Der große Schriftsteller Eckhard Henscheid, der in zwei Wochen, nebenbei, siebzig wird, hat in einem seiner schönsten Romane einer Figur ins Leben geholfen, die erst im Untergang zu Hochform aufläuft und ästhetischen Gewinn abwirft: „Wie doch der äußerste Ruin aus diesem einstmals lächerlichen Menschen einen edlen, adligen, anbetungswürdigen gedrechselt hatte!“
Nun ist Guido Westerwelle nicht Alfred Leobold, aber der Satz kam mir trotzdem in den Sinn, als sich die Berichte häuften, wonach sich der Sturz Westerwelles immerhin abzuzeichnen beginnt. Sein Ruin scheint tatsächlich final, sein Rückhalt in Partei und Öffentlichkeit ist gleich null, und wie alle großen Scheiterer und „kräftigen Ruinierer“ (Jacob Burckhardt) gewinnt er, wenn alles in Scherben fällt, an Faszination, mehr noch: Er tut einem leid.
Mitleid mit Guido
Das mag teils daran liegen, dass dem Scheitern als solchem ein sympathisches Moment eignet; gerade in einer Zeit, wo selbst für die Kinder schon gilt: „Das Beste oder nichts“ (Mercedes-Benz), erscheint noch der größte Unsympath im Moment seines totalen, alle übermenschlichen Ansprüche aufs unausweichlich Humane zurückführenden Scheiterns nicht nur deshalb sympathisch, weil er bald weg vom Fenster ist; sondern einfach deshalb, weil er scheitert; und scheitern, man verzeihe mir den Anfall von Sentimentalität, menschlich ist.
Andererseits wussten schon die alten griechischen Tragöden, dass der Fall von Königen weitaus faszinierender ist als das alltägliche Stolpern der Kleinen und Geringen; das ist nicht gerecht, aber logisch: Es muss eins oben sein, um lange und tief purzeln zu können.
In der „Süddeutschen Zeitung“ war jetzt von der ewigen Rivalität zwischen den Aufsteigern Joseph Fischer und Guido Westerwelle zu lesen; Widerlinge waren sie, jeder auf seine Art, beide. Doch jetzt, da das Großmaul Fischer triumphiert über das Großmaul Westerwelle, verteilen sich die Sympathien neu. Während der gewesene grüne Außenminister wie die Made im Speck seiner Selbstherrlichkeit sitzt und auf ein Leben zurückblickt, das allein Eingeweihten wie Eckhard Henscheid so „charakterhülsenleer, gemütsvergammelt, furzdumm“ erscheint, wie es nun einmal gewesen ist, vom großen Rest aber nach wie vor als vorbildlich politisches ästimiert wird, wird Westerwelle, selbst wenn er bis zum Ende der Legislatur durchhielte, als einsame Witz- und Spottfigur enden, von der nichts bleiben wird als die Erinnerung an den Lärm, den er produzierte, um den Eindruck zu erwecken, er sei.
Im Monströsen liegt das Menschliche
Monströs, da hat die „Süddeutsche“ recht, Westerwelles Fehler, das Außenamt anzustreben, für das er charakterlich noch viel weniger geeignet ist als für Politik, wo sie mehr wäre als Gekrähe von Oppositionsbänken, per se; aber in der Monstrosität dieses Fehlers liegt das Menschliche, das Westerwelle, gegen den Anschein, dann eben doch eignet, begraben. Da hat sich einer, blind für die eigenen Fähigkeiten, verhoben und katastrophal verschätzt, und zwar gerade in dem Moment, als sich ein Leben, das stets, traurig genug, als Aufmerksamkeitsbeschaffungsmaßnahme geführt werden musste, im strahlenden Sieg zu erfüllen schien.
Das ist nicht nur ironisch, das berührt sogar die Gefilde der Tragik, erst recht, wo Westerwelle mit der Skepsis, was deutsche Kriegseinsätze betrifft, im Grundsatz recht hatte; dass die libysche Angelegenheit jetzt so glücklich auszugehen verspricht, jedenfalls fürs Erste, musste man nicht ahnen, und wie stünde er jetzt da, wenn es Gaddafi trotz NATO gelungen wäre, sein Land in einen jahrelangen Bürgerkrieg zu zwingen?
Unnachahmlich westerwellisch dann wieder das komplette Unvermögen, über den eigenen Schatten zu springen und gute diplomatische Miene zum verlorenen Spiel zu machen; da konnte, da kann einer partout nicht aus seiner Haut, bei Strafe seines Unterganges. Und auch wenn unsere Haut, gottlob, eine ganz andere ist: Können wir es denn?
Leserbriefe
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Verehrter Stefan Gärtner,
Eckhard Henscheid einen “großen Schriftsteller” zu nennen (den kaum Einer kennt!), ist genauso vermessen, wie sich anschließend hinter dessen Thesen und Beurteilungen zu verstecken und das dann zu versuchen, ganz groß raus zu bringen.
Bei der Beurteilung der Leistungen aller bisherigen Außenminister der Bundesrepublik kann man je nach Sichtweise zu völlig unterschiedlichen Ergebnissen kommen. Auch Genschers Leistungen bestanden m.E. nur darin, im einen oder anderen, eher seltenen Fall zufällig zur richtigen Zeit am richtigen Ort gewesen zu sein und ansonsten durch die lange Amtszeit zu glänzen (was letztlich Helmut Kohl auch nicht zu einer im geschichtlichen Sinn glanzvollen Regierungszeit verholfen hat!). Die o.g. Meinung von Herrn Henscheid über Joschka Fischer, dessen Amtsführung und Leistungen ist allerdings dümmlich, wie dreist, entbehrt jeder Grundlage und wird sogar von seinen Gegnern weder so gesehen, noch so verbreitet.
Ein wenig “Substanz” kann man von einem “großen, oder auch weniger großen” Schriftsteller schon erwarten (oder ist Ihr Henscheid-Zitat etwa ergebnisverändernd aus dem Zusammenhang gerissen?), genauso, wie man das von einem Außenminister Westerwelle erwarten sollte (wobei Viele, auch FDP-Wähler, schon vorab davor gewarnt hatten, dass er das nicht kann). Er hat somit nicht wirklich Viele mit seiner extrovertierten Substanzlosigkeit enttäuscht. Dieselbe erwartete Substanz, verehrter Herr Gärtner erwarte ich auch von einem Blogschreiber an dieser Stelle, kann sie aber in Ihrem o.g. Beitrag (bei durchaus gleichem Endurteil über Guido Westerwelle) leider ebenfalls nicht finden. Zumindest ist das Vorstehende wirklich keine journalistische Großtat!
Wo ist hier ein Blogschreiber?
Außenpolitik bedeuten ja, eine Schlacht zu verlieren, um einen Krieg zu gewinnen, richtig ? So gesehen hat sich Westerwelle an der u.a von Joschka Fischer und Gerhard Schröder festgelegten Leilinie – es gibt weder Freund noch Feind, im Zweifel entscheide dich für die Energiesicherheit und Märkte. Und genau das ist sein Fehler gewesen, nicht die konkreten lybischen, egyptischen Ausprägungen.
Eckhard Henscheid einen “großen Schriftsteller” zu nennen (den kaum Einer kennt!)
Haha! Die einzig sachliche Entgegnung auf Ihr Argument (sic!).
ich kann diesen link garnicht oft genug posten =)
stellt sich die frage: wo führt das uns hin?
Also genauer betrachtet sind alle o.g. politischen Schauspieler mehr oder weniger Witzfiguren und keine großen Leuchten. Das gilt für den Riesen aus Oggersheim und erst Recht für den grünen Neoliberalen Demagogen.
Der einzig wirklich große Staatsmann, der diesen Namen auch verdienen würde ist, möge man zu ihm stehen wie man will, Gaddafi.
40 Jahre ein Land zu führen, an die Spitze Afrikas zu bringen und teils europäisches Wohlstandsniveau, von der Gesundheitsversorgung ganz zu schweigen, aufzubauen und dann am Ende von o.g. ähnlichen europäischen und anderen Witzfiguren angegriffen zu werden das ist tragisch.
Westerwille ist bestimmt kein schillernder Schauspieler, aber nicht nach der Pfeife der Amis zu tanzen zeugt schon von cojones, dafür wurde er ja auch gleich abgesägt. So konnte er auf seine letzten politischen Tage bestimmt von vielen denkenden Menschen noch Sympathiepunkte bekommen.
Am meisten bedauere ich das libysche Volk, zehntausende Tote, das Land mit Uranbomben verseucht, von einem fortschrittlichen Land zurück gebombt um Jahrzehnte beraubt und alles begann mit einer Lüge. Wie in Jugoslawien wo ja von deutscher Seite unterm anderen Teil der Einheitspartei schon mitgemischt wurde.