Der intrinsische Erkenntnisdrang der Forscher mag einem abgeklärten Journalisten fremd sein. Andrea Kamphuis

Das Märchen vom armen Mann und der guten Gabe

Dass Hartz IV nicht zuletzt der Kujonierung, Kriminalisierung und Demütigung der Depravierten dient, war bislang Exklusivwissen informierter Kreise. Die Hartzler jetzt öffentlich und wochenlang zu verhöhnen, ist da glatt ein Strategiefehler. Am Ende kriegt noch wer Mitleid!

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Es war einmal ein armer Mann, der hatte reiche Verwandte. Diese Verwandten hatten vor Jahren, weil sie alle gute Christenmenschen und/oder Sozialdemokraten waren, beschlossen, ihren armen Verwandten zu unterstützen: Jeder sollte allmonatlich ein winziges Scherflein seines Vermögens abgeben und es dem Verwandten schenken, damit der arme Mann, der zu Hause ein Halbdutzend Mäuler zu füttern hatte, ein wenigstens annähernd menschenwürdiges, teilhabendes Leben führen könne.

Familiäre Barmherzigkeit

Einerseits war der Mann dankbar für diese Spende, die ihn mehr schlecht als recht über Wasser hielt; andererseits schämte er sich, denn er hatte ein halbes Leben lang hart in den Firmen der Verwandtschaft geschuftet und war nun krank geworden und konnte sich des Gedankens nicht erwehren, dass er ein Recht auf eine angemessene Rente hätte, schließlich wären seine Verwandten nicht halb so reich, wenn er nicht für sie jahrzehntelang den Rücken krumm gemacht hätte. Abends, wenn die Familie schon im Bett lag und der Mann stumm unter seiner Lampe saß, wurde ihm ganz elend vor Kummer und Scham, denn die Verwandten ließen es an Zeichen nicht fehlen, dass er, der Mann, ihr Geld nur ihrer Großherzigkeit zu verdanken habe, dass er ihre Zuwendungen keinesfalls als erworbenes Recht betrachten dürfe und sie, die Verwandten, ihre Zuwendungen jederzeit kürzen oder sogar ganz aussetzen dürften, wenn sie etwa Undankbarkeit oder Renitenz zu spüren bekämen.

Eines Tages nun erreichte die Verwandten ein Brief des Familienpatriarchen, eines alten Richters, dem die Armut seines ärmsten Verwandten zu Ohren gekommen war und der nicht zulassen wollte, dass der Ruf seiner großen, reichen, mächtigen Familie darunter litte, dass ihr Geringster nur ein so eingeschränktes Dasein führen konnte. Er befahl seinen Verwandten, ihre Spendenpraxis noch einmal zu überdenken, denn das, was der arme Mann von ihnen beziehe, reiche ja hinten und vorne nicht. Er, der alte Richter, verlasse sich da ganz auf sie, die Verwandten, auf ihre Christlichkeit und/oder ihre Sozialdemokratie, er wolle jedenfalls in Zukunft keine Klagen mehr hören. Die Verwandten trafen sich also, unwillig zwar, aber sie trafen sich, denn der alte Richter war nicht irgendwer.

„Na schön“, sagte der eine, der als Sozialdemokrat bekannt war, „soll er einen Groschen mehr kriegen, was verschlägt’s.“

„Einen Groschen? Einen ganzen Groschen?!“, rief da entsetzt eine andere, eine gute Christenfrau. „Was soll ich denn meiner Putzfrau sagen, wenn ich meinem faulen, nichtsnutzigen Verwandten einfach so einen Groschen schenke? Einen Groschen, für den sie einen Tag lang putzen muss? Da mach’ ich mir ja die Preise kaputt!“

„Wie wäre es“, schaltete sich ein Dritter ein, der als Liberaler galt, „wenn wir uns auf einen halben Groschen einigten, das ist ein halbes Bier im Monat mehr, das sollte reichen und stößt schließlich auch die Binnennachfrage an?“

„Binnennachfrage“, äffte eine Vierte ihn nach. „Diese Herrschaften saufen eh schon genug, ich finde nicht, dass wir diesen Lebenswandel unterstützen sollten.“

Joviales Geschacher

„Ein Groschen ist zu wenig“, sagte nun der Sozialdemokrat, dem der arme Mann zwar völlig wurscht war, der aber erstens dieser blöden Christenziege eins auswischen wollte und sich zweitens mit dem armen Mann gut zu stellen hatte, weil er hoffte, der arme Mann werde ihm helfen, seinen, des Sozialdemokraten, renitenten kommunistischen Nachbarn zu verprügeln, der die Äpfel, die von des Sozialdemokraten Baum in des Nachbarn Garten fielen, einfach behalten und an die Armen verteilen wollte. „Eineinhalb müssen es schon sein!“, sagte er und wischte sich jovial einen Kaviarkrümel von der Krawatte.

„Niemals!“, schrie da eine andere Christenfrau (eine aus Bayern) empört, und dass das nur über ihre Leiche gehe usw. Und so ging es hin. Über Stunden, Tage, Wochen. Immer wieder mussten die Bediensteten die Champagnergläser auffüllen und frische 500-Euro-Scheine für den Kamin herankarren, und immer wenn der arme Mann davon hörte, dachte er bei sich: „Wenn meine Frau nicht wäre und die Kinder, ich würde zu euch gehen und euch sagen, was ihr mit eurem beschissenen Geld machen könnt, denn dass ich euer Geld nehmen muss, ist schon schlimm genug; aber dass ihr euch jetzt auch noch über mich lustig macht, das ist abscheulich." Und er spuckte dreimal aus.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Stefan Gärtner: Zum ewigen Kriege

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