Jeder von uns kann heute zum Reporter werden. Srdja Popovic

Ausweitung der Dampfzone

Wer lesen will, muss fühlen: Über die freie Presse und ihren treuesten Freund.

Ich bin ja eigentlich ein Stadtmensch, und mag sein, das ist jetzt bereits eine Altersfantasie, aber manchmal, da träume ich mich unter einen Baum, hinter mir steht ein Haus, und das nächste Haus ist ziemlich weit weg, und da ich ein Mensch bin, der halbe Sachen hasst, halte ich auch keine Zeitungen mehr, das Idyll nicht zu stören.

Zwischen Ideologie und Transplantationsschieberei

Vielleicht wär’s aber auch ohne Haus und Baum kein Fehler, sich ein bisschen Abstand von der täglichen Presse zu gewähren, denn kaum hat man morgens beschlossen, der „Süddeutschen“ jetzt aber wirklich mal zu kündigen, wenn sie noch einmal das immer wieder gleich demente „scharf kritisiert“ herausphrast oder Kriegsopfer per frecher Überschrift („Ausweitung der Kampfzone“) zu Statisten im Boulevardtheater degradiert, sitzt man nachmittags mit der „FAZ“ im Zug und muss sich sogar im Feuilleton von der unvermeidlichen Regina Mönch über einen „Medizinskandal“ in der DDR informieren lassen, an dem, sowieso, die „Ideologie“ schuld gewesen ist, ganz anders als im Westen nämlich, wo vergleichbare Vorfälle, von Contergan bis zu den jüngstvergangenen Transplantationsschiebereien, sich gottlob bloß dem Profitprinzip verdanken. 50 Jahre hat die Conterganfirma Grünenthal an ihrer Entschuldigung gefeilt, und das ist wahrscheinlich die Freiheit, die Frau Mönch meint; die sich das Geifern aber trotzdem mal abgewöhnen sollte, ist auch besser für den Teint.

So geht das praktisch jeden Tag, und ohne dass man es recht merkt, läuft die nächste Sau am Frühstückstisch vorbei: Was darf ein Abgeordneter, darf eine Abgeordnete nebenraus verdienen, ohne dass er oder sie ihre Unabhängigkeit verliert, und es ist so herrlich absehbar das alles: Für die „SZ“ und ihren öden Sozialliberaldemokratismus steht die FdGO auf dem Spiel, während die „Frankfurter Allgemeine“ sich auf die Seite der Parlamentarier schlägt, die doch schließlich umso unabhängiger seien, je mehr sie irgendwo verdienten; das ist natürlich beides Quatsch, derselbe Quatsch wie die Rede vom „unabhängigen Abgeordneten“, den es nicht gibt, solange er gewählt werden will, und wenn er das ausnahmsweise nicht will, dann sitzt er mit seiner Unabhängigkeit zu Hause und nicht im Parlament.

„Erlaubnis zur Melancholie“

Was war noch? Genau, der große Grundschulvergleich, und kaum sehen wir die Titelzeile, ahnen wir, dass da jetzt wieder das große Geharke beginnt und mindestens eine Woche lang wieder mal kein Schwein fragt, wem dieser Rankingwahn eigentlich nützt, außer vielleicht der Heike Schmoll von der „FAZ“, die es sehr empört, dass Kinder in Mathe oder im Lesen in A um ein Jahr weiter sind als in B, während Tunichtgute wie ich ja einfach sagen: „Ist doch egal, solange sie am Ende lesen und rechnen können.“ Aber Schmoll, die, peinlich genug für eine Bildungsredakteurin, aus dem von ihr erst großartig geforderten und dann rundheraus abgelehnten Bologna-Blödsinn nichts gelernt hat, ist halt schrecklich in den Kampf aller gegen alle verliebt; weswegen sie den Wettbewerb auch verbessern will und die „Akademikerkinder“ am liebsten schon in der Grundschule von den ganzen Leistungsbremsen befreit sehen möchte. Sie schreibt das zwar nicht hin, aber nur mit knapper Not.

Am Bahnhofskiosk erteilt mir dann „Psychologie heute“ ungefragt die „Erlaubnis zur Melancholie“ und können die Paradetrottel von Eltern auf dem Cover der Paradetrotteleltern-Zeitschrift „Nido“ vor lauter Urbanität nicht einmal selbst entscheiden, wie lange sie ihre Blagen fernsehen lassen sollen; und ich seh mich vor dem Haus unter dem Baum sitzen. Eine Altersfantasie, ich weiß.

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