Internationale Adoption ist ein Produkt des Zweiten Weltkriegs. Tara Zahra

Sie gehn mit der Konjunktur

Jedes Ding hat zwei Seiten. Auch 2012 wird guter Journalismus beide beleuchten; und zwar immer abwechselnd, damit uns nicht langweilig wird.

Das Schöne am Journalismus ist, dass er sich so leicht versendet, wie die Fernseh- und Radiomenschen sagen, und dass sich die geneigte Leserschaft an die meinungsstarken Krämpf’, die unsere Zeitungen täglich vollmachen, nur in Ausnahmefällen noch erinnern.

Was waren die sogenannten Wutbürger, die Stuttgarter zumal, doch ein Fressen für den Qualitätsjournalismus, der sich erst nicht genug in Analysen von Demokratiedefiziten, gerechter Bürgerbeteiligung und gelebter Volksherrschaft ergehen konnte, nach ein paar Wochen (als es langweilig zu werden begann) den Spieß aber einfach umdrehte und wider Fortschrittsfeinde und Querulanten blökte, die „unseren Kindern den Weg in das ökologische Zeitalter und eine neue Moderne“ verbauen (G. Matzig, „SZ-Magazin“), eine Moderne nämlich, die ohne eine Schnellbahnstrecke nach Ulm nicht zu denken ist; und jetzt, anlässlich des Frankfurter Protests gegen die lärmige neue Startbahn, steht wieder der Mensch im Mittelpunkt, es ist zu schön: „Für die heutigen Regierenden war der Flughafen immer nur der ,Jobmotor‘ … Jetzt ist der Zorn der Anwohner unüberhörbar geworden. Jetzt erleben sie den Lärm jeden Morgen von fünf Uhr an – viel schlimmer, als sie es sich vorgestellt haben, betrogen auch von einigen Kommunen, die in den Anflugschneisen noch Häuser errichten ließen. Die Bürger fühlen sich enteignet, weil ganze Stadtteile für lärmsensible Menschen unbewohnbar geworden sind. Jetzt wird klar, dass die vierte Bahn an der falschen Stelle betoniert wurde.“ („Süddeutsche Zeitung“, 20.12.)

Die Ruhe ist gestört

So. Sind das jetzt ebenfalls „Wutbürger“? Also jene, denen die Kollegen letzthin so hingebungsvoll Etiketten wie Nervensäge und Spießer angeklebt haben, mit Unterstützung sogar des eigentlich immer klugen Politikwissenschaftlers Walter? „Die umtriebigen Wortführer gegen Flughafenausbau, Windräder und Oberleitungen – ins Auge fällt der durchweg reaktive, bestandsverteidigende Wesenszug der bürgerlichen Auflehnung – sind in bemerkenswert großem Umfang (von über 90 Prozent) Grundstückseigentümer und Hausbesitzer. Sehr prosaisch formuliert: Die Immobilienwerte stehen auf dem Spiel, wenn Stromleitungen und Windräder in einem bis dahin beschaulichen Kurort den Blick auf eine Caspar-David-Friedrich-Landschaft verstellen, wenn Flugzeuge die Ruhe der Anwohner empfindlich zu stören drohen.“ Aber auch der sogenannte kleine Mann ist ja mitunter Hausbesitzer (lies: Bewohner eines Hauses, das zum kleineren Teil ihm, zum größeren Teil der Bank gehört) und hat also denselben Anspruch, dass einmal auf die Zahlen gesehen werde (nämlich auf die Dezibel, den Blutdruck und den Wert eines Hauses, das als Altersvorsorge gedacht war), wie die Herrschaften, die, weil ihnen die Zahlen über alles gehen, Startbahnen immer an die richtigen, nämlich möglichst weit vom eigenen Swimming Pool entfernten Stellen betonieren.

Das heißt nun nicht, dass man die im ablaufenden Jahr so omnipräsenten Wutbürger pauschal als Helden der Demokratie feiern müsste* – Protest ohne reale Aussicht auf Erfolg kippt, wie in Stuttgart, schnell in Folklore um –; das heißt bloß, dass wir auch 2012 mit einem Journalismus werden leben müssen, der, wenn er denkt, am liebsten konjunkturell denkt und sich heute nicht mehr um sein Geschwätz von gestern kümmert. Denn dass Deutschland, wie ich eben im Online-„Spiegel“ lese, zum Billiglohnland verkomme, in dem nicht nur ostdeutsche Friseurinnen, sondern auch westdeutsche Bäcker mit weniger als acht Stundeneuro auszukommen haben, hat der Print-„Spiegel“, wenn mich nicht alles täuscht, 15 Jahre lang ausdauernd als reformerische Notwendigkeit bekräht; und jetzt haben die Bäcker, Friseure und alle, die von ihren Löhnen nur eben so durch den Monat kommen (und an Rente nix zu erwarten haben), nicht nur den Schaden, sondern auch noch die Spottgeburt einer Presse auszuhalten, die das, was sie selbst angerichtet hat, noch als Skandal verkauft.

Sie müssen nicht lesen

Wäre es nicht einen Vorsatz wert, die Lektüre gewisser Presserzeugnisse einfach einzustellen? Versuchsweise? Ich muss das lesen; Sie müssen es nicht.

*
Obwohl ich meine Einschätzung, ein Milliardenbahnhof sei solange abzulehnen, wie die einfachsten Dinge nicht funktionieren, hier gerne wiederhole. Düsseldorf-Benrath, S-Bahnhof: zwei Fahrkartenautomaten, der erste ist tot, der zweite weiß mit meiner Kreditkarte nichts anzufangen und rückt die ersatzweise dargebotene EC-Karte erst wieder raus, als mein Zug davongefahren ist. Die nächste und die übernächste Verbindung sind dann leider Express (was mir zeitlich keinen Vorteil verschafft, weil ich in die Provinz muss) und kosten das Zweieinhalbfache. Die 25 Euro Schaden, die mir arglosem Bahnkunden entstanden sind, mag Herr Grube bitte dem Kinderhilfswerk oder einer anderen gemeinnützigen Organisation überweisen.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Stefan Gärtner: Zum ewigen Kriege

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