Das System ist kaputt. Kumi Naidoo

… doch mit Lüge und Ausbeuterei

Kapitalismuskritik ist en vogue – was in einem so strikt antikommunistischen Land wie dem Vaterland schon putzig ist.

In der Linkspartei möchte man zurzeit auch nicht sein: Einerseits betreibt selbst Schirrmacher Kapitalismuskritik, andererseits wird von der Linken erwartet, dass sie nichts sagt und tut, was mehr ist als sozialdemokratisch. Links sein ist aber nicht das probate Jammern über „die Auswüchse“ des Kapitalismus, sind auch nicht die immergleichen Debatten über einen „moralischen“ Kapitalismus; nein, links sein heißt die Grundsatzfrage stellen, auf die Gefahr hin, von Lesern des European als „Schreibtischtäter“ belobigt zu werden. Die Grundsatzfrage lautet: Will man das System umfänglich privatwirtschaftlichen Akkumulierens beibehalten oder nicht? Und wenn man es nicht will, was dann?

Die Doppelmoral des Westens

Darauf gibt es keine leichten Antworten; es ist dies, mit Brecht, das Einfache, das so schwer zu machen ist. Die scheinbar leichte Antwort: Kapitalismus ja, aber bitte ohne Arbeitslose und Finanzkrisen, ist keine. Da muss eins gar nicht ins „Kapital“ sehen, ein Geschichtsbuch reicht: Die Krise, das Ausbeuten gehören zum System wie der Stuhlgang zum Essen. Wer die Welt, in der er und seine Kinder leben, anders haben will, der muss bereit sein, sich eine Welt ohne die Deutsche Bank zu denken. Wer das nicht will, weil er dem Fernsehen glaubt, wonach derlei was mit Mauer und Gulag zu tun hat, der soll dann aber auch aufhören zu heulen.
In diesem Dilemma steckt die Linkspartei. Was zu irgendetwas Sozialistischem nötig wäre, offen auszusprechen, bringt in diesem Land bloß Prügel ein, wo ein Geburtstagsschreiben an einen alten Mann, der einen grausamen, korrupten, von der sogenannten Freien Welt gestützten Diktator aus dem Land gejagt hat und dem zwar vieles nicht gelungen ist und der vieles furchtbar falsch gemacht hat, der aber aus einer versklavten Drittweltinsel eine ohne Analphabeten und Obdachlose hat werden lassen, zu öffentlichem Geschrei führt, als wären die so genüsslich im Mund gerollten „Menschenrechte“ nicht zehnmal vergessen, wenn man mit Iran oder China Geschäfte machen kann. Was der Westen Castro nicht verzeiht, sind nicht seine politischen Gefangenen, sondern dass Castro sich bis zuletzt geweigert hat, in Kuba Sweatshops und Autohäuser einzurichten.

Über Sozialismus muss man reden

In Deutschland, in dem das Bemühen um wie auch immer einordnendes Verstehen in puncto Mauerbau sofort hysterisch anklagend als „Verständnis“ denunziert wird, das man keinesfalls haben dürfe, ist über Sozialismus, selbst über einen wie auch immer halbsozialistisch zu reformierenden Kapitalismus nicht vernünftig zu reden, solange jede Einlassung, es müsse sich an der Wirtschaftsordnung im Grundsatz etwas ändern, sofort mit „Mauer“ und „Bautzen“ niedergebrüllt wird. Aber über Sozialismus – ganz einfach definiert als weniger Armut durch weniger Reichtum – muss man reden, wenn man nicht will, dass die Welt so bleibt, wie sie ist. Wem die Erinnerung an den realen Sozialismus dabei nicht behagt, der hat nur zwei Möglichkeiten: Entweder er bleibt bei dem „Nie wieder!“, wie es ihm sein Bundespräsident zum Jubiläum des Mauerbaus, selbigen stiekum zu Auschwitz machend, vorgebetet hat und wartet auf den moralisch revidierten, echt sozialdemokratischen, niemanden um seine Doppelgarage bringenden Kapitalismus, auf die Gefahr hin, dass er da lange warten kann. Oder er setzt sich hin und überlegt sich, ob die Welt Großbanken und Versicherungskonzerne tatsächlich braucht, und verabschiedet sich erst einmal von dem blindwütigen, geifernden, bornierten Antikommunismus, der in der BRD eine Art Staatsreligion ist und den selbst Thomas Mann für die „Grundtorheit der Epoche“ hielt. Denn Religion, wir wissen es, ist bloß Rauschgift; und wer sich noch nicht endgültig in seinen Vorurteilen eingerichtet hat, dem darf ich ein altes, antiquarisch problemlos zu bekommendes, wunderbar faires Buch empfehlen, das die „Stern“-Journalisten Eva Windmöller und Thomas Höpker in den siebziger Jahren verfasst haben. „Leben in der DDR“ – nach der Lektüre muss man Honecker nicht für Gandhi halten, für Hitler allerdings auch nicht.

Wäre doch ein Anfang.

Leserbriefe

  • Theeuropean-placeholder
    Ihr Name – 26.08.2011 - 09:10

    “Sozialismus – ganz einfach definiert als weniger Armut durch weniger Reichtum”
    Genau hier liegt der sozialistische Grundirrtum: Man nehme es den Reichen, dann haben die Armen mehr. Ich wäre sogar dafür, wenn es denn funktionieren würde. Tut es aber nicht. Wohlstand ist kein Kuchen der da ist und verteilt werden muss. Wohlstand muss erst entstehen und das tut er nur durch entsprechende Anreize. Wir nehmen in Deutschland un in weiten Teilen Europas den Reichen etwa die Hälfte ihres Einkommens (Ausnahmen bestätigen die Regel). Nimmt man ihnen deutlich mehr ab, sinkt der Ansporn etwas zu tun und davon haben die Armen am allerwenigsten. Oder anders ausgedrückt: Je mehr man den Reichen weg nimmt (ich bin übrigens leider NICHT reich), umso kleiner wird der Kuchen den man verteilen kann.

  • Theeuropean-placeholder
    AliG – 26.08.2011 - 09:11

    Sorry, hatte vergessen meinen Namen zu schreiben. AliG

  • Theeuropean-placeholder
    BiBo – 26.08.2011 - 09:37

    Hmm… nimmt man diese sehr saloppe Formulierung “weniger Armut durch weniger Reichtum” und denkt diese mal durch, stößt man schnell an ein Kernproblem. Nämlich das der unterschiedlichen Defintionen. Hartz 4 Sätze sind in Deutschland bisweilen als Armut per Gesetz verschrien, in anderen Ländern wäre dies schon Sozialismus.
    Und natürlich, AliG, Wohlstand muss erwirtschaftet werden, weil das derzeitige System es so vorgibt (wobei ich auch keine realistisch Alternative kenne). Oder vielmehr, man braucht ja ein System, eine Ordnung, die Anreize zur Schaffung von Wohlstand gibt. Nun ist die Frage, was sind die richtigen Anreize zur Schaffung von Wohlstand?

    Und was aber ist Wohlstand? Und wo fängt der Reichtum an? An der zweiten Garage würde der Geringverdiener sagen. Am zweiten Skiurlaub im Jahr würde die Latte Macchiato Mama sagen. Am zweiten Porsche würde der Linksparteichef sagen (inoffiziell und vermutet). Es ist halt alles relativ.

    Daher braucht man einen gesellschaftlichen Konsenz, wie viel Wohlstand, in Form von Status und Leistungen, sind “die Reichen” bereit anzugeben. Dann sind die Anreize oder das System zur Schaffung des Wohlstandes sekundär. Etwa Ecuador, ein durchschnittlich sehr armes Land, aber dort sind die wohlhabernen Schichten eher bereit den Kuchen zu teilen. Anders als in Brasilien.
    Und natürlich, wie viel “die Armen” ihrer Meinung nach benötigen. Muss es denn ein zweiter Fernseher sein, während in Indien eine Schale Reis reicht?

    Wer da eine Ordnung schaffen kann, die dauerthaft und nachhaltig ist, dabei noch die Umwelt schont und zudem auch noch Frieden schafft, dem sind auf die nächsten Jahre alle Nobelpreise sicher. Und vor allem, und das ist die größte Schwierigkeit, wie besiegt man die menschliche Gier, den Opportunismus und das Streben für sich das Geilste zu bekommen?

  • Theeuropean-placeholder
    Priapos – 26.08.2011 - 09:57

    Hallo AliG, schon mal was von Steuermodellierung gehört? Das 50-%-Argument zieht nicht. Niemand mit über 100000€/Jahr muss hier mehr als 35% zahlen. Besonders kreativ muss man dafür nicht sein.

  • Theeuropean-placeholder
    AliG – 26.08.2011 - 10:44

    @Priapos: Sie vergessen dabei aber die zahlreichen anderen Steuern wie Grundwerwerbssteuer, Benzinsteuer, Umsatzsteuer …. Wenn man im legalen Bereich bleiben will, gibt es nur für eine sehr kleine Schicht die Möglichkeit summa summarum signifikant unter 50 % zu bleiben. An welchen Stellen es der Staat nimmt, um es dann, nach vorheriger sattsamer Selbstbereicherung zur Alimentierung seiner zahlreichen Profiteure weiter umzuverteilen ist ja wohl egal.

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