Dass jetzt auch ich mich noch zum Todesfall G. Sachs äußere, mag man mir als unangebrachten Boulevardausflug ankreiden; aber erstens bin ich ja auch keine dreißig mehr, und zweitens hat mir Sachsens Freischuss imponiert. Ich bin nämlich eher ein Feigling, der gerade mit Entscheidungen seine liebe Not hat, weil er weiß, dass noch die kleinste Entscheidung einen Lebensast unwiderruflich abschneidet. Da darf man einsehen, dass mir die größte aller Entscheidungen, die zum Tode nämlich, als so heroisch erscheint wie dem Kollegen Kissler eben nicht.
Daher weht der (religiöse) Wind
„Traurig, nicht heroisch ist diese Alterspanik.“ Nicht einzusehen, warum etwas nicht traurig und heroisch zugleich sein kann. Wer sich opfert, weil er ein Kind aus dem Wasser zieht und dabei selber absäuft oder weil er Juden versteckt und dafür vor dem Volksgerichtshof landet, ist ein Held, und doch ist sein Tod traurig. „Für Gunter Sachs war Menschenwürde an Denkvermögen gekoppelt. Insofern dachte er soziobiologisch. Würde war ihm nicht die unverlierbare Beigabe zur menschlichen Existenz, sondern eine Leistung, die es intellektuell zu verdienen galt, die auch verspielt werden konnte: ein trauriger und verbreiteter Kurzschluss in einer Gesellschaft, die das Gehirn verherrlicht, die Seele verleugnet und den Menschen als Kostenstelle und Genpool missversteht.“
Daher weht also der (religiöse) Wind: dass es eine Seele gebe, die im Zweifel wichtiger wäre als der Intellekt, und dass Selbstmörder, weil sie sich am Seelischen versündigen, nicht auf den Friedhof dürfen. Bei aller gerechten Skepsis gegenüber der neueren, an ihren Rändern übertrieben materialistischen Hirnforschung: Seele ist Bewusstsein, Bewusstsein ist Hirn. Das bedeutet nicht, dass, wer kein Hirn oder einen Hirnschaden hat, deswegen seiner Würde beraubt werden dürfe. Würde, die ja auch Tieren zusteht, ist ganz unabhängig vom Intellekt, sie beginnt allerspätestens mit der Geburt und ist von da an „unverlierbar“. Aber deshalb mit dem Eigenrecht der Seele, die ganz ohne gewisse zerebrale, kognitive Vorgänge existiere, zu kommen, klingt uns aufgeklärten Menschen wie das Kirchenlatein, das es ist. Denn wir denken, also sind wir, und diese Souveränität des Denkens schließt die Entscheidung, die eigene Existenz an den Nagel zu hängen, ein. „Entgeht man dem Feind, wenn man dessen Werk vorauseilend selbst vollbringt? Ist die Flucht in den Tod ein Sieg über lebensmindernde Kräfte? Schlägt der Untergeher dem Untergang ein Schnippchen?“ Seltsam genug, dass ein religiöser Mensch wie Kissler das fragt, war Jesu Tod doch nichts anderes als der selbst gewählte Versuch, dem Untergang im Untergehen ein Schnippchen zu schlagen: „Wer an mich glaubt, der wird leben, ob er auch stürbe“ (Joh 11,25). Und wer sich vorm heranrückenden Folterkommando lieber aus dem Fenster wirft, weil er weiß, dass es für die zu erwartende Marter keine Gutschrift gibt, die irgendein Herrgott später ausbezahlt, rettet sich selbst das Leben, indem er es vor lebensmindernden Kräften bewahrt.
Das existenzielle Dilemma von Ich und Welt
Autonomie heißt Entscheidungsfreiheit, und wer sich dazu entschließt, eben diese Freiheit, und sei’s über Jahrzehnte hinweg, langsam fahren zu lassen, verdient denselben Respekt wie der, der den Gedanken daran nicht erträgt. Das hat mit den gesellschaftlichen Bedingungen ausnahmsweise nichts zu tun, und gerade Sachs dürfte den Satz, er habe sein Leben in vollen Zügen gelebt, gern unterschrieben haben. Selbst wo das Leben nicht mehr nach seinem Nutz-, sondern seinem Eigenwert berechnet würde und im Bewusstsein, auch als vergehendes, defektes, am Ende hilfloses Leben so respektiert zu werden, wie es jedes Leben verdient, kann es keine Verpflichtung geben, das Privileg der Entscheidungshoheit über das eigene Dasein einzutauschen, schon gar nicht gegen irgendwelche klebrigen, im Dunst von Tapferkeitsüberlegungen siedelnden Vorbildlichkeiten.
„Was denken sich wohl neu Erkrankte beim Blick auf die Gstaader Nachrichten? Dass ihr Fall auch ein Fall sein sollte für die Ballistik, nicht für Therapie und Empathie?“ Diesen Schwarzen Peter sollte man aber nicht Sachs zuschieben, der ja nicht darum gebeten hat, sein Sterben auf Zeitungsseiten zu verlängern; und wenigstens im Tod hat ein Mensch alles Recht, das existenzielle Dilemma von Ich und Welt in einem letzten, rigoros egoistischen Akt aufzulösen. „Wer Hand an sich legt“, schreibt Jean Améry in seinem berühmten Essay, „ist auf mörderische Weise … Herr sowohl wie Knecht der Zeit, seiner, der einzigen, von der er noch wissen will, denn jetzt befindet er sich schon im Zustand totaler Ipseität. Was schert mich Weib, was schert mich Kind; was scheren mich Physik und objektive Erkenntnis, was schert mich das Geschick einer Welt, die mit mir versinken wird.“ Niemand hat mich gefragt, ob ich kommen will; warum soll ich um die Erlaubnis bitten müssen zu gehen?
Leserbriefe
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Sehr geehrter Stefan Gärtner, da dieser Artikel eine reine Überzeugungstat ist, fällt es schwer, dagegen zu argumentieren.
Ich würde Ihre Überzeugungen aber auf das dahinterstehende Menschenbild / Weltbild befragen. Und ich würde Ihre Definition des Menschen aus dem Handeln an E.Levinas (z.B. Die Zeit und der Andere) verweisen.
Wie ich in einem Kommentar zu Kisslers Artikel geschrieben habe, steht ziemlich im Zweifel, ob auf der Basis eines funktionalistischen Daseinsbegriffes eine “Entscheidung für den Tod” überhaupt treffbar ist. (Hiermit beziehe ich mich auf Ihren Satz: “…dass mir die größte aller Entscheidungen, die zum Tode nämlich, als so heroisch erscheint wie dem Kollegen Kissler eben nicht.”)
Vielleicht könnte man die Diskussion eröffnen, indem man sich explizit über das jeweilige Menschenbild und seine Konsequenzen unterhält- den polemischen Schritt der Selbstvergewisserung (als Gegner) über die Religion können wir uns hierbei sparen.
Ich frage mich nur, wie Sie “Menschenbilder” mit Argumentationen erschüttern wollen. Auf diesem Weg werden Sie nicht weit kommen, fürchte ich. Sie haben Ihr Menschenbild und Herr Gärtner seins (das ich offensichtlich in etwa teile), und Menschenbilder sind meistens tief in der Persönlichkeit verwurzelt (sonst wären sie nur Meinungen und keine Menschenbilder). Wenn Sie jetzt anfangen wollen, die miteinander zu vergleichen und argumentativ zu bewerten, dann wird das relativ sicher mit Schmackes in die Hose gehen. Aber Versuch macht kluch, ne ;-)
Naja ich persönlich halte nicht`s von der Sauerei die man hinterlässt wenn man sich eine Kugel durch den Kopf jagt, die armen Sanitäter die das wegeräumen mußten. Unser guter Pilatus sagte einst:“Es ist nicht nur eine Kunst zu Leben es ist erst recht eine Kunst gut zu Sterben”.
Ich selbst muß gestehen das ich den Suizid schon mit Rohrfrei, Fleckentferner und anderen Chemikalien versucht habe nur unsere überbezahlten Giftmischer taugen in dieser Hinsicht leider garnicht`s.
Herrn Voigt nennt hiermit wohl ein Argument aus der “Praxis”, dem ich zupflichten möchte.
Auch wenn es doch sehr makaber erscheint. Ihnen Herr Voigt wünsche ich mehr von diesem Humor bei der Bewältigung Ihrer Krise.
Unsere Gesellschaft wäre morgen zuende, wenn jeder sein “gutes Recht” einforden wollte. Selbstjustiz, Freitod und der Mord an ungeborenem menschlichen Leben gehören nicht in unsere aufgeklärte Gesellschaft.
Wenn, Herr Reber, “jeder” xyz machen würde, dann würde in der Tat nix funktionieren. Darum sind Sprüche wie “wenn das jeder machen würde” ja auch so herzzerreißend dämlich, denn da die Menschen keine Roboter sind, ist es sehr unwahrscheinlich, daß sie alle zur gleichen Zeit das gleiche machen werden. Keine Sorge, die meisten Sachen, bei denen Ihnen ein “wenn das jeder machen würde” entfährt, machen in echt nur ganz wenige Leute.
Selbstjustiz finde ich ja auch scheiße (auch wenn ich sie emotional nachvollziehen kann in manchen Fällen, und womöglich auch selber auszuüben imstande wäre… wogegen ich staatliche Selbstjustiz wie Todesstrafe in jedem Fall ablehne).
Auf Ihren kleinen Schwenker Richtung Abtreibunsgdebatte wollen wir hier mal nicht eingehen, das verdient diese billige rhetorische Figur nicht.
So, jetzt zur Hauptsache: Sie meinen, wenn jeder, der Bock auf Freitod hat, sich umbringen würde, dann würde die Gesellschaft “zuende” sein? Herzlichen Glückwunsch, Sie befinden sich in einer Gesellschaft, die seit einiger Zeit nicht mehr existiert ;-). Denn jeder, der seinem Leben wirklich ein Ende setzen möchte, wird das auch früher oder später hinbekommen. Suizid ist nix, was man mal eben so nach dem Nachmittagseinkauf auf der To-Do-Liste hat. Und nichts, wirklich niemand, kann jemanden, der wirklich entschlossen ist, davon abhalten.
Leute begehen also Suizid, nehmen sich ihr gutes Recht darauf. Tagtäglich und überall. Trotzdem ist die Gesellschaft nach wie vor da und durchaus aufgeklärt. Ihre Argumentation ist ein bißchen schwachbrüstig, möchte ich meinen ;-).
Joa, war ja auch doof mit dem Enke damals, der war ja wohl über die halbe Bahnstrecke verteilt… wer also rücksichtsvoll und möglichst nett und steril und ohne Ärger zu machen gehen möchte, dem empfehle ich die Kombination Schlaftabletten-schweres Gewicht-Boot. Einfach mit einem kleinen Motorboot möglichst weit aufs Meer rausfahren, Gewicht an Füße binden, Tabletten schlucken, fertig ;-). Die Tabletten sollten eigentlich sicher und schmerzfrei wirken (kP ob das echt so ist, ich kenn mich da nicht aus, aber für sowas gibts ja auch Foren…), das Boot wird im nächsten Sturm kentern, und das Gewicht sorgt dafür, daß du ohne Aufhebens Richtung Meeresgrund verschwindest und nicht etwa traumatisierenderweise wieder angespült wirst und von kleinen Kindern beim Strandburgenbauen ausgebuddelt wirst.
(es ist natürlich schon ein bißchen komisch, wenn Leute, die auf der einen Seite die ach so utilitaristisch-anpassungszwingende Gesellschaft verdammen, auf der anderen Seite über die unhygienischen und die saubere Ordnung störenden Konsequenzen lamentieren, die manche Suizidformen halt mit sich bringen. Aber das macht hier natürlich niemand, schon klar^^).
Wo bleibt die “Freiheit”, wenn meine Entscheidung von der Angst diktiert wird? Von der grauenhaften Angst vor einer utilitaristischen und hedonistischen Leistungsgesellschaft und deren Umgang mit dem unperfekten, kranken und siechen Menschen.
Ist diese Angst die Freiheit, die Sie meinen? Ist diese Flucht vor der Unmenschlichkeit einer egozentrischen Gesellschaft eine mutige, freie, selbstbestimmt herbeigeführte und vor allem auch würdevolle Tat?
…hier läßt sich das Gleiche sagen, wie ich unten zu P Feldmann schrob: Sie bringen gesellschaftliche und persönliche Gründe durcheinander. Auch in einer ganz doll liebevoll kuscheligen Gesellschaft möchte ich nicht jahrelang unter Schmerzen, Inkontinenz und völligem Kontrollverlust leiden. Dies sind persönliche Leiden, die unabhängig von der Gesellschaftsform stattfinden, jedenfalls so lange, bis sie medizinisch behandelbar sind (aber wenn das mal passiert, wird bestimmt Robert Spaemann kommen und mahnen, daß wir wahlweise “uns an die Zwänge der Gesellschaft anoptimieren” oder “den Wert des Leidens nicht schätzen” oder “Gott ins Handwerk pfuschen”. Das kann man verstehen, Spaemann verdient damit schließlich sein Geld, er ist halt auch nur ein Zahnrädchen ;-)).
(ja ich weiß, niemand hat hier Spaemann erwähnt. Aber ich kenn so einige Pamphlete von ihm, und die sind mir gerade eingefallen, als ich die Kommentare hier gelsesen hab).
@ S.Gärtner, @M.Voigt
Die Frage des Suizids konstituiert sich ja (wie in Ihren Beiträgen ersichtlich) wesentlich auch über die “Frage nach einem guten Tod”. Dieser Eu-Thanatos ist aber nicht gerade eine Frage der Neuzeit, sondern es gibt,- wie Ihnen beiden bekannt (Herrn Gärtner als Geisteswissenschaftler muss es bekannt sein)-, eine Tradition der ars moriendi- der Kunst zu sterben. Das christliche Mittelalter sah als Vorbedingung für einen guten Tod, die Einübung ins Abschiednehmen. Dahinter steht die Einsicht, dass der Tod kein singuläres Phänomen ist, sondern dass Sterben praktisch ein Konstituenz unseres Lebens ist, es findet in irgendeiner Form jetzt bei jedem von uns statt. Dazu gilt es sich zu verhalten, um überhaupt ein existenziell gültiges Handeln möglich zu machen.
Was Herr Sachs gemacht hat, kann man unter diesem Gesichtspunkt als absolutes Scheitern an der Aufgabe des Sterbenlernens ansehen. Wenn der Handelnde der Heroe ist(Gärtner), so darf man- wie oben schon gesagt- feststellen, dass hier ein Getriebener und kein Handelnder am Werk war. Hier wurde weder der Tod gewählt noch ein “guter” Tod herbeigeführt, sondern das Sterben wurde auf seine rein biologische Vorgabe reduziert. Darin ist eine implizite Aussage über das Menschenbild. Und DA liegt das Problem.
Und wir reden darüber, weil hier ein Leitsymptom unseres Gesellschaft-Pathos ist. (Ein Seitensymptom derselben Krankheit ist die verordnete “Nutzlosigkeit” der nicht Arbeitenden… oder der utopische Gesundheitsbegriff der WHO…)
Dieser Argumentationsstandard ist ja vergleichsweise neu (weiß gar nicht, wann das das erste Mal aufgekommen ist… irgendwelche Soziologen anwesend?): die assoziative Verbindung von “Gesellschaft, die nur den Nutzwert ihrer Mitglieder kennt” und “Freitod wegen Nicht-Funktionierens” – Ihr letzter Satz bedient ja genau diesen Standard/diese Argumentationsfigur.
Die funktioniert oft deshalb so gut, weil wohl die meisten Freitodbefürworter gleichzeitig eine rein wirtschafts-utilitaristische Gesellschaft ablehnen und deshalb vom Vorbringer dieser Argumentationsfigur schnell der oberflächliche Eindruck eines Selbstwiderspruchs erzeugt werden kann.
Dieser Eindruck ist aber falsch. Denn sie faßt “Funktionieren im Sinne der Gesellschaft” und “Funktionieren in meinem persönlichen Sinne” als eins zusammen, das sind aber zwei völlig unterschiedliche Paar Stiefel.
Ich persönlich zb. halte gar nix davon, ein nettes staats- und wirtschaftsdienliches Zahnrädchen zu sein und habe schon mehr als einen Vorgesetzten reichlich dumm aus der Wäsche schauend zurückgelassen, weil mir Lebensqualität wichtiger ist als ein paar Euro zusätzlich (“wie können Sie sich nur diese Chance entgehen lassen?”… schon klar, täglich von 5 bis 16 Uhr ackern, zwar bei gutem Einkommen… nee, muß nicht).
Ich befürworte übrigens auch das Bedingungslose Grundeinkommen.
Auf der anderen Seite ist es mir, für meine ganz persönliche Lebensqualität, wichtig zu wissen, daß ich kein reiner Spielball des “Schicksals” bin und mich in alles fügen muß, was passiert, ohne Einfluß darauf nehmen zu können. Und eine Aussicht, jahrelang ohne Chance auf Verbesserung zu leiden und immer weniger klarzukommen und zu begreifen, was um mich passiert (außer daß es unangenehm ist), die wäre für mich durchaus Grund zu überlegen, warum ich mir das denn bitteschön antun sollte.
Kurz gesagt: Sie bringen wirtschaftlich-utilitaristische mit egoistischen Gründen durcheinander, vermutlich bewußt. Ich denke dagegen, Sachs hat aus sehr verständlichen egoistischen Gründen gehandelt, und “egoistisch” ist hier bitte ohne die übliche negative Konnotation zu verstehen, sondern ganz neutral. Wenn er als “Opfer” gehandelt hat (was hier einige gerne suggerieren wollen, scheints), dann definitiv nicht als Opfer der bösen Gesellschaft, sondern als “Opfer der eigenen Ansprüche an ein lebenswertes Leben”. Und das tun wir ja im Endeffekt alle, in jeder Sekunde, auch wenn wir uns nicht gerade umbringen.