Macht nutzt den ab, der sie nicht besitzt. Giulio Andreotti

Scharfe Stilkritik

Das Gelärme unseres zeitgenössischen Brüllaffen-Journalismus hat natürlich seinen guten Grund, korrigiere: seinen schlechten.

Der Sprachkritiker unterliegt oft dem Verdacht, seine Anmerkungen zum Sprachverfall seien ästhetizistisch, besserwisserisch und konservativ, denn Sprache sei schließlich nicht sakrosankte Offenbarung, sondern Werkzeug und Instrument und dem Wandel der Sitten so unterworfen wie der Rest der Welt eben auch. Selbst wenn das stimmt, so gibt es doch gute Sitten und schlechte, und eine schlechte Sitte wird man immer da annehmen dürfen, wo ihr Gebrauch als schädlich fürs allgemeine Wohl klassifiziert werden kann: Wer auf der Autobahn die Unsitte des Links- und Mittelspurblockierens pflegt, behindert alle. Sprachkritik, die nicht zugleich Ideologie- und Manipulationskritik ist, ist ganz wertlos. Bastian Sick ist nicht Aufklärung, sondern Entertainment.

You make me Sick

Sprachkritik im eigentlichen Sinne geht anders. Sie fragt z.B., wozu es dient und wem es nützt, so gut wie sämtliche Geschehnisse, die der medialen Verarbeitung unterfallen, reflexhaft zu verschärfen. „Menschenunwürdige Bedingungen in Pflegeheimen, vernachlässigte Kinder, diskriminierte Migranten: Die Vereinten Nationen gehen mit Deutschlands Sozialpolitik hart ins Gericht. Das Sozialministerium weist die Kritik scharf zurück“, berichtet die „Süddeutsche Zeitung“. Als an Spiegel Online geschulter Leser ahnt man, dass das mindestens zur Hälfte aufgeblasener Unsinn ist; und siehe, man muss den Artikel nur lesen: „Das Sozialministerium hat die Vorwürfe der Vereinten Nationen inzwischen zurückgewiesen. ,Die Kritik im vorläufigen Bericht des UN-Unterausschusses ist in weiten Teilen nicht nachvollziehbar und auch nicht durch wissenschaftliche Fakten belegt‘, sagte eine Sprecherin. Deutschland habe in den vergangenen Jahren auch im Sozialbereich eine positive Entwicklung gemacht, die weltweit hoch anerkannt sei.“

Mehr Etikett als Information

Eine scharfe Zurückweisung klänge, finde ich, anders; ein simples „Entschuldigung, das sehen wir aber nicht so“ als „scharfe Zurückweisung“ zu rubrizieren, ist eine Vortäuschung falscher Tatsachen, vulgo: eine Lüge. Die geneigte Leserin, der geneigte Leser achte einmal darauf, wie unausweichlich eine Kritik immer „scharf“, „massiv“ oder „harsch“ ist, selbst wenn sie in aller Dezenz und Freundlichkeit vorgetragen wird. Solcherlei Rede ist aber nicht mehr Information, sondern Etikett, das von gedankenlosen (Anhänger der Kritischen Theorie mögen sagen: zugerichteten) Redakteur(inn)en als Reklamemaßnahme auf alles geklebt wird, was per se noch nicht verkaufsträchtig genug scheint. In neun von zehn Fällen sind die „Bild“-haften Trommelvokabeln (vgl. auch Chaos, Desaster, Kollaps), die gerade von den sich als seriös verstehenden Online-Medien über uns ausgekübelt werden, zu nichts weiter nütze, als ein Interesse zu stimulieren, das herzugeben man den nackten Tatsachen nicht zutraut. Reklame ist aber per definitionem Manipulation und Manipulation nicht Journalismus (jedenfalls nicht der, der bei jeder Gelegenheit großartig als „vierte Gewalt“ apostrophiert wird). Die Leser werden also nicht nur für dumm verkauft, sondern auch für dumm gehalten; und, soweit man sie dazu bringen kann, das scharf-massive Sperrfeuer nicht für den finalen Kollaps von Aufklärung zu halten, der es ist, dumm gemacht.

PS: Auch möge man Kinder, bitte, weder „bespaßen“ noch „bespielen“. Sich mit Kindern abgeben, den eigenen zumal, ist keine Dienstleistung.

Leserbriefe

Aus der Kolumne

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Mehr zum Thema: Bastian-sick, Bild, Stil

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