Es gibt ja meist eine erste und eine zweite Reaktion. Angesichts eines Fernsehberichts von der Frankfurter Buchmesse, in welchem eine Buchmessensprecherin mit leuchtenden Augen vom „Erfolgsmodell E-Book“ oder Ähnlichem. Mitteilung machte, sagte ich zu meiner Frau: „Das werde ich nie im Leben verstehen.“ Oder habe ich gesagt: „Das werde ich in diesem Leben nicht mehr verstehen?“ Ich bin noch keine vierzig, aber neige bereits dazu, mein Leben von jenem Gipfel aus zu betrachten, den ich rein statistisch erreicht habe. Hinter mir liegen der Videorekorder, der CD-Spieler, natürlich der Computer, das Internet. Was vor mir liegt, ich gestehe es hiermit, interessiert mich nur noch mit Einschränkung, ja, ich ertappe mich sogar dabei, den ganzen „neumodischen Kram“ (wie das mein Großvater vielleicht genannt hätte, wenn er nicht so früh gestorben wäre) wo nicht für Teufelszeug, so doch eventuell für unnötig zu halten.
Charaktertest Bücherregal
Das analoge Buch z.B. ist ja eine durchaus perfekte Erfindung. Gebündelte Information in einem transportfähigen, archivierbaren Format; eine externe Festplatte avant la lettre. Schallplattentransport (selbst wenn es sich nur um eine handelt) ist umständlich, CD-Transport schon besser, aber da muss man, für den Konsum unterwegs, noch ein Abspielgerät mitnehmen. Brauche ich für das Buch nicht. Ich packe es ein und fertig, und wenn ich wieder zu Hause bin, dann kann es rumfliegen.
Es könnte gut sein, dass meine Vorliebe fürs analoge Buchwesen darin wurzelt, dass nur analoge Bücher rumfliegen können. Sie bilden Grüppchen auf der Kommode, neben dem Sofa, auf dem Fenstersims, formen bunte Phalangen auf den Bücherborden, liegen sogar in der Küche herum, und das sogar in meinem Haushalt, in dem mindestens so viel ferngesehen wird wie der Lektüre oblegen. Rumfliegen können Bücher immer, dazu muss man sie nicht einmal lesen; und vielleicht ist mir die Mischung aus Internetbuchhandel und Analogbuch so lieb, weil sie es ermöglicht, in Sekundenschnelle Bücher, die man immer schon mal lesen wollte (Negative Dialektik, Moby Dick), zu erwerben, um sie dann, mit dem Lesezeichen irgendwo im vorderen Viertel, herumfliegen lassen zu können. Das sieht gut aus und zeigt dem Besucher sofort, „in welcher Haushaltung man sich da befindet“ (Polt, In der Buchhandlung). Umgekehrt erlauben fremde Bücherregale sofort Aufschluss über das auswärtige „Niveau“ (ebd.), und an dem alten Fernsehfilm mit Christiane Hörbiger gestern störte mich hauptsächlich, dass ihr Bücherregal so explizit kleinbürgerlich war, diese Mischung aus Nippes, Brockhaus und Konsalik, was weder zu ihrer Rolle noch überhaupt zur Hörbiger passte. Bücher, Hauptbestandteile im großen Bourdieu’schen Distinktionsuniversum. Und verschenken kann man sie auch.
Meine zweite Reaktion nun (damit die nicht vergessen werde) auf die Nachricht, das E-Book sei gewiss die Zukunft, ist dann aber doch, dass ich an meinen Vater denke, für den schon die Digitaluhr die äußerste Grenze des für ihn begehbaren Techniklandes ist und der die Einstellung der Digitaluhren an Mikrowelle oder Küchenherd stets seinen Kindern überließ, was ja nun auch nicht gleich gegen die Digitaluhr spricht. Nächstes Jahr ziehe ich um, und obwohl ich (u.a. wegen alter Fernsehfilme) ein durchaus durchschnittliches Bücherarsenal habe, sind das locker 30 oder 50 Kisten, zu zwei Dritteln voll mit Büchern, die man bloß bei Umzügen noch mal in die Hand nimmt. Innenarchitekten, las ich neulich, überlegen schon, wie die bücherlosen Wohnungen der Zukunft aussehen; sie sehen, wie man sah, ziemlich genauso aus wie die bücherlosen, im Besitz von Investmentbankern befindlichen von heute.
Lifestyle-Frage
Egal: Sollten wir Sozialisten uns nicht von der Bücherwand als optischer Klassenschranke verabschieden? Ist das nicht am Ende viel demokratischer, wenn jeder ein Kindle oder was zu Hause rumliegen hat, aber keiner weiß, was drauf ist, von der bayerischen Polizei natürlich abgesehen? Werden nicht Umzüge viel einfacher, und können die Wohnungen dann nicht, wo die Zeiten des ewigen Wachstums eh vorbei sind, kleiner werden? Und ist es, schließlich, nicht auch viel umweltverträglicher, wenn für den 150. Familien-Stasi-Buchpreis-Roman der deutschen Gegenwart, der immer bloß von „Kleinstadtenttäuschung, Hitler, DDR, Krebs und solchem Unsinn“ (D. Dath) handelt, in Zukunft keine Bäume mehr gefällt werden müssen? (Und was heißt schon Raubkopie; früher hieß das Samisdat und nobilitierte die Quelle.)
Es ist, wie so vieles, eine Lifestyle-Entscheidung, ob man elektronisch lesen mag oder lieber seine Billy-Regale behalten. Mein Lifestyle wird sich allerdings nur finanzieren lassen, wenn die Leute mit dem anderen meine Bücher für ihren E-Book-Reader nicht klauen.



















lieber Stefan Gärtner, es ist ehr keine Alters- als mehr eine Charakterfrage, ob man ebooks mag. Ich lese Gebrauchsliteratur seit 2004 als ebook- aus praktischen Gründen. Wirkliches Lesen würde ich das nicht nennen.
mfG