Statt der Kohle sollten wir Kinder fördern. Guido Westerwelle

Schwarzgrün ist die Hoffnung

Die Landtagswahlen in Baden-Württemberg als Tod des Bürgertums? Im Gegenteil. Auch ein grüner Bürger ist ein Bürger, und ein Solardach auf der Suppenküche sorgt für nachhaltige Klassenverhältnisse.

Wir wollen ja nicht immer Pro-domo-Kritik betreiben, aber wenn an dieser Stelle mit Blick auf Baden-Württemberg der Sieg des irgendwie Antibürgerlichen über das Bürgerliche ausgerufen wird, dann ist das leider derart falsch, dass mir erlaubt sei, einzugreifen. „Weil das Bürgertum keine politische Relevanz mehr hat, konnte Grün-Rot im tief ,bürgerlichen’ Ländle so fulminant gewinnen … Als bewusste Selbstbezeichnung ist das Bürgertum heute tot … als politische Trennlinie hat diese Unterscheidung ausgedient“ – Unsinn. Ganz abgesehen davon, dass die klassische Bürgerpartei CDU bei knapp 40 Prozent Zustimmung gelandet ist, ist der Sieg der Grünen im deutschen Südwesten ein bürgerlicher Sieg.

Bürgerlich ist ein Vorsprung an Besitz, Bildung, Privilegien

Was ist bürgerlich? Bürgerlich ist ein Vorsprung an Besitz, Bildung, Privilegien. Solange es „gute“ und „schlechte“ Wohnviertel, Schulen, Marken gibt, gibt es den Bürger, im Unterschied und in Abgrenzung zum Prolo/Migranten/Hartzler. Bürgertum ist maßgeblich der Wunsch, dass sich an den Besitzverhältnissen nichts ändere, jedenfalls nicht zum Schlechteren; zwar hat der Bürger nicht unbedingt was dagegen, wenn alle mehr haben, aber tief im Innern weiß er doch, dass das, was er zu viel hat, andere zu wenig haben. Der Bürger, sofern er ein liberal-aufgeklärter ist, will, dass die Welt eine bessere werde, allerdings ohne dass deswegen sein Vorsprung an Besitz, Bildung, Privilegien verloren geht. Gemeinschaftsschule? Unbedingt, solang mein Kind aufs Gymnasium kann.

Jetzt, wo die Welt immer drängender eine bessere werden muss, wenn sie nicht komplett zuschanden gehen soll, muss diese Schizophrenie noch größer werden. Der Kollege Schloemann hat in der „Süddeutschen Zeitung“ die Grünen treffend als Partei des (neu)bürgerlichen Spagats zwischen der Notwendigkeit, grundsätzlich etwas zu ändern, und den klassengemäßen Beharrungskräften charakterisiert: „Es geht bei diesem historischen Umbruch der Parteienlandschaft nicht so sehr um einen läppischen Bahnhof oder eine arrogante CDU, es geht noch nicht einmal nur um die Kernenergie. Es geht um die strukturell unvermeidliche Verlogenheit, wenn ökologisch korrigierte Lebensstile innerhalb des bestehenden Gesellschaftssystems als Wende zur generellen Veränderung verkauft werden. Wenn die wohlhabenderen, gebildeteren, liberaleren Kreise sich im Kleinen bemühen, alles ein ganz bisschen sauberer und richtiger zu machen, und zugleich die großen Strukturfragen zur Gewissensentlastung an die Partei der Grünen delegieren. Wenn die biologisch wertvollere Lebensweise unterschwellig als soziales Distinktionsmittel dient, denn beim Aldi ist es ja wirklich so was von eklig. Die Grünen sind keine Chaoten und Aussteiger mehr. Die Grünen, das sind wir alle.“ Ob der „Tugendterror“, den Schloemann im Freiburger Vorzeige-Ökoviertel Vauban ausgemacht haben will, tatsächlich so „sanft“ ist, bleibe dahingestellt; richtig ist, dass Freiburg längst einen gewissen Ruf als Spießerstadt hat, in der ich genausowenig leben wollte wie unter den engagierten Kreativbürgereltern in den ethisch korrekten Bioladenvierteln Berlins.

Rechtsdruck nach BaWü?

Wenn wir orthodox sein wollen und „links“ nicht einfach als Wohlfühllabel der Bio-Hedonisten und Frühförder-Mamis verstehen, sondern als im engen Sinne antibourgeois: gegen vererbte Privilegien, für Chancengleichheit, für die Überwindung der Klassenunterschiede (Stichwort Gleichmacherei), dann ist Deutschland mit den Wahlen in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz sogar nach rechts gerückt. Die Linkspartei ist nicht in den Landtagen vertreten, dafür koaliert die Partei der Gebildeten, Liberalen, Wohlhabenden mit einer immer schwächer werdenden SPD, die kein Armer mehr wählt, wenn er noch bei Groschen ist. Ein reichliches Drittel der Leute wählt ohnehin nicht, und wir dürfen unterstellen, dass die meisten von ihnen zu Hause bleiben, weil sie wissen, dass ihnen keine Wahl der Welt den Zutritt zum juste milieu bringen wird.

„Der unersättliche Kapitalismus, der unsere Lebensform garantiert, bildet den Hintergrund für das grüne Lebensgefühl der Mittelklassen; mit fundamentaler Umkehr hat das alles nichts zu tun.“ (Schloemann) Dass die Kernkraft beerdigt wird (wenn sie es denn wird), bon. Aber links wird dieses Land nimmermehr; bloß die Art, auf die es rechts ist, wechselt.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Stefan Gärtner: Zum ewigen Kriege

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