Wie man es macht, wusste Mutti, macht man’s verkehrt. Und raus aus seiner Haut kann man auch nie.
Die Seite drei der „Süddeutschen Zeitung“ vom Mittwoch schlug ich sofort auf, obwohl ich, wie vielleicht erinnerlich, an dieser Stelle geschworen hatte, mich aus Schul- und Bildungsfragen fürs Erste herauszuhalten. Aber wenn der Titel-Teaser einen Bericht über „Vorbildliche Schulen in Deutschland“ ankündigt, dann sitze ich und kann nicht anders. Wozu bin ich schließlich das, was Chlodwig Poth einen „Berufsärgerer“ genannt hat.
Erleichtert, weil es einmal nicht um die Elite geht
Ich bin erleichtert. Es geht nicht um die neuesten Leistungsförderideen für die Spitzentopelite, sondern darum, aus Schulversagern Kinder zu machen, die gerne lernen, darum, einen Kontrapunkt zu setzen zum blinden Leistungsfetischismus. Es geht, tatsächlich, um Gesamtschulen, in denen vor der achten Klasse nicht benotet wird, um integrierte Klassen, wo man lernt, dass es neben Wettbewerb so etwas wie Solidarität gibt, um kleine Lerngruppen und „jede Menge Musik- und Theaterangebote. Die Last des Lernens soll möglichst gering sein, die Freude an der Schule umso größer. Wer Angst hat, kann nicht gut lernen, davon sind sie an dieser Schule überzeugt.“ Und am Ende steht sogar ein Abitur, das nicht schlechter ist als eins vom Band. Prima.
Einerseits. Anderseits merke ich, wie sich der alte Affe Dialektik in mir meldet und sich fragt, ob das nicht auch schon wieder falsch ist; oder wenigstens weniger richtig, als es den Anschein hat. Magnus Klaue hat sich in „konkret“ neulich die „Infantilisierung der Studenten“ vorgeknöpft, die den Bologna-Reformen habituell längst entgegenkämen und mit dem alten Ideal freier akademischer Selbstausbildung schon gar nichts mehr anfangen könnten: „Die Universität wird nicht mehr als ein Gegenort zu Schule und Elternhaus wahrgenommen, der zwar ebenfalls jede Menge Frustrationen bereithält, aber demjenigen, dem daran gelegen ist, doch die Möglichkeit eröffnet, der infantilen Fixierung auf Eltern und Lehrer (…) zu entrinnen. Im Gegenteil wird sie zur bloßen Verlängerung der Schule, auf deren schützende Autorität man sich zwar nicht mehr verlassen kann, deren Erbe man aber bis ins reife Alter mitschleppt. Seither häufen sich die Fälle, in denen die Eltern schlecht benoteter Studenten, oft durch diese überhaupt erst dazu animiert, bei Dozenten und Hochschullehrern vorstellig werden, um sich über die vermeintlich ungerechte Beurteilung zu beschweren.“
Was das nun mit den vorbildlichen Gesamtschulen zu tun hat? Immerhin so viel, dass Entwicklung ohne Widerstand nicht gelingen kann. Angstfrei lernen, wunderbar. Aber was, wenn es keinen Sinn hätte, sich über den gewalttätigen Charakter gegenwärtiger Gesellschaft mittels Notenfreiheit, Kleingruppen, Zirkuskursen und „Schüler-Logbüchern“ hinwegzumogeln? Was, wenn das reaktionär-polemische Wort von der „Kuschelpädagogik“ eine Wahrheit hätte darin, dass jene dem Nachwuchs Verhältnisse vorspielte, in denen es auf Leistung, Einordnung und Unterwerfung nicht ankomme, und, ganz gegen die Absicht, kein freies, emanzipiertes Bewusstsein formte, sondern eines, dessen Widerstand nicht mit der Knute, sondern mit unermüdlichem Verständnis gebrochen wird?
Buddelkastenaufstand statt politischer Aktionen
Für Klaue, der, freilich von links, von „schlechter Integration“ und „negativer Egalität“ spricht, liegt es in dieser Logik, dass die Teilnehmer an Studentendemos „mit ihrer penetranten Beschwörung von ,Sesamstraße‘, ,Muppet Show‘, ,Mickey Mouse‘ und ,Momo‘ eher an einen Buddelkastenaufstand als an politische Aktionen erinnern. Sie sprechen die einzige Sprache, in der sie überhaupt noch denken können, und fordern ,Schutzräume‘ für das, was zu verlieren sie doch als Befreiung erkennen müssen: für die möglichst lebenslange Konservierung ihres im pubertären Infantilismus steckengebliebenen Sozialcharakters.“ Mag der integrative Weg im Zweifel der bessere sein, weil auf einen, der im Widerstand gegen regelschulische Leistungsregime zur Persönlichkeit wird, fünf kommen mögen, die bloß scheitern, so bleibt doch die Frage, ob eine Schule schon deshalb eine gute ist, weil sie statt Verlierern Gewinner produziert. Denn Gewinner zeichnet meistens eines aus: dass sie einverstanden sind. Und von denen gibt’s ja eigentlich genug.




















Klaue hat in seinem Adornoaffirmationsfimmel doch etwas über das Ziel hinausgeschossen. Natürlich protestieren Studenten mit infantilen Methoden, der Grund ihrer Proteste muss deswegen noch lange nicht infantil sein.
Und die Universität war in Deutschland nur selten ein “Gegenort zu Schule und Elternhaus”, sondern vor allem ein Ort, an dem sich die gesellschaftliche Elite den letzten Schliff bei ihrer Reproduktion gab. Das ist eben heutzutage wieder der Fall, das bißchen 68 ist schnell vorbei geweht.
Schön, das ich nicht aus der gesellschaftlichen Elite stamme (und der erste meiner Familie mit Studium bin), so dass ich dies, lieber Thomas, widerlegen kann.
Aber, irgendwie hab ich die zentrale Aussage dieses Artikels nicht ganz verstanden. Geht es jetzt um den anderen Ansatz eben an dieser Göttinger Schule oder um die vermeintliche Verschulung an der Uni oder um die Konsequenz wenn Schüler dieser Schulform an die Unis von heute kommen?
zunächst, das Schulkonzept ist so schlecht nicht. Denn, so kann man sich ja mal fragen, was ist denn der Sinn und Zweck einer Schule? Wissensvermittlung ist bestimmt eine der Top Drei Antworten. Aber was versucht man denn mit Noten zu schaffen? Vergleichbarkeit? Schwachstellen aufdecken? Leistungsunterschiede? Neid? Angst? Druck? Keine Ahnung. Insofern find ich die Konzentration auf den originären Zweck der Schule und die Sicherstellung, dass die Kinder die Sachen verstehen nicht soo verkehrt.
Was die Unis und die scheinbar verfallenen Sitten der Demonstrationskultur angeht sowie die harten Bandagen, auf die dann die Opfer dieser Kuschelpädagogik treffen… so wie andere Sachen auch, kann heutzutage einiges nicht mit damals, wo alles besser war, verglichen werden. Ich hatte zum Glück einen Prof, der gleich am Anfang in BWL 1 gesagt hat, wenn Sie was lesen, lesen Sie kritisch. Glauben Sie nicht alles. Ohne Witz, die meisten Studenten fanden das damals albern. So auch ich. Und viele, ebenfalls auch ich, haben das erst mit der Zeit wirklich begriffen. Die Möglichkeit des freien Lesens und die damit verbundene Meinungsfreiheit, die aber Nachdenken erfordert.
Aber viele Studenten und auch Schüler protestieren heute mit Anpassung. Anpassung an die Systeme, Regeln, Vorgaben, ja sogar Inhalte. Anpassungsoptimierer nannte dieser Prof diese Leute.
Was aber ist die Konsequenz? In einigen Jahren wird es daher auf vielen Ebenen von Unternehmen nur noch Menschen geben, die gelerntes Anwenden können, wie mit einem Werkzeugkasten. Aber die Kunst des kreativen Denkes – auch um die Ecke denken genannt – geht leider verloren. Von daher, diese Schüler müssen nicht zwangsläufig die Verlierer sein.
Was will uns der Artikel mitteilen? Dass die Welt trotz Reformpädagogik ungerecht ist und auch bleibt?
Es ist jedenfalls mitnichten so, dass an den mit dem Schulpreis ausgezeichneten Schulen nur eitel Sonnenschein herrscht. Ich spreche aus Erfahrung, ich kenne eine solche Schule von innen: dort wird auch nur mit Wasser gekocht – und mit dem Herzblut der involvierten PädagogInnen. An der Preisträgerschule IGS Göttingen müssen die Schüler jedenfalls das selbe Zentralabitur wie alle anderen Niedersachsen schreiben. Sie müssen sich den Lernstoff genau so reinprügeln wie ihre Altersgenossen an »normalen« Schulen. Noten ab Klasse 8 reichen vollkommen aus, um auf den späteren Leistungsdruck vorzubereiten. Es ist nicht so, dass Kinder auf Integrierten Gesamtschulen auf einem anderen Planeten aufwachsen. Es ist auch nicht so, dass die Kinder dieser Schulen nicht permanent gefragt wären, Leistung zu zeigen. Diese Schulen setzen »Leistung« nur eben nicht mit Noten gleich; gefördert und verlangt wird sie aber auch dort.
Also keine Sorge, Herr Gärtner: Hindernisse im Leben gibt es auch für Gesamtschüler immer noch genug. Der Einwand hat den faden Beigeschmack eines alten Ostfrontveteranen, der seinem frierenden Enkel nicht die Heizung anschalten will: »In Stalingrad war’s kälter!« Und das ist auch gut so: wo ein Leben ohne Probleme hinführt, demonstriert uns Aldous Huxley in Brave New World ja ziemlich gut.
Und was ist eigentlich ein »Gewinner«? Und was ist dagegen einzuwenden, dass eine Schule, die »Gewinner« hervorbringt, eine bessere Schule ist als eine, die »Verlierer« produziert?
Der letzte Satz irritiert mich noch mehr: Bringen also gerade gute, egalitäre Schulen Menschen hervor, die mit allem einverstanden sind?
Was den Unfug an Universitäten angeht: treffende Beschreibung.
Übrigens: das ist das erste Mal, dass ich einen Beitrag von Stefan Gärtner nicht brillant oder zumindest amüsant finde. Selbst Schuld, wenn man seine Leserschaft dazu erzieht, Dinge zu hinterfragen. ;)
zur möglichen Exegese des Schlussabsatzes: Verlierer = sogenannte Bildungsverlierer; Gewinner = Menschen mit gescheitem Schulabschluss. Die aber sind dann mit den herrschenden Verhältnissen so einverstanden, dass ihnen die Kritik am herrschenden System, das ihnen dufte Schulen mit coolen Paukern hinstellt, schwerfällt.
Und ja, in der Tat schrieb Gärtner sehr oft schon sehr viel besser.
off Topic: Ist jetzt eigentlich der one-joke-writer “Harry Tisch” weg? Und kommt nicht wieder?