf hinweisen müssen, dass die von ihm beklagte “Selbstentmachtung des Gemeinwesens”, nicht erst “über kurz oder lang” nach dem Zusammenbruch des Ostblocks begann, sondern gleich 1989, als die friedlichen Revolutionäre durch die Straßen zogen, u.a. auch mit Schulze, der sich in seiner Vorstellung in der Darmstädter Akademie (http://www.ingoschulze.com/text_vorstellung_darmstadt.html) als “fast ein Berufsrevolutionär” bezeichnet?
Aber egal. “Wer ‘’ne Bude auf’’m Markt hat, muß eben schreien” (Arno Schmidt) und auch Schulze muss gelegentlich an sich erinnern. Wär halt nur schön, wenn’s etwas origineller geriete und nicht immer nur auf diesem elend lauen Julizehniveau verharrte.
http://ef-magazin.de/2012/01/17/3370-kritik-kapitalismus-braucht-keine-vulgaeranalyse
Eine eindeutig wesentlich klügere Replik auf den sagenhaft dämlichen Artikel von Ingo Schulze als die obige!