Generalisierungen sind weder hilfreich, noch angebracht. Ali Kizilkaya

Zweifellos wünschenswert

Japan brennt, aber das ist halt Restrisiko, und wer jetzt demonstriert, tut das auf dem Rücken von Opfern und soll sich schämen. Fein; aber auch die demagogischen Bemühungen der Konservativen werden die Kernkraft in Deutschland nicht mehr retten.

Die Gedanken sind frei; und wie Vögel finden sie immer wieder zu ihren Nistplätzen zurück: „Leben bedeutet, sich Risiken auszusetzen“, psalmodierte der bei „Spiegel online“ fürs Konservative zuständige Hauskolumnist, noch bevor in Japan auch der dritte Reaktor explodierte. „Welche als tragbar gelten und welche eben nicht mehr, wird in demokratischen Gesellschaften ständig neu verhandelt, das gehört zum Wesen unseres Gemeinwesens. Atomkraft ist eine gefährliche Technik, und es wäre zweifellos wünschenswert, wir kämen ohne sie aus, aber genau daran bestehen Zweifel, jedenfalls wenn wir auf nahe Zukunft unseren Wohlstand nicht gefährden wollen.“ Das klingt hehr, und weil die „Neue Zürcher Zeitung“, wenn auch vornehm fragend, just dasselbe schrieb: „Welches Restrisiko sind wir bereit zu schultern zur Befriedigung unseres ungehemmt steigenden Hungers nach Energie?“, soll unser Arschgeigerzähler nicht gleich mitexplodieren.

Das Leben geht nicht immer weiter

Inzwischen hat sogar der Bundesumweltminister Röttgen angekündigt, den Begriff „Restrisiko“ neu bestimmen zu wollen, und dieses Risiko ist nun mal ein anderes, als es (auch das ein beliebtes Pro-Atom-Argument) beim Autofahren anfällt. („Über 3.000 Menschen fallen allein in Deutschland jedes Jahr dem motorisierten Bewegungsdrang zum Opfer, aber das hat … noch kaum einen ökologisch gesinnten Mandatsträger davon abgehalten, auf seinen Dienstwagen zu verzichten.“) Auch wenn andere Formen der Energiegewinnung Gefahren bergen, und so schlimm jedes Grubenunglück in China oder anderswo ist: Da geht das Leben weiter. In Fukushima, wenn es schlecht läuft, nicht.

Auch das kurrente Gerede, deutsche Atomkraftgegner machten Politik auf dem Rücken der armen Japaner, verkehrt die Verhältnisse. Nachdem die amtierende Regierung mit dem Beschluss zur Laufzeitverlängerung nichts als Profitinteressen bedient und Politik auf dem Rücken der Mehrheit des Wahlvolkes (und der Generationen, die sich mit der Atommüllschweinerei werden herumärgern müssen) gemacht hat, wären die Atomkraftgegner, selbst wenn sie Gabriel und Trittin heißen, ja geradezu umnachtet, nur deshalb nicht auf die Gefahren deutscher Schrottmeiler hinzuweisen, weil anderswo Hunderttausende vor japanischen Schrottmeilern fliehen; und als wär’s nicht der konservative Säulenheilige Kohl gewesen, der das ewige Wort vom „Mantel der Geschichte“, den es beizeiten zu ergreifen gelte, in die Welt geworfen hat. Wer immer jetzt die Chance ergreift, das „Ende des Atomzeitalters“ („Spiegel“) zu beschleunigen, hat recht; und ums Moralische kümmern wir uns, wenn nach den Wahlen des Jahres 2011 die Sache mit dem Ausstieg aus dem Ausstieg aus dem Ausstieg abermals neu verhandelt werden wird. Das Kapital lässt sich schließlich nicht auf der Nase herumtanzen, schon gar nicht, wenn sie sich immer weiter vergolden lässt.

Was nicht läuft, kann nicht havarieren

Weiter: „Sie“, die Gegner der Kernkraft, „sind uns in all den Jahren ihres Neins zur Atomenergie letztlich die Antwort auf die Frage schuldig geblieben, wie die letzte verbliebene Industrienation Westeuropas in den nächsten Jahrzehnten ohne die Brückentechnologie Atomenergie auskommen soll“, hieß es im European. „Streuen Sie uns bitte keinen Sand in die Augen und verschweigen Sie, dass wir nach einem Ausstieg in Deutschland Atomstrom von unseren Nachbarn Frankreich und Polen einkaufen müssten.“ Was oder wer hier mit der „letzten verbliebenen Industrienation Westeuropas“ gemeint ist (ist Frankreich ein Agrarland?) und mal abgesehen davon, dass in Polen gar kein Kernkraftwerk steht: Mir sind 50 Kernkraftwerke lieber als 100 und 25 lieber als 50, denn was nicht läuft, kann nicht havarieren und macht keinen Müll. Und jetzt, wo die Kernkraft in Deutschland „politisch erledigt“ (“FAZ“, 16.3.) ist, dürfen Fachmänner und Fachfrauen das wiederholen, was selbst das Umweltbundesamt immer gesagt hat und was aber Schwarz-Gelb nicht hören wollte: „Das Umweltbundesamt (UBA), eine nachgeordnete Behörde des Bundesumweltministeriums, hält längere Atomlaufzeiten für verfehlt. Der „Neuen Osnabrücker Zeitung“ sagte UBA-Präsident Jochen Flasbarth zur Laufzeitverlängerung: ,Das war nicht unsere Empfehlung.‘“ Bis 2017, heißt es vom UBA neuerdings, sei der komplette Ersatz von Kernkraft durch regenerative Energien möglich, und zwar ganz ohne „Stromlücke“, die eine Erfindung der Energieindustrie ist.

Ob der Arzt, der mir das Leben rettet, das nur des Geldes wegen tut, ist mir egal. Aus welchen wie immer schmierigen, wahlstrategischen Gründen Merkel und Röttgen, Gabriel und Trittin das Ende der Kernkraft – einer Technologie, die ohne massive Subventionen nie konkurrenzfähig gewesen wäre – ins Auge nehmen, ist mir wurscht. Hauptsache, der Spuk ist beizeiten vorbei.

Leserbriefe

  • Theeuropean-placeholder
    RCB – 18.03.2011 - 13:31

    Sehr gut, Ihre beiden Überschrifts-Sätze hab ich mir in den letzten Tagen mehr und mehr, spätestens nach Maybrit Illner gestern Abend auch gedacht, nur noch nicht gewusst, wie man es am Besten glaubhaft und verständlich unter die Leute bringt. Diese Scheinheiligkeit gelingt besonders Herrn Röttgen prima, der bei der Einführung von E-10 schon mit dem Gadaffi-Vergleich beim Oel so außerordentlich geglänzt hat.

    Vielleicht sollte man es aber nicht dabei belassen, immer nur Merkel, Westerwelle, Mappus, Röttgen & Co als Alleinverantwortliche für den Ausstieg vom Ausstieg zu benennen und zu zitieren. Natürlich sind die als maßgebende Politiker letztendlich dafür verantwortlich, aber erheblich mitverantwortlich sind auch deren Verhandlungspartner aus den Konzernen, ohne deren (um es einmal vornehm auszudrücken) “Drängen” das nicht möglich gewesen wäre. Die sollte man an forderster Front schon immer mit benennen, denn ohne deren “Überredungskünste” und ??? wäre es nie zu diesen Laufzeitverlängerungen gekommen:

    Das sind u.a. Ralf Güldner (Deutsches Atomforum), Jürgen Großmann (RWE), Johannes Teyssen (E.ON), Hans-Peter Villis (EnBW), Tuomo Hatakka (Vattenfall Europe) und nicht zuletzt Hans-Peter Keitel vom BDI.

    Diese Herren verschanzen sich als grundseriöse Geschäftsleute hinter ihren Konzernfassaden und sind doch eigentlich diejenigen, die Ihre Macht auf diese schwarz-gelbe Regierungskoalition ausgeübt haben und das noch immer tun!

    Warum gerade diese schwarz-gelbe Regierungskoalition so anfällig gegen den Druck der Atomlobby war und ist (rot-grün hatte ja vorher genau das Gegenteil verhandelt und abgeschlossen), ist vorerst noch nicht so ganz ersichtlich, sollte aber von unserer sonst alles herausfindenden Presse rasch mal recherchiert und dann veröffentlicht werden! Es kann ja nicht nur daran liegen, dass man in den genannten beiden/drei Parteien seit einiger Zeit leider mit eher etwas einfacher gestricktem Personal auskommen muss (wie anders hätte K.T. zu Guttenberg als 3er-Absolvent sonst auch einen solchen Auftrieb erleben können?).

    Das Thema “Atom mitten unter uns” ist zu brisant, als dass man das nun nochmals verdrängen dürfte, zumal es mittlerweile echte Alternativen zu dieser Art der Energieversorgung, zumindest bis in 6-8 Jahren gibt.

    Danke für Ihren o.g. Beitrag!

  • Theeuropean-placeholder
    gsohn – 18.03.2011 - 17:06

    Der Unterstützerkreis der Laufzeitverlängerung reicht übrigens von Otto Schily bis zum Teammanager der Nationalmannschaft. Sozusagen das Netzwerk der Deutschland AG:

    Siehe: http://gunnarsohn.wordpress.com/2011/03/14/hallo-herr-bierhoff-herr-ackermann-herr-clement-herr-cordes-herr-grube-herr-merz-herr-schily-stehen-sie-noch-zur-atomenergie/

  • Theeuropean-placeholder
    Alexander – 20.03.2011 - 09:08

    Es ist immer wieder köstlich, wenn Germanisten oder andere Geisteswissenschaftler sich an technischen Fragen abarbeiten. Warum nicht einfach mal die Schnauze halten, wenn man nichts, aber auch gar nichts von einem Sujet verstanden hat?

  • Theeuropean-placeholder
    BiBo – 22.03.2011 - 09:38

    Das Problem mit dem Atom ist doch Zweierlei. Auf der einen Seite ist eine rationale Diskussion nur selten moeglich. Entweder ist man dafuer oder dagegen, dazwischen gibt es nicht viel. Und beide Seiten sind nicht wirklich offen fuer Argumente, respektive die Argumente stammen immer von Menschen, die der einen oder der anderen Seite angehoeren und damit zu rationalen Begruendungen nicht faehig sind. Zudem ist es immer getragen von persoenlichen Empfindungen und sei es nun die Angst vor dem was in Japan passiert ist oder andere Empfinden (oder Opportunismus). Ich finde es falsch, jetzt in blanken Aktionismuss zu verfallen und einfach, aus welchen Gruenden auch immer, auf der Welle mit zu schwimmen und ohne Nachdenken Massnahmen zu verkuenden. Dennoch, und das sollte die Aufgabe sein, sollte man jetzt nachdenken, wie man schleunigst die Dinger los wird. 1986 war ich 7 Jahre alt und durfte nicht raus zum spielen, seit dem ist mir der Spass immer etwas suspekt.
    Aber wenn Fukushima noch was gezeigt hat, dann dass GAUs und andere Atomkatastrophen nicht nur in armen Laendern der dritten Welt oder in Schurkenstaaten (oder in Staaten mit total maroder Infrastruktur wie den USA) passieren koennen, sondern auch in hoch technoloisierten Laendern wie Japan. Und wenn da, warum nicht auch woanders – wenngleich es nicht immer ein Beben oder ein Tsunami sein muss.
    Und da zeigt sich das zweite Problem, was nuetzt es, wenn Deutschland morgen alle AKWs ausschaltet, in anderen Laender aber fleissig noch das Atom geruehrt wird. Beispiel, ich verfolge die Geschehnisse in Japan in den deutschen Medien online, weil die hiesigen indischen Medien dies am Rande behandeln und auch nur soweit, wie Indien involviert ist. Hier wird gerade in Jaitapur, einerErdbebenregion, die groesste Atomanlage der Welt gezimmert. Aussage von gebildeten Kollegen auf meine Frage, was denn passiert, wenn dort es mal kesselt, “ach, in fuenf Tagen ist die Population wieder hergestellt!!!” Mit anderen Worten, die Sensibilitaet fuer dieses Thema ist noch nicht wirklich da, und wenn ich daran denke, wie die Inder bisweilen arbeiten, gerade in stressigen Situationen, da bekomme ich schon Angst. Von daher, selbst ohne eigene AKWs (auf deren “hohen” Sicherheitslevel ich seit Japan scheisse) sind wir immer noch der Gefahr ausgesetzt.

Aus der Kolumne

Alle an die Wand

Kritischer Konsum

Photocaseyxyfugfy53578821

Die kleinen Lügen hängt man, die großen lässt man laufen: über den kritischen Konsumenten, x-te Folge.

Kopf
von Stefan Gärtner
25.05.2012

Betrachtungen zum Spiel Hertha gegen Düsseldorf

Kleinkindmachtauchmist 4

Die womöglich beste und freieste Gesellschaft aller Zeiten hat nur einen Haken: Sie wird immer mehr zum Kindergarten.

Kopf
von Stefan Gärtner
18.05.2012

Plagiatsvorwürfe an Annette Schavan

132920464 1

Die Bundesbildungsministerin hat ein paar Stellen ihrer Doktorarbeit kopiert? Wenn es nur das wäre: Sie hat die deutsche Universität zu einer Kopie der amerikanischen gemacht. Und zwar zu einer schlechten.

Kopf
von Stefan Gärtner
11.05.2012

Mehr zum Thema: Atomausstieg, Innenpolitik, Norbert-roettgen

Debatte

Stockende Energiewende

Martin_abegglen_ccbysa

Stockende Energiewende

Solarstrom wird immer weniger subventioniert - die Energiewende ist auch deshalb ins Stocken gekommen. Stattdessen setzt Wirtschaftsminister Rösler mit Kohle auf die falsche Energiequelle. weiterlesen

Bautz1web
von Christoph Bautz
12.03.2012

Debatte

Zwischen Atomausstieg und Klimaschutz

Greg_dunlap_ccby

Zwischen Atomausstieg und Klimaschutz

Die Abschaltung der Atomreaktoren war die richtige Reaktion – denn die Technik birgt nicht nur Risiken, sondern sie eignet sich auch nicht als Brückentechnologie. Deutschland macht vor, wie der Spa... weiterlesen

Gr_ndinger_wolfgang
von Wolfgang Gründinger
11.03.2012

Debatte

Erneuerbare Energien in Deutschland

Energiedebatte

Erneuerbare Energien in Deutschland

Die deutsche Bundesregierung torpediert die Energiewende und den Klimaschutz. Eine Bürgerbewegung wird beides erkämpfen müssen. weiterlesen

Hubert_weigner
von Hubert Weiger
29.01.2012
meistgelesen / meistkommentiert