Dem Schiedsrichter zu widersprechen, das ist, wie wenn man in der Kirche aufsteht und eine Diskussion verlangt. Dieter Hildebrandt

Zum Fremdschämen

Gegen die moralstarke Skandalmaschine, die sich an sich selbst berauscht, hat Christian Wulff keine Chance. Ein guter Grund zu hoffen, dass er bleibt.

Unsere Hündin ist schon alt, und trotzdem hat sie die Nase immer wieder im Gebüsch, darunter einen alten Döner oder eine Pommestüte von vorgestern hervorzuziehen: ein gefundenes Fressen weckt die Instinkte. Und solange das noch geht, machen wir uns um die Kleine, auch wenn sie täglich krummer wird (und ihren Kopf neuerdings zwischen die Rippen des Heizkörpers steckt, weil das so schön warm ist), keine Sorgen.

Die vierte Gewalt steht voll im Saft

Für den politischen Journalismus in Deutschland gilt dasselbe. Solange er noch die Kraft und die Übersicht hat, in dem Versuch eines weitgehend machtlosen Bundespräsidenten, einen der mächtigsten Männer des Landes, den „Bild“-Chef Diekmann, per Drohanruf von der Veröffentlichung eines unliebsamen Artikels abzuhalten, nicht eine amüsante Groteske, sondern eine unerhörte Beschädigung der Pressefreiheit zu sehen – einer Freiheit, die sich z.B. am 5. des Monats in „Bild“-Schlagzeilen wie „Sinead O’Connor: Liebescomeback“, „Zerstückelte Leiche: Hat der Killer auch ihn zersägt?“ oder „Freier Vergewaltiger ermordet Nachbarin“ manifestierte –, solange steht die vierte Gewalt noch voll im Saft.

Man möchte meinen, Angela Merkel habe den Taliban das Passwort fürs Bundeshaushaltskonto verraten oder Dirk Niebel seine minderjährige, nicht angemeldete Putzfrau geschwängert: Im unendlichen Gezeter um einen Präsidenten, der beim Poussieren mit den Schönen und Reichen die Übersicht verloren hat, hält sich eine Skandalmaschine selbst am Laufen. Ein „Waterloo“ fürs öffentlich-rechtliche Fernsehen erkannten selbst die gemeinhin zurückhaltenden „FAZ“-Beauftragten Hanfeld und Löwenstein, nachdem die Vorsitzenden der Berliner Studios von ARD und ZDF es im Fernsehinterview mit Wulff versäumt hatten, den Delinquenten zu ohrfeigen und mit heißem Pech zu übergießen, und minutiös rekonstruierten die Frankfurter Allgemeinen Journalisten ein Fernsehgespräch, von dem ja bloß die allernaivsten Esel hatten erwarten dürfen, es werde anders laufen, als es gelaufen ist. Die viel grundsätzlichere Frage, warum ein Bundespräsident, der was mitzuteilen hat, bloß zu pfeifen braucht, und der Funk, der darauf besteht, kein Staatsfunk zu sein, springt, wurde immerhin gestreift.

Der ganze Unsinn implodiert

„Kleinlaut“ und „ratlos“ seien sie gewesen, die Kollegen Deppendorf (ARD) und Schausten (ZDF). Das mag damit zu tun gehabt haben, dass die zwei vielleicht ahnten, dass der Skandal, dem man hier so selbstbewusst auf der Spur war, ein viel kleinerer sei, als das Gehupe um „die Würde des Amtes“, die präsidiale „Integrität“ und was der hochmoralischen Anwürfe von Leuten, die ihre Bahncard zum halben Pressepreis beziehen, mehr waren, suggerierte; aber den Experten fürs Unreine muss alles unrein scheinen, damit man den Quark noch eine Weile treten kann. Bevor man sich nämlich wieder mit Gottschalks neuer Show beschäftigen muss.

Der ganze Unsinn implodierte sichtlich, als Wulff auf die Frage, warum er seine Urlaube bei seinem Freund Maschmeyer nicht bezahlt habe, von Bettina Schausten wissen wollte, ob sie nach Übernachtungen bei Freunden pro Nacht 150 Euro hinterlasse, und Schausten, damit die Show auch weitergehe, reflexhaft log: Ja.

„Wer hier den Rubikon überschritten hat, von dem auf der Mailbox die Rede ist, ist eigentlich keine Frage mehr“ – nämlich Wulff, der die Freiheit der Presse bedroht, aus einer Schnake jederzeit einen Elefanten zu machen. „Zum Fremdschämen, Bundespräsidenten-Azubi, Osnabrücker Puppentheater: Die Medienreaktionen auf Christian Wulffs Fernseh-Interview fallen katastrophal aus“ (Süddeutsche.de). Überraschung. Im Direktvergleich mit solch blinder, sich an sich selbst berauschender Gratisempörung macht der Durchstecher von Schloss Bellevue allerdings eine direkt seriöse Figur.

Leserbriefe

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    thomas ex gotha – 06.01.2012 - 12:28

    Jetzt ist es also schon so weit gekommen, dass ein Präsident, der sich bislang im trüben Glanz der yellow press wie “Bunte” sonnt und im Maschmeyerkielwasser mitschwamm, direkt sympathisch wirkt – verglichen jedenfalls mit Kai Diekmann, der das hohe Gut der Pressefreiheit gleich zu Beginn des neuen Jahres mit der Schlagzeile “Baggerfahrer böllert sich tot” verteidigte, bei der ein Foto des Toten nicht fehlen durfte, wohl um seinen Angehörigen den Schmerz erträglicher zu machen, hatte er es doch ganz zum Schluss noch in die Zeitung geschafft.
    Ein italienischer Bekannter fragte mich einmal ungläubig, wie man es in einem Land aushalten könne, in dem tagtäglich die Bild-Zeitung erscheine. Man kann es im Grunde nicht, und es wäre schon viel erreicht, wenn diese Zeitung nicht mehr öffentlich verkauft werden dürfte, die nach dem Aufbau Guttenbergs nun mit der Demontage Wulffs einen zweiten Versuch unternimmt, gezielt in die Politik des Landes einzugreifen. Leider hat Christian Wulff nicht die Größe und die charakterliche Stärke, den Kampf mit der “Bild” zu bestehen.

  • Theeuropean-placeholder
    P. Feldmann – 06.01.2012 - 22:21

    @thomas ex gotha
    Den Kampf mit einer Journaille wie der Bild können Sie nicht bestehen,- jedenfalls nicht als Einzelner. Hinter dem Konstrukt dieser Zeitung stehen anthropologische Stereotype wie: a) es geht X schlecht, ich habe meine Freude daran, b) Y tut etwas sehr Schlimmes, ich erkenne das und bin dadurch viel besser als Y, c) da ich all das Schlimme sehe außerhalb von mir, kann es nichts Schlimmes geben innerhalb von mir. Was heißt: die Anderen sind schuld, ich habe keine Verantwortung. d) die Welt ist schlecht, ich, der ich es durchblicke, bin der einzig Gute. Von daher, ganz ohne Sarkasmus, zeichnet Bild wirklich als Achse des Guten. (gültig für das klein schizoide MAß des Normalen)

    Dass die Methoden der Bild üblicherweise sowohl am Bild des Guten als auch an der Achtung vor der Demokratie und der Würde des Menschen zweifeln lassen, – eine kleine Petitesse, die durch das hehere reine Ziel der Auflagensteigerung mehr als ausgebügelt wird.

    Übel für die Demokratie ist, dass all die niederen Reflexe, auf die die Bild rekurriert, um sich der Meute anzubiedern, eben dazu dienen, dass man den Wert der Demokratie nicht mehr erkennen mag.
    Die vordergründige Huldigung des Demos speist sich aus einer Verächtlichmachung des MEnschen und geilt sich auf, demokratische Führer zu erschaffen (oder zu vernichten- wie es halt der eigenen Willkür gefällt). Ein NArr, wer hier an Freiheit und Moral glaubt.
    Wer Wulff den Vorwurf macht, dass er (wie bei Politikern aller Couleur üblich!) gute Miene zur Bild macht, der muss dem Volk vorwerfen, dass er dieser Niedertracht diese MAcht gibt.
    Wer das tut, aber nur wer das tut, der hat vllt. das Recht, Herrn Wulff etwas von dem vorzuwerfen, um das es derzeit gehen könnte.

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    thomas ex gotha – 06.01.2012 - 12:30

    Korrektur:
    in Zeile 3 muss es “sonnte” heißen…

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    DerBayer – 06.01.2012 - 21:05

    Dass BILD ein (vielleicht auch nicht ganz ungefährliches?) Käseblatt ist, ändert nichts daran, dass Christian Wulff mit seinem Anruf bei Kai Diekmann nicht nur einen unverzeihlichen Fehler, sondern sehr wahrscheinlich auch den Versuch der Rechtsbeugung gemacht hat. Ein “Unsinn” hebt den Anderen nicht auf!

    Im Übrigen sollte sich “Ihr Italiener” nicht über die deutsche BILD aufregen, solange es in Italien mindestens eine Hand voll ähnlicher Blätter aus dem Hause Berlusconi gibt, in Österreiche die “Kronen” und in der Schweiz die “Blick” etc. Und wenn Sie über den großen Teich in die USA schauen, werden sie unter FOX-TV einen landesweiten TV-Sender erleben, der noch um Vieles extremer und schlimmer ist, als “unsere” BILD (die ich in keiner Weise verteidigen möchte!).

    Also lassen Sie den Blödsinn, mit dem teils berechtigten Herumhacken auf BILD die Versäumnisse von Christian Wulff zu verniedlichen, oder gar zu rechtfertigen.

  • Theeuropean-placeholder
    P. Feldmann – 06.01.2012 - 14:51

    Lieber Stefan Gärtner,
    danke für diesen erlösenden Artikel.
    In dieser sogen.Affäre hat allerlei Schaden genommen. Am Wenigsten allerdings der Bundespräsident.
    Mein Verhältnis zu den Verdummungsmechanismen der medialen Meute ist mehr als getrübt: für diese Art der Pressefreiheit würde ich noch nicht mal den Abzug unserer Toilette betätigen, sondern sie in der Kloschüssel stil vor sich hin rotten lassen.

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    Habnix – 06.01.2012 - 16:42

    Eine Presse die nur dann ihr Freiheit erkennt,wenn es gewünscht ist,ist keine Pressefreiheit.

    http://www.ginsterburg.de/t72f4-Die-wahre-Revolution-ist-die-Selbstversorgung.html

    Wirtschaft ist Krieg im Frieden,erst wird der Konkurrent und der mögliche Konkurrent(Arbeitnehmer) bekämpft und falls das Ziel erreicht und es nichts mehr zu Gewinnen gibt,folgt der Satz “Krieg ist die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln”

    M.f.G

    Habnix

  • Theeuropean-placeholder
    Clemens W. – 07.01.2012 - 13:51

    Ihr Artikel ist leider genauso undifferenziert wie die Hetzjagd, die sie den Medien unterstellen. Fakt ist, dass unser werter Herr Bundespräsident versucht hat, die Kreditbeziehung zu vertuschen. Die gewährte Gastfreundschaft für lau durch Maschmeier und Co. stellen für sich sicherlich keinen Rücktrittsgrund dar, hinterlassen aber einen zusätzlich einen sehr faden Beigeschmack. Welche Aufgabe soll denn das Amt des Bundespräsidenten erfüllen? Die Repräsentation der Menschen und ihrer Werte! Wenn man schon an diesem (kostenträchtigen) Amt festhält, dann sollten auch entsprechend hohe Ansprüche an die moralische Integrität des Amtsinhabers gestellt werden. Und diese erfüllt Herr Wulff mitnichten! Wenn er Respekt vor dem Amt, den Bürgern als auch seinen damaligen Ansprüchen an den Amtsträger hätte, würde er jetzt den einzig sinnvollen und logischen Schritt gehen. Vielmehr habe ich aber den Eindruck, dass werter Herr Wulff seiner Gattin einen edlen Lebensstil bieten möchte. Und dafür bin ich nicht bereit Steuern zu zahlen!!!

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