Iran hat jetzt also die Atombombe; oder jedenfalls so gut wie. Naive Menschen wie ich, fragen sich in solchen Fällen immer: Wozu?
Erster Grund: Israel von der Landkarte radieren. Keine überzeugende Idee, denn dass Israel vor seinem eigenen Untergang noch ein paar persische Spinner mitnehmen wird, dürfen wir unterstellen. Dass die Hirnverbranntheit dieser Spinner nun aber so groß wäre, die Hälfte des eigenen Landes zu opfern, bloß um die Existenz eines anderen zu beenden (und wirklich einfach bloß zu beenden), wollen wir fürs Erste einmal nicht annehmen.
In den Himmel ragende Nuklearphalli
Zweiter Grund: Eine gefürchtete, respektierte Hegemonialmacht werden. Ist Iran aber schon. Spätestens seit der Irak als regionaler Antipode ausgefallen ist, gibt es keine ernsthafte Konkurrenz mehr, denn die Türken schauen nach Westen, und Saudi-Arabien ist nun wirklich von vorgestern. Außerdem beweist das Beispiel Deutschlands, dass man auch ohne Nuklearbewaffnung eine gefürchtete, respektierte Regionalmacht sein kann.
Dritter Grund: Um erpressen zu können. Aber Iran ist nicht Nordkorea, das Land hungert nicht, die Geschäfte mit dem westlichen Ausland laufen gut, und seit der alte deutsche Außenminister Kinkel die Phrase vom „kritischen Dialog“ in den Diskurs entlassen hat, sind jedenfalls Menschenrechte dafür kein Hindernis. Und über Erpressungspotential (und zwar ein unvergleichlich wirksames) verfügt ein erdölförderndes Land wie Iran sowieso. Die Lust auf Sanktionen angesichts der iranischen Atombombe hält sich im Westen deswegen auch in Grenzen.
Vierter Grund (und jetzt „kommt’s“): Exhibitionismus. Man muss nicht ergebener Freudianer sein, um die Freude von Potentaten (und nicht nur denen) an in den Himmel ragenden Nuklearphalli auffällig zu finden. Die iranische Atombombe ist so gut wie sinnlos, wenn wir sie nicht als Funktion der allgemeinmenschlichen (korrigiere: allgemeinmännlichen) Schwäche für die Machtdemonstration als solche begreifen. Nationale Begeisterung für die Wehr in Atomwaffen als Kitt für die auch in islamischen Theokratien wie Iran virulenten Klassenspannungen – sowieso.
Frisches Futter für einen militärisch-industriellen Komplex, der auch in Teheran west und Zukunft wittert – geschenkt. Aber ein irrationales Moment eignet dem primitiven Beharren auf der Bombe unbedingt und jedenfalls immer da, wo es all die Gründe nicht gibt, die in der Vergangenheit gut waren, um eine Bombe haben zu müssen und die, wenigstens im weitesten Sinne, etwas mit Verteidigung zu tun hatten (und sei es nur einer Vormachtstellung). Was Iran verteidigen möchte, erschließt sich dagegen nicht. Die einzige Atommacht in der Region, Israel, hat in 35 Jahren iranischen Mullah- und Tod-den-Juden-Geweses von ihrem Monopol keinen Gebrauch gemacht, und es gibt keinerlei Anzeichen dafür, dass sie es in Zukunft vorhätte. Hegemonialkriege führt man heute mit der Wirtschaft, nicht mehr mit dem Panzer, und dass atomare Bewaffnung den Stolz des Volkes nicht so lange beschäftigen kann, dass es darüber seine Unzufriedenheit vergisst, hat das Ende der Sowjetunion illustriert.
Man kann, wenn man will
Also, noch einmal: Warum? Wirklich bloß, um den Nachbarn, um der Welt mitzuteilen, wie potent man ist? Dass man kann, wenn man nur will? Komplexe?
Es ist für einen, der es gewohnt ist, die Welt materialistisch zu erklären (und damit ja auch meistens recht hat), nicht leicht, im Einzelfall zu konzedieren, dass sich der Einzelfall womöglich nur erklären lässt, wenn man „das Gesetz des Unsinns im gesamten Haushalte der Menschheit“ (Nietzsche) heranzieht: Dumm geht immer, noch dümmer auch, und „zu den Dingen, welche einem vornehmen Menschen vielleicht am schwersten zu begreifen sind, gehört die Eitelkeit“ (ders.). Es wird noch soweit kommen, und der Mittlere Osten löst sich in Rauch auf, weil Ahmadinedschad mit seinem Mahmud nicht zufrieden ist.



















Sehr geehrter Herr Gärtner,
Ihr Hinweis auf den “Möchte-gerne-dicke-Hose-haben-Komplex” trifft die Sache vielleicht ganz gut. Manchmal habe ich den Eindruck, dass Menschengesellschaften die Tendenz haben, solche komplexbeladene Männchen als ihre “Führer” zu wählen. Bei uns atomkastrierten Deutschen werden die Komplexe sublimer ausgelebt, dem einen genügt ein wenig Basta-Macht, die Aussicht auf einen lukrativen Pipelinejob, ab und zu ’ne Currywurst oder neue Frau und ein bisschen Bombenwerfen über Jugoslawien, dem anderen die Selbstinszenierung als grüner Messias und Parteitagszampano, Aussichten auf einen Professorentitel auf dem zweiten Bildungsweg, ’nen Job als Internationaler Politikberater und auch ein bisschen Bombenwerfen auf Jugoslawien, etwas Laufen zu sich selbst und noch öfter mal ’ne neue junge Braut. Was man in der Jugend im Wald und auf dem Pflasterstrand mit Steinen oder Molotowcocktails geübt hat, möchte man dann im Nadelstreifen auch mal ausleben (lassen).
Und wenn man sich die Herren Putin, Busch, Berlusconi oder Sarkozy anschaut, findet man da wirklich grundverschiedene Komplexstrukturen? Von den einst vom Westen gehätschelten Schurkenführern Mubarak, Gaddafi, Hussein und Co. möchte ich hier gar nicht anfangen.
Eine Atombombe in den Händen von Ahmadinedschad ist für die Weltbevölkerung und vor allem für die Israelis eine tatsächliche Bedrohung, so wie jede Atombombe aus meiner Sicht eine Bedrohung für die Menschheit ist. Nach der höchst gefährlichen “Denke” anderer Menschen, z.B. des jüngst bambigekrönten Talkschowheiligen Helmut Schmidt, nennt man so etwas “Gleichgewicht des Schrecken”. Wenn ich mich an die 80er Jahre erinnere, war der Angst vor dem Atomtod in der BRD weit mehr verbreitet als heute. Ich erinnere mich aber auch, dass es damals einige “Dicke Hosen” und noch mehr “Auf Dicke Hose Macher” gab, die sich von diesem “Atomraketenrasseln” ganz nüchtern erregen ließen.
Ihre Behauptung, Hegemonialkriege würden heutzutage nicht mehr mit dem Panzer geführt, würde ich gerne zustimmen, wenn es da nicht den einen oder anderen Krieg z.B. in Lybien, dem Irak oder in Afghanistan gäbe, wenn nicht seit Jahren diverse Szenarien im Westen durchgespielt würden, wie man den Iran auch durch militärische Interventionen “in den Griff” und die Hand an den Ölhahn bekommen könnte.
Ich bin kein Psychologe, aber vielleicht ist so ein gaaaanz langes Rohr, aus dem unaufhörlich dickes Öl sprudelt, für unsere “Auf-Dicke-Hose-Macher” der Gipfel des Erotischen.
Und nun zum Kern meines Anliegens. Wie Sie es am “Fall Ahmadinedschad” exemplarisch dargestellt haben, sind die großen Katastrophen – nicht nur unserer Zeit – nicht unwesentlich von den makaberen Eitelkeiten der Machteliten beeinflusst. Sich darüber lustig zu machen, ist menschlich und liegt mir wie Sie meinen bisherigen Ausführungen entnehmen können ebenso wenig fern wie Ihnen. Ihr Ansatz den Konflikt zu analysieren ist legitim und wäre ein hilfreicher Mosaikstein in der Meinungsdebatte, wenn es denn in unseren Medien eine solche Debatte gäbe. In Wirklichkeit bekommen wir hier, wie zuletzt auch bei der Libyeninszenierung, die übliche Wag-the-Dog-Story aufgeführt. Die Medien berichten pflichtschuldig, dass die Amerikaner gegen den Krieg sind und alles dafür machen, dass es dazu nicht kommt, während die von der CIA und anderen westlichen Geheimdiensten mit mehreren Hundert-Millionen Dollar unterstützen Oppositionellen zusammen mit eingeschleusten westlichen Geheimdienstlern bereits die Lage vor Ort vorbereiten. Dann heißt es natürlich, man wolle nur die Atomanlagen im Iran zerstören und nur aus der Luft angreifen und keinesfalls die Regierung stürzen, und wenn die Atomanlagen zerstört sind, kann man ja nicht so einfach aufhören. Die Sachzwänge führen dann letztlich dazu, dass man die Israelis in diesen zerrütteten Verhältnissen ja nicht einfach zurücklassen kann, so dass man auch den Weg bis zum bitteren Ende gehen muss, auf dem dann auch mal ein gelynchter böser Führer mit ein paar Kugeln im Kopf als Kollateraltrophäe in Kauf genommen werden muss. Die Kontrolle der Ölfelder, die man dann notgedrungener Maßen übernehmen muss, ist dann ja mit großer Verantwortung beladen und somit eher eine Last.
Ich hoffe, ich habe Unrecht.
Es grüßt Sie herzlich
Ihr Reinhard Urbach-Gehlen
Lieber Autor!
Ich nehme an Sie sind Deutscher? Wie können Sie dann in diesem Falle über das offensichtlichste Motiv sich so ausschweigen: dem virulenten Antisemitismus, der in der iranischen Gesellschaft herrscht. Vergessen Sie nicht, dass dort Hitlers Werk und Verschwörungstheoretische Literatur hohen Absatz finden. Auch Deutschland hatte keinen Grund KZs zu bauen. Die These von den dicken Eiern hilft Ihnen doch nur um über unbequeme Tatsachen zu schweigen, nämlich dass es sowas wie einen virulenten islamischen Antisemitismus gibt, der sein eigenes Volk aufs Spiel setzt. Die Mullahs sind bekannt für suicide bombing, sagt ihnen der Begriff was? Er sollte alles sagen.
Sie stehen doch in der Tradition derjenigen Deutschen, die heute nicht verstehen wollen, dass Israels Existenz auf dem Spiel steht, die eines ganzen Volkes. Und darum sich genötigt sieht notfalls aggressiv vorzugehen. Stattdessen heult man hier rum, und will, dass die Juden sich kampflos einer nach dem anderen abschlachten lassen sollen. Das ist die Moral, die man aus der Geschichte gelernt hat: nicht dass der antifaschistische alliierte Kriegseinsatz wiederholt gehörte, sondern Nie Wieder! Krieg gegen den Faschismus. Oma und Opa wären stolz auf Sie.
kurz und platt – ich kann mir auch schlecht vorstellen, dass die Iranis je die Bombe zünden werden, zu groß die Gefahr der Vergeltung, zu nah die Nachbarn um selber was abzubekommen.
Auch die suicid bomber bringen da nichts, denn eines ist doch bei den ständigen Selbstmordattentätern deutlich – diejenigen, die diese Attentate anordnen und als direktesten Weg ins Paradies preisen, schnallen sich nie den Gürtel um. Und die wären nach einem A-Bomb-Suicide auch nicht wirklich mehr da…
Worum geht es denn dann? Ein Vergleich mit Pakistan drängt sich hier auf. Nachdem Indien die Bombe hatte, mußte Pakistian sofort nachziehen. Dort stammen zwar die Einwohner aus einem vormals vereinten Land, beide Länder rechnen aber jederzeit mit einem Angriff des anderen.
Vielleicht sind es Feindbilder, die man braucht. Ein übergeordneter Feind, auf den man alles, was innenpolitisch und intern ist, projezieren kann, damit zu Hause Ruhe ist. Das wäre der opportunistische Grund. Mister M.A. ist im Iran auch nicht unumstritten. Führt man das Land aber außenpolitisch in die “Oh Ho wir sind aber ganz schön böse und gefürchtet Position und alle haben Angst vor uns” fühlen sich die Menschen als Einheit, weil es ein übergeordnetes Ziel gibt.
Dennoch, keine Frage, man weiß nicht wie Irre die Jungs da sind, und ob nicht irgendeiner religiös fanatisiert mal den Knopf drückt. Meiner Meinung nach fehlen den Jungs da unten auch 200 Jahre Aufklärung und vielleicht auch die Erfahrung aus 2 Weltkriegen um ruhiger zu werden.
Eins ist nur klar, friedlicher wird die Welt durch den Quatsch nicht.
Drei Anmerkungen:
1. Die Türkei schaut nicht mehr nur nach Westen, das hat sich rapide geändert in den letzten Jahren. Ankara will seine Regionalmacht ausbauen, der Iran ist da im Moment der natürliche Antagon.
2. Die Atomkraft an sich hatte bereits unter dem Schah eine große Anhängerschaft, das hat sich nicht wirklich geändert. Die Frage ist, ob das auch die “Waffe” Atom umfasste oder ob das ein neues – und damit wohl elitäres – Moment ist.
3. Der häufigste Grund, warum ein Land in den letzten Jahren Atomwaffen anstrebte (und in diversen Fällen auch das Vorhaben oder sogar bereits akquirierte Waffen (SA) wieder aufgab), ist immer seine gefühlte Sicherheit. Wenn nun also die USA sagen, “Wir rüsten Irans Nachbarn auf”, dann wird das das Regime – und evtl. auch das Volk – darin bestätigen, dass die Bombe nötig ist. Denn ein Land mit Atomwaffen wird nicht von anderen Staaten angegriffen.
Warum wird immer nur vergessen, ignoriert, dass die einzigen “Irren”, die “Dr. Seltsams” die USA waren, die diese Bombe als Monopolist – wohlwissend nichts befürchten zu müssen – eingesetzt haben!
Auch ein Adolf Hitler und seine Schergen hätten nicht einen Krieg begonnn, einen Einsatz gewagt, wenn ihre ausgesuchten Feinde ebenfalls im Besitz solcher Waffen gewesen wären.
Niemand beginnt einen Krieg, wenn er im Voraus weiß, ihn nicht gewinnen zu können, geschweige erleben zu “dürfen”!