In meinem Kopf gibt es einen Zettel, auf dem ich über die Woche notiere, was am Freitag an dieser Stelle zu lesen sein soll. Auf diesem Zettel stand in der 51. Kalenderwoche z.B. „Skandal bei der Deutschen Bank“, wo die Bedenken der Beobachter ja zusammengefasst dahin gingen, dass eine Bank, bitte sehr, nicht bloß an den Profit denken dürfe, was eine einigermaßen schwachsinnige Beschwerde ist, denn woran soll eine Bank, zumal eine nicht-genossenschaftliche, denn sonst denken; dann, dass Deutschland, was die materielle Gleichberechtigung der Geschlechter betrifft, nur von Japan und Südkorea untertroffen wird, was die Vermutung nahelegt, dass sich unser „kurioses Volk“ (Arno Schmidt) in Sachen Frauen- bzw. Mutterbild noch genauso wenig von A. Hitler und seiner beliebten Massenpartei erholt hat wie in den Bereichen Ausländer und Judentum; und drittens, dass auch zum Jahresende der Qualitätsjournalismus unerbittlich, ja geradezu „fanatisch“ (Hitler) an seiner Rolle als Großvernebler festhält: „Es ist paradox: Obwohl die Arbeitslosenquote sinkt, sind immer mehr Menschen in Deutschland von Armut bedroht. Der Armutsbericht des Paritätischen Gesamtverbandes sieht mehr als 15 Prozent der Bundesbürger gefährdet – das ist der höchste Wert seit der Wiedervereinigung. Erstmals belegt eines der alten Bundesländer den letzten Platz im Ranking. Verheerend ist die Lage im Ruhrgebiet.“
Im Fernsehen wird lieber eine unfassbar idiotische Frage behandelt
Es ist, liebe „Süddeutsche“, natürlich das genaue Gegenteil von paradox, wenn der deutsche Agenda-Kapitalismus nur die Wahl zwischen Niedriglohnarbeit und Straßengraben lässt; und wo die Mitte laut Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung zusehends kleiner wird, ist im Keller längst das Licht aus. „Wer arm ist, bekomme in Deutschland immer weniger Chancen, seiner Armut zu entfliehen: Die Nationale Armutskonferenz fordert flächendeckende Mindestlöhne und gesetzliche Mindestrenten“ („FAZ“).
Statt aber derart das Kind mit dem Bade auszuschütten, wird im Fernsehen lieber an zwei Talkabenden hintereinander die unfassbar idiotische Frage verhandelt, ob nun Steinbrück oder Merkel „glaubwürdiger“ seien, und wenn eine Freundin, die bei Anne Will die advocata diaboli machen durfte, anmerkt, es sei dies eigentlich keine Wahl bzw. eine zwischen dem, der die Agenda durchgesetzt hat, und jener, die sie für richtig hält, dann wird das praktisch nicht zur Kenntnis genommen, weil eine Talkshow eben dazu da ist, dass die eigentlichen Fragen auf gar keinen Fall und unter gar keinen Umständen verhandelt werden. Denn nicht ist der „Zusammenbruch des materiell-wirtschaftlichen Wertgebiets … bloß in Verbindung mit dem Zusammenbruch des umfassenden Gesamtwertsystems zu begreifen“ (Hermann Broch, 1933), sondern andersrum: Das Gesamtwertsystem ist nichts weiter als eine Funktion des materiellen, und so kaputt, korrupt und brutal dieses ist, so kaputt, korrupt und brutal wird das, was Wertsystem zu nennen nur dann ohne Zynismus geht, wenn man evangelisch ist oder sowieso bloß die Werte meint, die in ein Bankschließfach passen.
Der VfL Wolfsburg sollte sich schämen
Da braucht’s schon keinen Zettel mehr, es steht ja täglich in der Zeitung: Vor ein paar Wochen hat der Fußballverein VfL Wolfsburg den Fußballtrainer Magath entlassen und den Co-Trainer Lorenz-Günther Köstner gebeten, als Interimschef einzuspringen. Vorgestern ist der VfL ins Viertelfinale des DFB-Pokals eingezogen, in der Liga hat er sich von den Abstiegsrängen entfernt, die Spieler lieben den neuen Mann, der ARD-Experte Scholl schätzt ihn „über alle Maßen“ – und vorgestern Abend, nach dem gewonnenen Pokalspiel, wusste Köstner, den Tränen nahe, schon, dass die Vereinsführung, die ausschließlich in zeitgenössischen Remmidemmi- bzw. Burda-Kategorien zu denken imstande ist, ihn, den braven Mann, seiner Verdienste unbeschadet wieder degradiert und mit der arg patinierten Ikone B. Schuster lieber einen nächstbesten Ex-Fußballer verpflichtet.
Der VfL sollte sich schämen, für die eigene Dummheit und die, die er repräsentiert; und auch wenn es in diesen Zeiten fast ein Verbrechen sein mag, schöne Weihnachten zu wünschen:
Ich tu’s natürlich trotzdem.
Lesen Sie auch die letzte Kolumne von Stefan Gärtner: Am Ende ohne Ende
















