Die CDU hat ihre an die Finanzmärkte ausgeliehenen immateriellen Werte niemals zurückgefordert. Frank Schirrmacher

Quotenfrau und Schreckschraube

Freiwillig ist immer besser: Das gilt fürs Steuerzahlen wie fürs Einstellen von Frauen in Spitzenpositionen.

Im Regionalexpress nach Frankfurt unterhalten sich zwei Frauen in den sogenannten besten Jahren. Beide sehen sozialdemokratisch aus – diese patente Mischung aus Elternbeirat, Kirchenchor, Bio-Gemüse und Jack Wolfskin –, aber deswegen nicht unsympathisch, und obwohl ich sozialdemokratischen Regionalbahn-Nutzerinnen über 50 in aller Regel nicht ausdrücklich zuhöre, muss ich’s natürlich, jedenfalls an der Stelle, an der es um Ursula von der Leyen geht.

Pro-domo-Politik für Gymnasiastinnen

Die Frauen mögen Ursula von der Leyen nicht, mindestens die eine nicht, die so aussieht, als hätte sie eine kranke Mutter zu Haus, und gut hörbar den Kopf schüttelt angesichts der Mitten-im-Leben-Attitüde, die von der Leyen vor sich her trägt. Im Radio sei neulich eine alte Bauersfrau gewesen, und die habe direkt gehöhnt, ja, wenn sie so viel Geld hätte wie die Frau Ministerin, dann könne sie auch Reden schwingen über Familie und Karriere und wie prima das alles vereinbar wäre. Die Bauersfrau habe gesagt, sie habe sechs Kinder großgezogen und stehe jeden Morgen um fünf auf, und wenn sie eins nicht brauche, dann das forsche Geschwätz einer Hochwohlgeborenen, berichtete die Sozialdemokratin beifällig, und ich saß daneben und nickte mit.

Denn das können wir ausschließen, dass das Leben der einen (Bäuerin, sechs Kinder) mit dem der anderen (Ärztin, Ministerin, sieben Kinder) auch nur das Mindeste zu tun hat, und der Einsatz für die Frauenquote in Führungsetagen, so richtig er sein mag, ist ja, genau betrachtet, auch wieder bloß Pro-domo-Politik für Gymnasiastinnen.

Nun fügt es sich aber, dass mir die Leyensche fast sympathisch wird in dem Moment, wo sie der jungen Schreckschraube Kristina Schröder Paroli bietet. Die nämlich als die eventuell Dümmste, jedenfalls Naivste im Kabinett, wo es um die erwähnte Frauenquote geht, den ollen Unsinn von der „Selbstverpflichtung“ der Unternehmen glaubt, die sie per „Flexi-Quote“ in einen Wettbewerb um die tollsten Erfolge bei der Frauenförderung schicken will. Diese Selbstverpflichtung gibt es freilich schon eine ganze Weile, herausgekommen ist ein Frauenanteil in den Führungsetagen, den v. d. Leyen zu Recht „unterirdisch“ nennt. Er liegt unter vier Prozent.

Bitte nicht missverstehen: Eher würde ich mich erschießen, als in eine Führungsetage zu wollen, und man könnte jetzt dialektisch werden und sagen, ja, sollen die Frauen doch froh sein, wenn ihnen das erspart bleibt. Aber wie man sich an den Kopf fassen kann, wenn Frauen unbedingt zur Bundeswehr möchten, und ihnen das Recht aber selbstredend nicht absprechen darf, so müssen Frauen alles dürfen, was die Männer auch dürfen, unabhängig davon, wie sinnvoll die in Rede stehende Beschäftigung ist. Unternehmen – wenn man dies der Frau Dr. (!) Schröder, die als Soziologin vom Materialismus doch zumindest mal gehört haben sollte, mal ins Stammbuch schreiben soll – sind aber nicht an Emanzipation interessiert, sondern an Zahlen, und die Männer, die für dieses Interesse einstehen, haben ihrerseits keins, sich auch noch mit Frauen um Boni und Geschäftswagen zu balgen. (Die Karrierefrauen, die es ohne Quote nach oben geschafft haben und die im Fernsehen schon vorab gegen Quotenfrauen stänkern, haben dasselbe Interesse ebensowenig.)

Erst das Fressen, dann die Moral

Es mag verschnarcht klingen, aber wir leben (trotz Merkel, v. d. Leyen und Schröder) im Patriarchat, und was die Herren nicht freiwillig abgeben, das muss man ihnen abnehmen; dass der Markt die Dinge zugunsten derjenigen regelt, die ihn beherrschen, sollte aufgefallen sein, und die lautesten Fürsprecher von Auslese und Wettbewerb sind allemal die, die ihn qua Herkunft und Geschlecht schon halb gewonnen haben.

Erst kommt das Fressen, später die Moral: Selbst die als Spitzenerfolg verkaufte Elternzeit wird, wenn ich die Erfahrungen aus meiner Bekanntschaft zugrunde legen darf, von den Chefs nur widerwillig gewährt, was man verstehen kann, denn ein Mitarbeiter weniger ist ein Mitarbeiter weniger, und ich kenne keinen Mann, der länger als die gesetzliche Mindestzeit von zwei Monaten ausgesetzt hat; aussetzen konnte. Die restlichen zwölf Monate nehmen wie selbstverständlich die Frauen. Patriarchat, ich sag es ja; und da auf irgendwelche Selbstverpflichtungen zu setzen ist ein Witz, wie er einer Witzfigur wie K. Schröder nur allzu gut zu Gesicht steht. Die es überdies verantworten muss, dass uns Ursula von der Leyen für eine historische Halbsekunde ganz vernünftig vorkommt.

Leserbriefe

  • Theeuropean-placeholder
    RCB – 22.10.2011 - 02:20

    Verehrter Stefan Gärtner,

    über die beiden genannten Damen kann man trefflich streiten. Beide haben für mich eine Macke; die Eine, weil sie schon als Jugendliche mit einem Poster von Helmut Kohl über dem Bett Flagge gezeigt hat und das auch noch öffentlich bekundet, die Andere, weil sie ein liederliches Abbild des ebenfalls ewig grinsenden Ex-MP Ernst Albrecht (Ihrem Vater) ist und wie er vorne grinsend, hinten mit dem Dolch in der Hand Allen (vor Allem den Wählern, aber auch Parteifreunden) ohne Rücksicht auf Verluste und nur zu ihrem eigenen Vorteil das aufzuzwingen versucht, was ihr gerade im Kopf herum spukt. Das zu den Damen persönlich.

    Was die Frauenquote betrifft, mein Lieber, haben Sie keine Ahnung, das wollen wir hier einmal ganz klar festhalten! Wahrscheinlich sind Sie dafür noch zu jung und in der Mitarbeit und Führung eines Unternehmens unerfahren (wie Frau Schröder auch, obwohl sie den eher richtigen Ansatz wählt)?

    Richtig ist, dass Frauen lange benachteiligt waren, mittlerweile aber sogar (berechtigterweise) auf der Überholspur sind, soweit sie qualifiziert sind und zusätzlich ein wenig Glück haben; das übrigens auch Männer für ihre Karrieren brauchen. Da Frauen aber bis ca. Mitte der Achziger-Jahre deutlich benachteiligt und von Männern auch noch geblockt werden konnten und da die wirklich gute Qualifikation für Frauen auch erst Ende der Achziger so richtig begonnen hat, hat auch zur Folge, dass diese Karrierefrauen bis heute (Ausnahmen bestätigen nur die Regel) erst im Mittelmanagement angekommen sind. Bis heute!

    Sie kommen aber noch nach oben, da bin ich mir ganz sicher und zwar auf natürlichem Weg und dazu brauchen sie keine Quote, mit der sie nur belächelt und dann auch nicht ernst genommen werden (weder in einem Vorstand, noch von den Mitarbeitern, die sie führen sollen). Ich bin mir sicher, dass die Führungslandschaft, was Frauen betrifft, sowohl im Mittelstand, wie in der Großindustrie in 10 Jahren auch oder gerade ohne Quote völlig anders aussehen wird, wie heute. Dafür stehe ich mit meinen Initialen!

  • Theeuropean-placeholder
    Nele J. – 26.10.2011 - 19:17

    Lieber Herr Gärtner,

    wenn man schon anderen Dummheit vorwirft, dann sollte man doch zumindest nicht selbst so.. ähm… unkonzentriert sein. Das von Ihnen angegriffenen Konzept von Frau schröder haben sie nämlich offensichtlich gar nicht verstanden. Die FlexiQuote ist keine freiwillige Selbstverpflichtung, sondern eine gesetzliche Verpflichtung. Ein gravierender Unterschied, aber egal.

    Falsch ist auch Ihr Einwand, keine Mann mache länger als die zwei Monate Elternzeit. Der schnitt liegt meines Wissens bereits bei 3,5 Monaten, Tendenz steigend.

    Also, einfach mal recherchieren, dann klappt das schon.

    PS: Lieber RCB, ein wenig google-Recherche födert auch zu Tage, dass Schröder nie ein Helmut Kohl-Poster hatte. Sondern ein JU-Poster eines Elefanten (?) im Wolfgangsee:

    Schröder: “Das mit dem Kohl-Poster ist wirklich ein hartnäckiges Gerücht. Ich hatte im Wahlkampf 1998 dieses JU-Poster mit dem Titel „Keep Kohl“ bei mir hängen, darauf war ein Elefant im Wolfgangsee zu sehen, Helmut Kohl war auf dem Poster nicht mal abgebildet. Ich fand das Poster lustig.”

    (Quelle: http://www.bmfsfj.de/BMFSFJ/gleichstellung,did=164220.html)

  • Theeuropean-placeholder
    Schnorchel – 29.10.2011 - 23:17

    Sehr geehrter Herr Stefan Gärtner,

    vielen Dank für Ihren Beitrag.

    Zu:Es mag verschnarcht klingen, aber wir leben (trotz Merkel, v. d. Leyen und Schröder) im Patriarchat, und was die Herren nicht freiwillig abgeben, das muss man ihnen abnehmen; dass der Markt die Dinge zugunsten derjenigen regelt, die ihn beherrschen, sollte aufgefallen sein, und die lautesten Fürsprecher von Auslese und Wettbewerb sind allemal die, die ihn qua Herkunft und Geschlecht schon halb gewonnen haben.

    Vielleicht habe ich wirklich etwas verpennt, oder verschlafen?

    Ich meine ich lebe und genieße die Zuneigung und Liebe einer sehr hübschen türkischen Lady die so ganz nebenbei meine Frau ist, die zugegeben erst seit zwei Jahren endlich das gleiche Geld bekommt wie Ihre männlichen Kollegen. Von der immer noch zum Teil fehlenden Anerkennung schweige ich lieber.

    Natürlich als Freund für guten, sinnvollen Humor wünschte ich mir auch lieber Herrn Charlie Sheen als Frauenminister.

    So ganz nebenbei meine Frau ist zum Glück sehr selbstbewusst und ausgesprochen intelligent und hat daher mit Sicherheit keine Frauenministerin nötig. Ich frage mich ernsthaft seit wann es diesen mehr als peinlichen über dotierten Schwachsinns Job gibt?

    Aber wenn es darum geht Steuergelder zu verschwenden und zu vernichten war unsere mehr als peinliche Regierung ja immer schon mehr als erfindungsreich.

    Mit freundlichen Grüßen

    Schnorchelentsafter

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